01.03.2016 Bruder Andreas Müller

Anton Rotzetter † Nachruf

Ein Meister der "Spiritualität für heute"

Bruder Anton Rotzetter ofmcap, Kapuziner. Bild von Bruder Andreas Müller
Bruder Anton Rotzetter ofmcap, Kapuziner. Bild von Bruder Andreas Müller

Anton Rotzetter, Kapuziner, Dr. theol. geboren am 3. Januar 1939 in Basel, ist unerwartet am 1. März infolge eines Herzversagens gestorben. „Unermüdlich war er bis zuletzt tätig, erfüllt vom Geist des heiligen Franziskus. Er war ein hervorragender Kenner der franziskanischen Spiritualität, die er als Dozent, Exerzitienmeister, Prediger, Schriftsteller, in vielen Büchern und in unzähligen Vorträgen und Gesprächen zu vermitteln suchte. Er hatte eine bewundernswerte, schier unerschöpfliche Schaffenskraft und eine bewundernswerte theologische Hellsicht“, wie es in der Todesanzeige heißt.

Bruder Anton ist 1959, zwanzigjährig, in Luzern dem Kapuzinerorden beigetreten; sein Studium der Theologie in Solothurn fiel in die Zeit des Vatikanischen Konzils. Das hat ihn geprägt und begeistert: die Öffnung der Kirche zur Welt hin, Kirche als wanderndes Volk Gottes, die „die Freude und Hoffnung, aber auch Sorgen und Ängste“ der Menschen zu den ihren macht. Er spürte schnell, dass dies ja genau das war, was ihn an Franz von Assisi so begeisterte: der Standortwechsel aus dem Elfenbeinturm der gestanzten Wahrheiten und der bürgerlichen Sicherheiten hin zu einer Kirche der Armen und zu den Problemen der Zeit; und die neue Brille, mit der er den armen Jesus von Nazareth wieder entdeckte, der in der feudalen Kirche der Macht und des höfischen Auftretens gar nicht mehr in den Blick kam.

Die verantwortlichen Oberen erkannten seine vielen Talente und schickten ihn zu weiteren Studien nach Fribourg und ab 1967 zum postgraduierten Studium nach Bonn und Tübingen, das er 1974 abschloss mit einer Dissertation zum Thema „Die Funktion der franziskanischen Bewegung in der Kirche. Eine pastoraltheologische Interpretation der grundlegenden franziskanischen Texte“ (1976). Das war die Zeit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem ganzen Erbe des Franz von Assisi. Da hat er das Pfund gewonnen, mit dem er nun wuchern konnte – zu Fragen der Zeit, zu Mystik und Politik, zur franziskanischen Theologie und Praxis. Und das in der Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche und der 68er-Bewegung, die er ja miterlebte. Er nannte diese Zeit die Befreiung aus dem „Ghetto“ in die katholische Weite.

Nun war er gerüstet, nun konnte er seine Mission beginnen. Er wurde bald zum Präsidenten der „Franziskanischen Jugend“ gewählt. Quer durch Westeuropa bildeten sich Jungterziarengruppen. Von 1968 bis 1993 war er theologischer Assistent der franziskanischen Bewegung „Mariental“. Immer war er auf der Suche nach einer neuen Spiritualität, nach einer neuen Sprache, nach der authentischen Praxis heute. Rund 90 Buchpublikationen gehören dazu. Er war ein Meister der Sprache und der Theologie, aber auch ein fundierter Kenner der franziskanischen Geschichte und darf deshalb zu Recht ein Meister der Spiritualität für heute genannt werden. Eines seiner Frühwerke war das Buch „Franz von Assisi. Ein Anfang und was davon bleibt“ (1982). In vielen späteren Publikationen entfaltete er dieses Thema immer weiter. Hinzu kamen auch poetische Essays und Gebetstexte, die weit verbreitet sind. Ein ganz wichtiges Anliegen war ihm die Schöpfungsmystik im Sinne des heiligen Franziskus. Zeitlebens war er ein leidenschaftlicher Kämpfer für die verletzte Natur und die Würde der Tiere. 2009 wurde er zum Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie in Münster.

 

Verabschiedung der beiden Gründerväter Andreas Müller OFM (2.R. 3.v.l.) und Anton Rotzetter OFMCap (1. R. 2. v. l) aus dem Leitungsteam des CCFMC bei der Sitzung im Mai 2011 im Exerzitien der Franziskaner in Hofheim. Bild von Kerstin Meinhardt
Verabschiedung der beiden Gründerväter Andreas Müller OFM (2.R. 3.v.l.) und Anton Rotzetter OFMCap (1. R. 2. v. l) aus dem Leitungsteam des CCFMC bei der Sitzung im Mai 2011 im Exerzitien der Franziskaner in Hofheim. Bild von Kerstin Meinhardt

„Grundkurs zum franziskanischen Missionscharisma“

Eine besondere Bedeutung für die franziskanische Familie erlangte er durch den „Grundkurs zum franziskanischen Missionscharisma“ (CCFMC). 1981 hatte der internationale Missionsrat der Franziskaner in Assisi beschlossen, einen solchen Kurs zu entwickeln, entsprechend der Forderung des Konzils an die Orden, ihre Quellen neu zu entdecken. Der Kurs sollte interfranziskanisch und interkulturell sein. Zur Realisierung wurde ein Exekutivkomitee eingerichtet, und dieses beauftragte mich, die Arbeit zu organisieren und zu koordinieren. Zu insgesamt zwanzig Themen suchten wir Beiträge aus der weltweiten franziskanischen Familie. 1984 war es so weit. Wir brauchten ein kompetentes deutschsprachiges Redaktionsteam. Dieses sollte den Kurs in eine einheitliche Form und Sprache bringen.

Hier begann die enge und intensive Verbindung von Anton Rotzetter mit dem Kurs. Der Kapuziner hatte gerade zusammen mit seinen Ordensbrüdern Leonhard Lehmann und Wilhelm Egger den „Franziskanischen Fernkurs“ fertiggestellt. Er und Leonhard Lehmann waren sofort bereit, ihre Erfahrung einzubringen und mitzuarbeiten. Um sie herum stellten wir ein Team aus acht Schwestern und Brüdern zusammen. Bruder Anton wurde Leiter der Gruppe. 1987 ging die Verantwortung für die Ausgestaltung des Grundkurses an ein internationales Leitungsteam, in dem alle Leitungsstellen der franziskanischen Familie vertreten sind: erster und zweiter Orden, die IFC/TOR Orden und SFO. Bruder Anton wurde zum Präsidenten gewählt und hatte dieses Amt von 1987 bis 2012 inne. Damit wurde ihm quasi ein neues Forum eröffnet: der direkte Zugang zur weltweiten franziskanischen Familie.

Das wurde besonders deutlich beim erstmaligen Treffen der weltweiten franziskanischen Familie in Assisi 1994, als sich 160 Delegierte aus allen Kontinenten zu einer gründlichen Bearbeitung des Kurses trafen. Zwei Jahre lang hatten sie sich auf diese Begegnung vorbereitet. Die engagierten Debatten, in einer wirklich geschwisterlichen Atmosphäre, führten in der Tat zu einer grundlegenden Reform des Kurses. Das internationale Leitungsteam beauftragte nach einer langen Diskussion wiederum das bewährte Redaktionsteam aus der deutschen Sprachgruppe, die umfangreichen Anregungen, Änderungswünsche und Kritiken in eine neue Ausgabe des Kurses einzuarbeiten. Vier Jahre dauerte diese Arbeit, mit vielen ganzwöchigen Sitzungen. Da waren alle Talente und Erfahrungen von Bruder Anton gefragt; auch seine Lernbereitschaft, wenn kritische Fragen und kluge Einwände seine Sicht ergänzten. Entstanden ist ein hochwertiges internationales Gesamtwerk, das einmalig ist und nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Es gründet auf dem Konzil, den franziskanischen Quellen und den Zeichen der Zeit. Das gehört sicher zum nachhaltigsten Erbe von Anton Rotzetter, gleichsam sein Meisterwerk. Er war für uns Bruder, Freund, Berater, Mahner und unbequemer Prophet. Er sieht jetzt all das in hellerem Licht und wird uns – so hoffen wir – von dort weiter begleiten. Danke, Bruder Anton!

 


2 Kommentare zu “Anton Rotzetter † Nachruf

  1. Gott, der mich atmen lässt… Dieses Gebetbuch von Anton Rotzetter gehört zu meinem wichtigsten, prägenden „Hab und Gut“. Empfohlen hat es mir unser damaliger Pfarrer Dr. Herbert Winterholler. Vielen Dank für den Nachruf von Bruder Andreas Müller, der mir viel Einblick in die Persönlichkeit des Verstorbenen gegeben hat. Das Foto habe ich mir runtergeladen. Danke!

  2. Über den Tod von P. Anton Rotzetter bin ich zutiefst erschüttert. Ich war das eine und andere Mal mit ihm bei einer Konferenz. Ich habe ihn sehr geschätzt. Er hat das franziskanische Leben und die franziskanische Spiritualität geprägt wie kaum ein anderer. Er wird uns fehlen. Selten ist ein Mensch unersetzlich. P. Anton ist sicher nicht ersetzbar. Möge er nach all den Unruhen seines Lebens bei Gott die ewige Ruhe finden! Möge ihn unser Ordensvater Franziskus in seine Arme nehmen!

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