Im Land des Herrn | 72. Jahrgang | 2018 - 1

4 V on den vierzehn Stationen des traditionel- len Kreuzwegs ist die sechste Station der heiligen Veronika gewidmet. „Veronika reicht Jesus das Schweißtuch dar”, so ist sie gewöhn- lich überschrieben. Eine kleine Kapelle an der Via Dolorosa, etwa in der Mitte des Aufstiegs von der Talstraße hinauf zum Basar, erinnert den Pilger, wenn er in Jerusalem den Kreuzweg geht, an diese denkwürdige Szene, in der diese fromme Frau für ihren kleinen Liebesdienst das Antlitz Christi in ihr Schweißtuch eingeprägt erhält. Diese schmucke Kapelle, die der grie- chisch-katholischen Kirche gehört, wird heute von den Kleinen Schwestern Jesu des seligen Charles de Foucauld betreut. Biblische Quellen – Fehlanzeige Wer war diese Veronika? Sie ist die einzige Gestalt des Kreuzwegs, die in keinem der Pas- sionsberichte der Evangelien erwähnt wird. Man kann höchstens einen vagen Hinweis auf sie in der Begegnung Jesu mit den weinenden Frauen sehen, denen er sagt, sie sollen nicht über ihn, sondern über sich und ihre Kin- der weinen. Lukas berichtet uns diese Szene (Lk 23,27–31). Aber dieser Szene ist bekanntlich eine eigene Station, die achte, gewidmet. Ande- re, die in Veronika eine biblische Figur sehen wollen, verweisen auf die Apostelgeschich- te (Apg 25,13). Dort ist im Zusammenhang des Prozesses, den der Statthalter Festus in Cäsa- rea gegen Paulus führte, von König Agrippa die Rede, der zusammen mit seiner Schwester namens Berenike dem neu ernannten Festus einen Antrittsbesuch machte. Dabei ließ er ihm und Berenike den gefangenen Paulus vorführen. Manche wollen, – allerdings nicht sehr über- zeugend – diese Berenike mit Veronika identifi- zieren; denn „Veronica” ist die Latinisierung des griechischen Namen „Berenike”. Manchmal wird Veronika auch mit der Frau, die seit vielen Jah- ren an Blutungen litt und die Jesus bei der Auf- erweckung der Tochter des Jairus geheilt hat, deren Namen uns die Evangelien allerdings ver- schweigen (vgl. Mt 9,20–22), identifiziert. Doch auch das ist reine Vermutung. Veronika in der „Legenda aurea“ Da überzeugende Hinweise auf ihre historische Existenz in den neutestamentlichen und früh- Die Legende der heiligen Veronika Heilige Veronika Raynald Wagner OFM

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