Bruder Niklaus Kuster ofmcap

Bruder Esel

Franz von Assisi und die Körperlichkeit

Franziskus ist Sohn seiner Zeit und sprengt zugleich ihre Fesseln. Das zeigt sich auch im Umgang mit seiner Leiblichkeit.

Aussätzige und ein nackter Christus

Der Luxuskaufmann liebt elegante Kleider und tanzt sinnenfreudig durch sein junges Leben. Als Krieg und Krankheit ihn in eine Sinnkrise stürzen, verblassen seine Erfolge und Träume. Er findet neues Licht in Assisis Schattenwelt: Entstellte Aussätzige wecken seine Menschenliebe. In San Damiano überrascht ihn auch Christus physisch geschunden: ein DU mit offenen Augen und weit offenen Armen. Enterbt lebt Franziskus fortan mit zerlumpten Gestalten beim Kirchlein des nackten Christus.

Geschöpf unter Geschöpfen sein

Bruder Esel
Bild: M. Helmich / pixelio.de

Obdachlos „wie die Vögel des Himmels“ und gekleidet „wie die Lilien des Feldes“ (Mt 6), findet er in die neue Familie der Schöpfung. In Hitze, Kälte, Dürre und Sturm teilt Franziskus das Schicksal jener, die in der Natur leben: Ausgeschlossene und Tiere. Er erkennt in allen Geschöpfen seine Geschwister – vom Vater geschaffen und von „Mutter Erde“ ernährt. Nur ein Geschöpf behandelt er unsensibel: seinen Leib.

Kampf mit „Bruder Leib“

Die Gefährten erzählen, wie Franziskus seine vitale Sexualität im Dornengestrüpp bändigt oder sich nachts nackt im Schnee wälzt und dass er krank an Fastentagen radikale Askese übt. Franziskus zeigt sich da als Sohn seiner Zeit. Heiligenviten lehren, dass die Seele umso freier werde, je härter man den Körper züchtige. Einige franziskanische Quellen folgen dem Mainstream der Prediger: Der Leib sei der schlimmste Feind der Seele und könne zur Rebellion gegen Gott verleiten. Er müsse hart angefasst werden. Franziskus lässt solche Töne selten hören und findet zu zärtlichen Aussagen über „Bruder Leib“. Auch „Bruder Esel“ ist liebevoll gemeint: Oft dienstbar, dann wieder störrisch, bewahren Esel Franziskus die Bewegungsfreiheit bis zu seinem Tod. Er gewinnt sowohl sein Reittier wie den Leib – beide treu und eigensinnig – lieb.

Leibhaftig leben

Im Widerspruch zu damaligen Moralisten sieht die Regel im Körper ein Geschenk des Schöpfers. Da Gott im Leib aller Gläubigen Wohnung nimmt, verdient dieser Respekt und Sorge mehr als jedes andere Geschöpf. Den leibfeindlichen Dualismus der Katharer verwirft der Sonnengesang, der die Schöpfung in ihrer geschwisterlichen Ganzheit besingt. 33 Verse des Schöpfungsliedes erinnern daran, dass Christus selber mit Leib und Seele in dieser Welt lebte. Dem asketischen Fasten der Mönche begegnet Franziskus mit der Freiheit des Evangeliums: Die Brüder sollen jederzeit essen, was Menschen ihnen anbieten. In Greccio feiert er Gottes „Menschwerdung im Fleische“ mit allen Sinnen.

Zusammenspiel von Leib und Seele

Die Vita zitiert einen Franziskus, der auf Teresa de Ávila vorausweist: „Für Bruder Leib muss man mit Klugheit sorgen … Damit es ihm nicht zu viel wird, zu wachen und im Gebet zu verharren, sei ihm jede Gelegenheit zu murren genommen.“ Als Geschöpf ist der Mensch zur Gottesfreundschaft berufen. Dabei wird der Leib zur vertrauten Kammer, in der die Seele lebt und meditiert. Vergänglich und verletzlich, ist der Körper das Zelt der Seele und das Kleid des Geistes, solange der Mensch Pilger und Gast ist auf Erden.


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