17.06.2017 Stefan Federbusch ofm

Bericht vom Mattenkapitel der Minderbrüder

Franziskaner, Kapuziner und Minoriten gedenken ihrer gemeinsamen Geschichte und wagen einen Blick in die Ordenszukunft

Zum ersten Mal in der Ordensgeschichte trafen sich die Brüder der drei Orden in Deutschland um gemeinsam auf ihre Geschichte zu schauen und einen Blick in die Zukunft zu wagen. Bild von Kerstin Meinhardt

Ein historisches Ereignis begingen und ein historisches Ereignis schufen die Mitglieder des Ersten Ordens vom 12. bis 14. Juni 2017 in Hofheim und Frankfurt. Die Minderbrüder gedachten der Trennung des Ordens durch Papst Leo X. im Jahr 1517 und sie trafen sich zu einem ersten gemeinsamen „Mattenkapitel“ in Deutschland von Franziskanern, Minoriten und Kapuzinern.

Mattenkapitel der Minderbrüder: Plakat der Veranstaltung.

„500 Jahre Reformation“ – ordensmäßig wie kirchlich – waren gleichermaßen Anlass zur kritischen Rückschau wie zur Vorschau auf eine möglicherweise gemeinsame Zukunft.

Knapp 70 Mitglieder der drei Männerorden von Franziskanern (OFM), Minoriten (OFMConv) und Kapuzinern (OFMCap) waren zum ersten gemeinsamen „Mattenkapitel“ der Ordensgeschichte gekommen.

Der Begriff „Mattenkapitel“ geht auf die Tradition zurück, dass sich die ersten Brüder des Franziskanerordens jährlich um Pfingsten herum in Assisi trafen. Den Anlass für das heutige historische Ereignis bildete die rechtliche Trennung des Franziskanerordens im Jahr 1517 durch Papst Leo X. in die zwei Ordenszweige von Konventualen und Observanten. Später bildete sich mit den Kapuzinern ein dritter Ordenszweig heraus. Da die Trennung zeitgleich zum Jahr der Reformation geschah, spiegelte das Thema „500 Jahre Reformation“ sowohl die Trennung in Kirche wie im Orden.

Eine feierliche Eröffnungsproklamation von Bruder Stefan Federbusch OFM begrüßte die angereisten Brüder Minoriten, Kapuziner und Franziskaner. In einer imaginären Deutschlandkarte stellten sich die Brüder nach ihren Herkunftsorten auf. Dabei ging der Blick über Deutschland hinaus, da auch Brüder aus Genf, Rom, Abu Dhabi und Japan an dem Treffen teilnahmen.

Einen ersten inhaltlichen Baustein lieferte Leonhard Lehmann OFMCap mit einem historischen Durchgang von 1517 bis 1897. Dabei lag der Schwerpunkt auf den Hintergründen der päpstlichen Bulle „Ite et vos“, mit der Papst Leo X. die Trennung in Konventualen (heute: Minoriten) und Observanten (heute: Franziskaner) besiegelte. Der Titel seines Vortrags „Ein Orden und viele Reformen – Drei Orden in wachsender Angleichung“ machte deutlich, dass die historischen Unterschiede in der Praxis der drei Männerzweige heute weitgehend nicht mehr bestehen.

Um das „Heute“ ging es auch in der anschließenden Präsentation der drei Provinzen durch die jeweiligen Provinzialminister Cornelius Bohl OFM (Franziskaner), Marinus Parzinger OFMCap (Kapuziner) und Bernhardin Seither OFMConv (Minoriten).

Zu einem vertieften Kennenlernen unter dem Motto „Der jeweilige Stallgeruch“ mischten sich die Brüder in Kleingruppen, die jeweils aus einem Minoriten, zwei Kapuzinern und sechs bis sieben Franziskanern bestanden. Der erste Abend diente mit Speis und Trank vom Franziskanerkloster Kreuzberg in der Rhön dem weiteren „Beschnuppern“.

Gruppenbild in der Frankfurter Paulskirche: Die Teilnehmer des ersten gemeinsamen Mattenkapitels.

Der zweite Tag begann mit der Feier der Eucharistie am Gedenktag des hl. Antonius von Padua, der die drei Provinzialminister vorstanden.

Nach dem historischen Rückblick auf die eigene Geschichte widmeten sich die Teilnehmendem dem zweiten Akzent: „Die Minderbrüder und die Reformation“. Johannes Schlageter OFM brachte in einem (fiktiven) „Brief an Bruder Martin“ (Luther), seine Sympathie, aber ebenso seine kritischen Anfragen an den Reformator zum Ausdruck.

In zwei Statements reagierten darauf aus historischer Sicht Bernd Schmies von der Fachstelle Franziskanische Forschung wie aus internationaler Sicht der Franziskanischen Familie Markus Heinze OFM von Franciscans International. Ein drittes Statement aus der Sicht der Ökumene und einer lutherischen Ordensgemeinschaft musste aufgrund der Erkrankung der vorgesehenen Schwester der Christusbruderschaft Selbitz leider entfallen.

Vertieft wurden die bis dahin gesetzten Akzente unter dem Motto „Franz und Luther. Eine bleibende Provokation“ in einem „Fishbowl“ mit unterschiedlichen Besetzungen: mit den Referenten, mit Exprovinziälen, mit Ausbildungsverantwortlichen, mit Brüdern anderer Nationalität, mit Brüdern aus den Missionsgebieten…

Der Nachmittag begann mit einem Höhepunkt und Paukenschlag: Der feierlichen Verkündigung der (noch) fiktiven Unionsbulle „Ut unum sint“ von Papst Franziskus III. aus dem Jahr 2030, in der es u.a. heißt: „Nach Jahrhunderten des Aufblühens, der wachsenden Ausbreitung sowie der Teilung des Ordens in verschiedene Ordensfamilien ist nun der heilsgeschichtliche Moment gekommen, in dem zusammengefügt werden soll, was zusammengehört… Da dem so ist, rufen Wir kraft Unserer Apostolischen Autorität und kraft dieses Schreibens alle Obödienzen des Minderbrüderordens… zur Einheit und zu einer völligen und vollendeten Gemeinsamkeit des Lebens auf, so dass der vom heiligen Franziskus gegründete und von ihm so genannte Ordo Fratrum Minorum (OFM) nach allen Spaltungen und Teilungen durch die Jahrhunderte hindurch wieder zu einem einzigen Orden wird.“

Angesichts der wachsenden Angleichung der drei Orden stellt sich die Frage, ob nicht ein Zusammenschluss in absehbarer Zukunft möglich und sinnvoll erscheint. Eine Vision, die unter dem Titel „Unionsbulle von Papst Franziskus III. Der Erste Orden im Jahr 2030“ in den Ausführungen von Leonhard Lehmann OFMCap Gestalt annahm. Zumindest scheinen die drei Generalminister in Rom der Idee nicht ganz abgeneigt, wie sie jüngst bei einem Kongress in Spanien bekundeten.

In Kirchenkabarettistischen Geschichten für (H)Eilige hieß es am Abend in humoriger Weise von Stefan Herok: „Einmal Bruder Franz – Martin Luther – Papst Franziskus und zurück“. In einem „Bonifatiuslied“ gab er den Brüdern mit auf den Weg: „Das, Minderbrüder deutschlandweit, das wär für Euch mein Rat: Verbrüdert euch, denn es ist Zeit, dass ihr gemeinsam fahrt! Macht aufmerksam auf euren Stil zu leben hier und heut! Da braucht es materiell nicht viel, ein Herz nur, das an Gott sich freut! Macht aufmerksam, das braucht die Welt, zeigt wie man einfach lebt. Schön, wenn ihr frommes Beispiel gebt, wie man mit Bodenhaftung schwebt!“

Ökumenisches Mittagsgebet: Die Brüder lauschen in der Frankfurter Katharinenkirche den Worten des evangelischen Stadtpfarrers Olaf Lewerenz.

Am dritten Tag machten sich die Minderbrüder auf nach Frankfurt, um zunächst die Paulskirche zu besuchen, die auf dem Grund des ehemaligen Franziskanerklosters (Barfüßerkloster) steht und deren Vorgängerkirche über einige Jahrhunderte die evangelische Hauptkirche war.

Mit dem Impuls „Die Barfüßer, die Reformation und die Demokratie“ rief Stefan Federbusch OFM die drei wesentlichen Aspekte des Ortes in Erinnerung. Christophorus Goedereis OFMCap vervollständigte die Historie der franziskanischen Präsenz in der Kaiserkrönungsstadt durch die Ansiedlungsgeschichte der Kapuziner, die in diesem Jahr „100 Jahre Kapuziner an Frankfurt-Liebfrauen“ feiern.

In ökumenischer Verbundenheit zogen die Brüder zur Katharinenkirche, der jetzigen evangelischen Hauptkirche, um mit dem dortigen evangelischen Stadtpfarrer Olaf Lewerenz sowie dem katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz ein ökumenisches Mittagsgebet zu halten.

Letzte Station war der Innenhof des Kapuzinerkloster Liebfrauen, wo nach einem Mittagsimbiss das Mattenkapitel mit Segen und Sendung in der Kapuzinerkirche beendet wurde.

Wie historisch das Treffen war, wird die Zukunft erweisen. In einem Brief an Papst Franziskus ließen die Minderbrüder anklingen, verstärkt miteinander auf dem Weg sein zu wollen. Sie dankten Papst Franziskus für sein Engagement im franziskanischen Geist.

Gestärkt von der brüderlichen Begegnung und inspiriert von vielen guten Ideen gemeinschaftlichen Engagements kehrten die Brüder frohgemut an ihre Heimatorte zurück.

Auf Spurensuche der Ordensgeschichte in der Frankfurter Innenstadt.

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