15.07.2020 Pater Cornelius Bohl OFM

Abschied der Franziskaner von Halberstadt

Abschiedswort von Provinzialminister P. Cornelius Bohl OFM, am 12. Juli 2020

Sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Schwestern, liebe Brüder,

„Lernen aus der Geschichte“ Abschiedswort von Provinzialminister P. Cornelius Bohl in der Franziskanerkirche in Halberstadt.
Bild von Bruder Stefan Federbusch OFM.

immer wieder einmal wird darüber diskutiert, ob man aus der Geschichte lernen kann. Ich habe darauf auch keine eindeutige Antwort. Aber ich bin sicher: Geschichte bringt zum Nachdenken. Das gilt auch für einen Tag wie den heutigen, der, ich wage einmal dieses hohe Wort, für uns Franziskaner schon ein historischer Tag ist. Blicken wir also ein klein wenig auf die Geschichte zurück.

Nächstes Jahr sind es genau 800 Jahre her, dass die ersten Minderbrüder aus Assisi nach Deutschland kamen. Unter ihnen befand sich auch Jordan von Giano, der dann im Alter, 1262, hier in Halberstadt als Zeitzeuge seine berühmte Chronik über die ersten Brüder in Deutschland verfasst. Das ist schon fast grotesk: Halberstadt steht in der franziskanischen Tradition für den Anfang – und der heutige Tag markiert ein Ende. Halberstadt steht für das Kommen der ersten Brüder – und heute gehen die letzten. Das ist nicht nur eine Zäsur. Das ist einfach traurig, und da gibt es nichts schönzureden. „Halberstadt muss das letzte Kloster sein, das wir aufgeben“, hat mir Bruder Valentin öfter gesagt, der im November 2018 hier verstorben ist. Lieber Valentin, leider geht da unsere Provinzgeschichte andere Wege. Wir sind gerade dabei, innerhalb nur eines Jahres sieben unserer Häuser aufzulösen. Und Halberstadt ist nicht das letzte. Uns fehlen einfach die jungen Brüder, die das weitertragen, was die Generationen vor uns aufgebaut haben. Schön ist das nicht. Aber das ist ja nicht nur ein Problem von uns Minderbrüdern. Es ist ein Zeichen für die riesigen Umbrüche, in denen wir Christen in unserem Land stehen. Wohin das führt, zu welcher Form von Ordensleben, zu welcher Form von Kirchesein und Glaube, das wissen wir nicht. Aber uns Franziskaner erinnert es an ein Wort in unserer Regel. Franziskus schreibt: „Die Brüder sollen sich nichts aneignen, weder Haus noch Ort noch sonst eine Sache. Und gleichwie Pilger und Fremdlinge in dieser Welt, die dem Herrn in Armut und Demut dienen, mögen sie voll Vertrauen um Almosen bitten gehen und sollen sich dabei nicht schämen, weil der Herr sich für uns in dieser Welt arm gemacht hat“ (BR 6) Und gemeinsam als Christen erinnern wir uns an das Wort Jesu, seine Jünger sollten nichts mitnehmen auf den Weg, sondern ohne Sicherheiten, aber im festen Bewusstsein ihrer Sendung das Reich Gottes ansagen. Kommen und gehen, auf dem Weg sein – das ist Grundform des Glaubens. Daran erinnert ein Tag wie heute.

Ein zweiter Blick in die Geschichte: Im Jahr 1603 war von der damaligen, einst so glorreichen Sächsischen Franziskanerprovinz nur noch dieser Konvent in Halberstadt übrig geblieben, und der musste, so heißt es, „sehr um seine Existenz kämpfen“. Im Vergleich dazu geht es uns heute ja fast noch gut! Das Ende für das Kloster Halberstadt kam dann nach fast 600 Jahren tatsächlich in der Säkularisation. Aber es war kein Ende für immer. 1920 kehren die Brüder zurück. Noch kurz vor Kriegsende, im April 1945, werden Kloster und Kirche durch einen Bombenangriff zerstört. In den fünfziger Jahren, unter den schwierigen Bedingungen der damaligen DDR, werden zunächst der Chorraum der Kirche und das Kloster wiederaufgebaut, dann Anfang der 80er Jahre das Kirchenschiff. Die von den Brüdern initiierte Arbeit der Wärmestube wird heute von der Caritas weitergeführt wird. Sind das alles nur geschichtliche Zufälle, historische Eskapaden, in denen wir mitspielen müssen, ob wir wollen oder nicht? Für uns Christen hat Geschichte eine Tiefendimension. Seit Gott in Jesus Christus in diese Geschichte eingegangen ist, ist Geschichte immer auch eine Herausforderung Gottes an uns. Wir können Geschichte nicht eigenmächtig gestalten, das merken wir gerade in diesen Zeiten. Aber wir müssen sie auch nicht nur ohnmächtig erleiden! Wir dürfen glauben, dass Gott uns in unsere Geschichte hinein sendet, dass er zu uns durch die Geschichte spricht und uns durch die Geschichte führt. Das macht unser Leben nicht einfacher und nimmt uns schwere Entscheidungen nicht ab. Aber es schenkt mir doch Vertrauen und gelassen-gläubige Zuversicht. Auch das ist eine Botschaft dieses Tages an uns.

Kloster und Kirche in Halberstadt. Glasmalerei.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Und noch ein dritter Blick zurück. Der Gerichtssekretär Johann Heinrich Ludwig Holtze, 1779 hier in Halberstadt als Sohn eines armen Schusters geboren, kommt in seinen Memoiren auch einmal auf unsere Brüder zu sprechen: „In der Kirche des Franziskaner-Klosters, wo man stets gute Kanzelredner hielt, wurden in der Fastenzeit alle Freitage sogenannte Fastenpredigten gehalten, bei denen die Kirche oft zum Erdrücken voll war. Die Protestanten besuchten diese Fastenpredigten sehr zahlreich, und zwar nicht aus Neugier, sondern um sich zu erbauen, da zelotische Ausfälle auf Fremdgläubiges nie vorkamen.“ Eine erfreuliche Aussage, auch wenn ich natürlich weiß, dass es in unserer Gemeinschaft etwa zu Zeiten der Reformation beides gab, Brüder, die sich begeistert der neuen Lehre angeschlossen haben, wie solche, die sie mit Gift und Häme bekämpften. Die eher beiläufige Randbemerkung von vor 200 Jahren aber zeigt doch auch, dass unsere Brüder immer wieder viel Wohlwollen und Unterstützung erfahren haben. Und das gilt durch alle Jahrhunderte bis heute. Darum ist ein Tag wie heute vor allem auch Grund, Danke zu sagen. Dank zunächst an Gott für das, was er durch unsere Brüder hier in 800 Jahren getan hat, auch wenn sie sicher nicht immer dem Evangelium treu waren und es auch manch Dunkles gab. Ein ganz besonderer Dank an Sie, sehr geehrter, lieber Herr Bischof, für alles Wohlwollen und alles Verständnis uns gegenüber, und Dank auch an Ihre Vorgänger für alle Unterstützung durch viele Jahrzehnte bis heute. Dank an Sie, lieber Herr Pfarrer Sommer, für alle gute und unkomplizierte Zusammenarbeit. Ein wesentliches Dankeschön gilt auch den Schwestern und Brüdern aus den Kirchen der Reformation für alles gemeinsame christliche Zeugnis. Ich freue mich wirklich sehr, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Einladung gefolgt und heute hier sind. Dank den Verantwortungsträgern in der Stadt, in Politik und Gesellschaft, vor allem natürlich all den vielen Frauen und Männern, die hier in 800 Jahren unser Leben geteilt und uns unterstützt haben. Der Blick in die Geschichte macht dankbar, auch das gehört wesentlich zu diesem Tag.

Ich weiß nicht, ob man aus der Geschichte lernen kann. Auch das wird ja oft gesagt: Wer aus der Geschichte nicht lernt, muss sie wiederholen. Das aber muss ja nicht immer nur schlecht sein. Vor 800 Jahren sind wir Minderbrüder nach Halberstadt gekommen. In der Säkularisation sind wir gegangen. Vor genau hundert Jahren kamen wir wieder. Heute gehen wir erneut. Ob wir mal wiederkommen? Morgen und übermorgen wohl nicht, aber wer weiß. Gerade hier in Halberstadt lehrt uns ja John Cage Geduld und langen Atem und den Mut, in weiten Zeiträumen zu denken. Was aber wichtiger ist: Als Christen bleiben wir unterwegs, im Vertrauen auf einen Gott, der uns in die Herausforderungen unserer Zeit sendet und aus der Zeit heraus anspricht, Darum dürfen wir unseren Weg gelassen gehen und hoffentlich voller Dankbarkeit.

Danke!


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