04.07.2016

Beten: Mich-ansprechbar-Machen für Gott

Die Zeitschrift der Franziskaner - Ausgabe Sommer 2016

Titel der Zeitschrift Franziskaner, Sommer 2016
Titel der Zeitschrift Franziskaner, Sommer 2016
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„Gebete ändern nicht die Welt“ Albert Schweitzer soll das gesagt haben. Angesichts der gesellschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen bei uns und weltweit „nur“ zu beten, scheint naiv zu sein, ein Zeichen von Hilflosigkeit, wenn nicht gar Flucht in eine heile, fromme Welt. Die wirkliche Welt wird durch aktives Engagement und politischen Einsatz verändert. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ (Dietrich Bonhoeffer).

Nun waren große Beter oft auch politisch sehr engagiert, Katharina von Siena etwa oder Nikolaus von der Flüe. Und Menschen, die politisch viel bewegten, haben aus tiefen spirituellen Quellen gelebt, wie Mahatma Gandhi oder Dag Hammarskjöld. Das eingangs zitierte Schweitzer-Zitat geht noch weiter: „Gebete ändern nicht die Welt. Gebete verändern Menschen. Und Menschen verändern die Welt.“

Aber es geht nicht nur um einen irgendwie gearteten Zusammenhang von Kampf und Kontemplation, von Mystik und Politik. Das Gebet selbst kann politisch sein. Der Berliner Dompropst Heinrich Lichtenberg kam unter die Räder des NS-Terrors, weil er 1938 öffentlich für die verfolgten Juden betete. 1989 führte die „Rosenkranz-Revolution“ auf den Philippinen zum Ende des Marcos-Regimes. Und die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche standen am Anfang der Montagsdemonstrationen und trugen entscheidend bei zum Fall der Mauer.

Man kann mit Gebeten Politik machen. Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges entstand in den 1968er Jahren das „politische Nachtgebet“. Doch wirkliches Gebet kann nicht instrumentalisiert werden. Es ist immer zweckfrei – stilles Hören auf Gott, Freude an seiner Gegenwart, unverzwecktes Lob. Genau dadurch aber ist es für totalitäre Systeme immer gefährlich. Sie haben Angst davor, dass Menschen beten, denn das Gebet schafft einen Raum der Freiheit, der sich totalitären Ansprüchen widersetzt. Und damit ist es politisch. „Von Gott zu reden ist gefährlich“, betitelte die ehemalige kommunistische Jugendführerin und Philosophieprofessorin Tatjana Goritschewa nach ihrer Taufe ihre Erfahrungen im staatlich verordneten Atheismus der Sowjetunion. Mit Gott zu reden auch!

Diese Ausgabe unserer Zeitschrift Franziskaner lädt ein, über das Gebet in seinen vielen Dimensionen nachzudenken. Sie kann auch ein Anstoß sein, es – wieder neu? – zu üben.

Themen

  • „Amoris Laetitia“ – Eine neue Sicht auf Sexualität, Partnerschaft und Familie
  • Der franziskanische Wegbegleiter: Leben – ein Weg zwischen Streiten und Versöhnen
  • Mit leichterem Gepäck unterwegs sein – Eindrücke vom Provinzkapitel der Deutschen Franziskanerprovinz
  • Kunst und Kultur: Risse in der Realität – Sylvia Vandermeer
  • Franziskaner werden, Franziskaner sein – Bruder Marcio Lenzen Lisboa
  • Was ist eigentlich ein Missionar der Barmherzigkeit? – Ein Gespräch mit Bruder Helmut Schlegel
  • Der Sozialstaat braucht die Suppenküche, Ministerin Andrea Nahles zu Besuch in der Suppenküche der Franziskaner in Berlin Pankow

Kostenlos erhältlich in allen Franziskanerklöstern und Häusern, im Direktversand an tausende Bezieher
und direkt hier als Flash PDF zum online lesen.

Sie können sie die Zeitschrift auch als Druckausgabe bestellen:

Provinzialat, Zeitschrift Franziskaner, Sankt-Anna-Strasse 19, 80538 München.
Tel.: 089 211 26-150, Frau Röckenwagner
eMail: zeitschrift@franziskaner.de


8 Kommentare zu “Beten: Mich-ansprechbar-Machen für Gott

  1. Vielen Dank für das neue Franziskaner-Magazin!
    Ja, das Beten – danke, dass Sie es ansprechen und so vorurteilslos von allen Seiten betrachten. Es wird auch mir zunehmend plausibler, je älter ich werde. Früher war es mir oft eine schwierige Übung in festen Formeln, deren Sinn schon sehr alt oder auch unzugänglich schien. Aber dann – merkwürdigerweise nach den grässlichen Anschlägen vom 11. September 2001 – erhielt ich ein vertieftes Verständnis des christlichen Gottes wie ein Geschenk und damit auch eine neue Weise, mit ihm in Kontakt zu kommen. Das muss gar nicht in Worten und auch gar nicht zu festgelegten Zeiten oder Gelegenheiten sein; es ergibt sich zwischendurch, beim sekundenlangen Nachdenken über irgendetwas, beim müßigen Sitzen, beim Lesen eines plötzlichen Gedankens, beim Blick aus meinem Fenster auf Wald und Himmel … Dann denke ich sicherlich „Gott“, und dabei schwingen natürlich Dank und Verehrung und Lob mit; aber gleichzeitig weiß ich auch, dass das ja gar nicht geht, weil Gott viel zu groß für mich ist, ihn zu denken; und daher denkt wohl eher Gott in mir, und ich erlebe dadurch ein tiefes Gefühl des Einsseins. In solchen Momenten steht auch die Zeit still und gibt – wer weiß? – einen kleinen Ausblick auf ihr Gegenstück, die Ewigkeit.

  2. Soeben habe ich entdeckt, dass Ihr auch eine online Ausgabe habt. Super! So kann das Magazin auch in Südafrika gelesen werden. Danke! Pace e bene, Sr. Claudia-Maria

  3. Lieber Bruder Natanael, vor zwei Tagen erhielt ich die Sommer-Ausgabe Franziskaner per Post, deren Titel: „BETEN“ mich total anspricht. Der kleine Artikel „Psalmengebet“, den Du geschrieben hast spricht mich sehr an.
    Sehr treffend für mich – obwohl ich eigentlich kein Neuling mehr bin beim Stundengebet, tu ich mir am Anfang damit immer wieder schwer. Ganz toll hast Du das verständlich erklärt, mir Mut gemacht, es wieder zu versuchen beim nächsten Mal, wenn ich bei euch in Großkrotzenburg zu den Wegzeiten bin. Jedenfalls hast Du mir große Freude gemacht und ich danke Dir.

  4. Ein frohes Grüß Gott! Ihre Zeitschrift „Franziskaner – Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart“ liebe ich schon jahrelang.
    Die letzte Ausgabe „Beten – Mich-ansprechbar-Machen für Gott“, ist aber ein ganz besonders gut gelungenes Werk und ich möchte Ihnen ein herzliches Vergelt`s Gott sagen! Das Thema Beten ist sooo gut aufbereitet, leibhaftig beten, das kann ich nur alles unterstreichen!
    Stimmt! Stimmt!

  5. Ihr Heft „Beten“ habe ich ganz gelesen. Das ist ein großes Kompliment. Normalerweise blättere ich ein wenig und dann … Papiertonne.
    Möge uns allen klar werden, wie es mit unserer Kirche, den alten Bräuchen unter der so weiten, so hastenden, dabei einsameren WELT weitergehen kann/soll.

  6. Vielen Dank für das neue, sehr interessante Magazin. Sehr gerne nehme ich an Ihrem Austausch über Gebetserfahrungen teil.
    Seit vielen Jahren ist das Gebet ein großes Thema in meinem Leben. Ich gebe mich überwiegend dem strukturierten Gebet hin, in Form des großen Stundenbuches. Manchmal wechsle ich auch für eine Zeit zum benediktinischen Brevier und gerade im Moment bereichert mich ein kleines Büchlein von 1955, welches ich im Antiquariat gefunden habe (als Neuware), das Officium parvum Beatae Mariae Virginis. Welches in Latein und Deutsch ist.
    Mein Tag beginnt um 05.00 Uhr, gleich nach dem Aufstehen mit der Laudes. So gehe ich gestärkt in den neuen Tag und bedanke mich auch für das Geschenk des neuen Tages. Wenn ich dann so gegen 19.00 Uhr nach Hause komme, bete ich die Vesper. Dadurch schließ ich den Arbeitstag ab und werde wieder ruhiger für den Abend. Schließlich, vor dem zu Bett gehen, stimme ich mich ein auf die Nachtruhe mit der Komplet. Natürlich ist nicht jeder Tag gleich intensiv oder konzentriert, aber ohne diese Zeiten des Herausgelöstseins aus der Tagesroutine würde mir etwas fehlen. Dafür habe ich mir eine kleine Gebetsecke eingerichtet.
    Jedes Jahr verbringe ich ein bis mehrere Aufenthalte, für kurze Zeit, in einem Konvent, der verschiedenen Orden. Und diese Zeit der gemeinsamen Gebetszeiten erfüllen mich sehr. Da ich sonst überwiegend alleine bete.
    Am tiefgründigsten habe ich erfahren dürfen den Beginn der Tagesmatutin und Laudes kurz vor Mitternacht, mit einer Dauer von zwei bis drei Stunden, je nach Tag. Das empfinde ich sehr ergreifend und erfüllend, wenn man kurz vorher aufsteht, in der Stille und im Dunklen sich in die Kirche begibt und dann im Halbdämmer zum Gebet anstimmt. In dieser Zeit ist das Ego noch verwirrt, es ist noch nicht präsent und wenn es wieder zur Klarheit kommt, dann ist man schon tief im Gebet versunken.
    Eine sehr inspirierende Zeitschrift, diese neue Ausgabe.

  7. Ihre Frage: „Wie beten Sie?“ fand ich aus dem Grunde interessant, weil für mich Beten einfach etwas Ur-Wichtiges ist.
    Wenn ich allein bin und mich keiner sieht, und ich über Web-Radio eine Hl. Messe mitfeiere oder das Stundengebet mitbete, nehme ich oft im Fürbitten-Teil beide Hände hoch, ich strecke sie einfach stumm gen Himmel – als Zeichen, wie wichtig mir diese Anliegen sind. (nur nicht in der Laudes, da bin ich einfach noch zu müde und noch ganz schwer mit Wachwerden beschäftigt :) Wenn für Verstorbene gebetet wird, und ich nur am Radio mitbete, also allein bin, nehme ich eine Hand hoch – auch als Zeichen: ich denke an Euch.
    Oft muss bei mir der Rosenkranz auch herhalten für Gebete, die ich einfach in der stillen Zeit durchbete, immer wieder, von Perle zu Perle – so auch gestern (Donnerstag) abend: Fussball – Deutschland-Frankreich: Da habe ich mir den Text aus der Kurzlesung der Komplet geschnappt und ihn an den Perlen des Rosenkranzes als Gebet immer wieder entlang gebetet: Der GOTT des Friedens heilige euch ganz und gar… von Perle zu Perle, erst für die Fussballer, dann für die Besucher im Stadion, dann für die Angehörigen…
    Und wenn ich Angst habe, halte ich mich an einem kleinen Kreuz fest, meistens eines, das an einem Rosenkranz befestigt ist, den ich bei mir habe…

  8. In der Zeitschrift wurde das Zitat „Gebete ändern nicht die Welt. Gebete verändern Menschen. Und Menschen verändern die Welt.“ fälschlicherweise Albert Einstein zugeschrieben. (Einleitung auf Seite 3)
    Wir haben dies in der online Version korrigiert.

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