13.09.2016

150 Jahre Bruder Jordan Mai

Wir Franziskaner laden sie herzlich ein, mit uns den 150. Geburtstag von Bruder Jordan Mai in Dortmund zu feiern.

In der St. Franziskus-Kirche in Dortmund, wo Bruder Jordan bis zuletzt gelebt hat, befindet sich auch seine letzte Ruhestätte. In der Seitenkapelle befindet sich sein Grab. Bild von Bruder-Jordan-Werke
In der St. Franziskus-Kirche in Dortmund, wo Bruder Jordan bis zuletzt gelebt hat, befindet sich im rechten Seitenschiff sein Grab. Bild von Bruder-Jordan-Werk

Bruder Cornelius Bohl eröffnete die Jubiläumsfeierlichkeiten mit einem Festgottesdienst in der Franziskanerkirche in Dortmund, wo sich das Grab von Bruder Jordan Mai im rechten Seitenschiff befindet. In seiner Predigt lässt er das Leben eines Bruders aufleuchten, der mit seiner unaufdringlichen Spiritualität auch heute noch Menschen inspiriert.

„Wenn etwas zu glatt und zu rund ist, entgleitet es uns leicht. Wir können es dann nicht richtig packen, bekommen keinen Zugriff. Das ist nicht nur bei einem Stück Seife so. Das kann auch bei einem Menschen so sein.

Bruder Jordan erscheint auf den ersten Blick sehr glatt. Eine runde Gestalt, eine Persönlichkeit wie aus einem Guss. Heute genau vor 150 Jahren wird er in eine fromme Familie hineingeboren. Früh schon ist er Mitglied der Marianischen Sodalität und der damals noch ganz jungen Kolping-Bewegung. Zwei seiner Schwestern werden wie er in eine Ordensgemeinschaft eintreten, sein Bruder Peter hat lange mit dem Gedanken gespielt, Jesuit zu werden. Glatt und reibungslos scheint auch seine Laufbahn im Franziskanerorden, nach den üblichen Jahren der Prüfung bindet er sich endgültig an unsere Gemeinschaft und arbeitet dann vor allem als Koch, aber auch in vielen bescheidenen Diensten im Haus, in Paderborn, Münster, Dingelstädt und vor allem hier in Dortmund. Fromm ist er, ein großer Beter, immer hilfsbereit. Ein Mensch, der sich nicht um sich selbst dreht, sondern immer zuerst an die anderen denkt – „Opfer“ und „Selbstverleugnung“, zwei für uns heute fremd klingende Begriffe, gehören selbstverständlich zu seiner Lebensgestaltung. Er stirbt früh, mit 56 Jahren, und unmittelbar nach seinem Tod setzt seine Verehrung ein.

Ist das alles nicht ein bisschen zu glatt, zu rund, verglichen mit unseren eigenen Lebenserfahrungen? Unser Leben ist doch meistens ganz anders – es hat Sprünge und Risse, verläuft oft ungeplant. Manchmal sind wir uns selbst fremd und verstehen uns selbst nicht mehr.

Wenn wir einen Menschen wirklich kennen lernen wollen, dann ist es oft hilfreich, gerade nach dem zu suchen, was an ihm nicht glatt und rund ist, sondern überra-schend und vielleicht auch befremdlich, was wir so nicht erwartet hätten und was auf den ersten Blick nicht passt. Sprünge in der glatten Oberfläche legen oft Ursprüngliches frei. Was stört, kann eine völlig neue Perspektive eröffnen. Scheinbar Anstößiges vermittelt uns einen Anstoß. Gerade da, wo wir stolpern, merken wir auf. Ich habe mich in den letzten Tagen ein wenig mit Bruder Jordan beschäftigt. Und ich habe gemerkt: Da ist nicht alles glatt und rund. Es gibt unerwartete Seiten an ihm, die mich überrascht haben. Darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken.

1. Wenn jemand in einen Orden eintritt, legt er das Versprechen des Gehorsams ab. Das heißt nicht nur, dass er bereit ist, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Das bedeutet vor allem, dass er auf den Ruf Gottes hören und ihm folgen möchte. Er fragt, was Gott von ihm will und wie er den Willen Gottes in seinem Leben verwirklichen kann. Gehorsam hat viel mit Vertrauen zu tun: Ich vertraue auf Gott und seinen Ruf, auch dann, wenn ich im Augenblick nicht verstehe, wohin er mich führt. Das ist sozusagen die glatte Seite. Und Bruder Jordan hat sie gelebt. Deswegen überrascht es umso mehr, wenn er in einem Brief einer Ordensschwester bekennt; „Wissen Sie, Schwester, wenn ich mit dem Herrgott nicht eins werden kann, dann wird es manchmal laut!“

Befremdlich: Es wird laut zwischen Bruder Jordan und Gott! Er ist also keineswegs immer nur eins mit Gott. Er sagt nicht sofort zu allem Ja und Amen. Er ringt mit Gott. Er will, menschlich gesprochen, Gott auf seine Seite ziehen, ihn umstimmen. Dabei lässt er nicht locker. Er zeigt Temperament, Leidenschaft, Kraft und Energie!

Das ist eine starke und kraftvolle Frömmigkeit. Wir kennen das aus der Heiligen Schrift: Jakob ringt mitten in der Nacht mit Gott. Dabei wird er verwundet, gezeichnet, geht aber aus diesem Kampf gesegnet hervor. Oder denken Sie an Abraham, der mit Gott um die Rettung der Stadt Sodom feilscht: Und wenn es dort nur hundert Gerechte gibt, oder fünfzig, oder vielleicht nur zehn – dann kannst du die Stadt doch nicht zerstören!! Gegen alle fromme und theologische Besserwisserei seiner „Freunde“ weiß sich Hiob vor Gott im Recht, er verteidigt sich ihm gegenüber und zieht ihn regelrecht vor sein Gericht.

Ja, es darf auch einmal laut werden in der Beziehung zu Gott. Da muss ich meine Gefühle, meine Leidenschaft, meinen Zorn nicht verstecken. Ich darf mit ihm ringen und kämpfen – er hält das aus! In meinem Glauben muss mein ganzes Leben vorkommen, auch meine Fragen, meine Emotionen, mein Leiden: Gott, warum lässt du das zu? Wieso passiert das gerade mir, meiner Familie, meinen Freunden? Ich verstehe dich nicht! Mein Engagement für einen Menschen, meine Sorge um einen Kranken, meine Angst um eine Beziehung, mein Leiden an ungerechten Situationen und mein leidenschaftlicher Einsatz für eine Veränderung – all das muss in meinem Gebet Platz haben, wenn es echt sein soll. Nichts von mir muss ich vor Gott schönreden oder verstecken. Und darum kann es durchaus auch einmal laut werden …

Provinzial Cornelius Bohl lässt in seiner Festpredigt das Leben von Bruder Jordan vor den Augen der Besucher "revue passieren". Bild von Bruder-Jordan-Werke
Provinzial Cornelius Bohl lässt in seiner Festpredigt das Leben von Bruder Jordan vor den Augen der Besucher „revue passieren“. Bild von Bruder-Jordan-Werk

2. Bruder Jordan war ein stiller, gerader Mann, der von anderen geachtet und geschätzt wurde – schon als Jugendlicher in seiner Ausbildung zum Sattler, später dann von seinen Mitbrüdern und vielen Menschen, die ihm persönlich begegnet sind oder auch nur in der Kirche sahen. Das ist die eine, die „glatte“ Seite. Aber es gibt auch noch eine andere Seite: Manchmal lächelt man auch über ihn und schüttelt den Kopf. Mitbrüder hier in Dortmund nennen ihn den „frommen Koch“ – und das ist nicht nur Ausdruck von Wertschätzung, da schwingt auch ein wenig Unverständnis und Ironie mit. Seine Frömmigkeit reizt manche Mitbrüder, sie machen sich über ihn lustig. Auch Obere tun sich manchmal schwer mit ihm.

Wir lachen oder schütteln den Kopf, wenn uns etwas nicht „normal“ vorkommt. Wenn Erfahrungen nicht zueinander passen. Wenn sich etwas ganz anders zeigt, als wir es erwartet hatten.

Tatsächlich, bei Bruder Jordan passt manches nicht so richtig zusammen, es gibt Seiten an ihm, die man auf den ersten Blick von außen nicht erwartet. Äußerlich ist er ein sehr einfacher, wortkarger, etwas schwerfälliger Mann – aber innerlich brennt ein spirituelles Feuer, da lebt eine lebendige und dynamische Gottesbeziehung. Von außen betrachtet ist er der Koch, der treu seinen Dienst tut und überall einspringt, wo er gebraucht wird – und dann verbringt er ganze Nächte in der Kirche, liegt im Gebet ausgestreckt auf dem Boden, der große Fürbitter, der mit Gott ringt. Die Außenseite seiner Biographie ist völlig unspektakulär, er führt ein einfaches, normales, unauffälliges Leben wie viele andere auch – aber in ihm lebt und wirkt Gottes Geist in einer Weise, dass wir uns heute noch daran erinnern! Da muss man doch unwillkürlich den Kopf schütteln: Dass es so etwas gibt! Da muss man doch unwillkürlich lächeln über die verrückten Einfälle Gottes!

Und da wird Bruder Jordan plötzlich zum Spiegel, in dem ich mich selbst ansehe: Was für ein verrückter Einfall Gottes, dass er auch in jedem von uns lebt und gegenwärtig ist! „Vater, wie Du in mir bist und ich in Dir, so sollen auch sie in uns sein!“, betet Jesus kurz vor seinem Tod. Wir sind in Gott! Und Christus lebt in uns! Dabei ist unser Leben doch so alltäglich und normal, ab und zu langweilig und grau, oft voller Sorgen, angefochten von Krankheiten, manchmal belastet mit einer schweren Geschichte. Es gibt Dunkles, Unerfülltes, Sprünge, auch Schuld. Und darin soll Gott vorkommen? Ja, genau, darin, in diesem unserem gewöhnlichen Leben kommt Gott vor. Durch die Taufe lebt Christus in uns. Wir tragen den Schatz der Erkenntnis Christi in zerbrechlichen Gefäßen, sagt der Apostel Paulus. Wenn wir ehrlich sind, müssten wir über uns selbst lächeln und den Kopf schütteln: Auf was für verrückte Ideen Gott bei uns gekommen ist!

3. Bruder Jordan ist vor allem der große Beter. Er betet für die großen Anliegen seiner Zeit, für die Soldaten im Krieg, für die Arbeiter unter Tage und ihre Familien, deren hartes Los ihn berührt. Immer wieder bitten ihn Menschen in konkreten Anliegen um sein Gebet, auch die Mitbrüder im Kloster, und immer tut er es gerne und selbstverständlich. Und dann kommt wieder so eine unerwartete Überraschung. Da kann er doch tatsächlich einem Pater, der seine Arbeit seinem Gebet empfohlen hatte, sagen: „Dummes Zeug beten Sie erst einmal selbst!“

Das passt doch gar nicht zu ihm! Das stört doch das glatte und schöne Bild, das wir von ihm haben! Ja, Bruder Jordan ist der Beter, der Fürsprecher, der, ganz im Stil der Frömmigkeit seiner Zeit, für andere stellvertretend Sühne leistet. Er betet für sie – aber nicht an ihrer Stelle. Alles kann er ihnen nicht abnehmen: glauben und den Glauben leben müssen sie schon selbst, vertrauen müssen sie selbst, beten müssen sie selbst! Der Stellvertreter ist nicht der Ersatzmann, der alles statt mir erledigt, so dass ich draußen bleiben kann aus dem großen Spiel zwischen Gott und Mensch. Er ist vielmehr der, der mir hilft, dass ich immer besser hineinkomme in dieses Spiel. Bruder Jordan verweist mich auf mich selbst: Lebe Deinen Glauben! Bete! Fange heute noch bei Dir selbst an!

Wer Bruder Jordan näher kennenlernt, kann mit ihm Überraschungen erleben. Gerade da, wo bei ihm nicht alles „glatt“ ist, sondern wo er uns erstaunt und auf den ersten Blick vielleicht sogar etwas befremdet, kann er uns etwas sagen: Sei im Glauben echt und ehrlich, verstecke nichts. Alles, was zu Dir gehört, darfst Du vor Gott bringen. Da darf es auch einmal laut werden. Lächle ruhig einmal und schüttle den Kopf über Dich selbst: In Deinem einfachen und normalen Alltag, unspektakulär und oft schwer genug, ist Gott gegenwärtig – er in Dir und Du in ihm! Was Gott doch für verrückte Einfälle hat! Halte Dich nicht raus aus dem großen Spiel zwischen Gott und Dir: Mach dich auf die Suche nach Gott, bete zu ihm, vertraue ihm, lebe Deinen Glauben, fang bei Dir selbst an, noch heute.“

Amen.

Die Zelebranten beim Festgottesdienst.
Die Zelebranten beim Festgottesdienst. Bild von Bruder-Jordan-Werk.

Auszug aus dem Festprogramm im Jubiläumsjahr 2016

  • 4. Oktober
    10:00 Uhr Eucharistiefeier
    Bruder Werenfried Wessel, Dortmund
    Ich habe ein Verlangen: Gott mehr zu lieben als ich es tue
  • 6. Dezember
    10:00 Uhr Eucharistiefeier
    Bruder Georg Scholles, Essen
    Was wird wohl werden mit der Zukunft? Das weiß ich nicht…

Wir laden Sie ein bei einer Bruder-Jordan-Wallfahrt,

  • einem Einkehrtag oder Ausflug … die Gestalt und die Spiritualität Bruder Jordans kennenzulernen,
  • an einer Führung in der Franziskanerkirche teilzunehmen,
  • einen Einkehrtag mit einer Gruppe Ihrer Gemeinde bei uns zu verbringen,
  • sich im Gespräch über das Leben Bruder Jordans zu informieren,
  • die Dienste der Franziskaner kennenzulernen,
  • theologische Fragen und Themen in Impuls und Gespräch zu bedenken,
  • beim Mittagessen oder bei Kaffee und Kuchen miteinander zu plaudern,
  • einen Wortgottesdienst zu gestalten oder eine Heilige Messe zu feiern.

Herzlich willkommen in Dortmund!


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