Stefan Federbusch ofm

Bruder Wolf in mir

Vom franziskanischen Friedensverständnis

Der Wolf im Menschen – der Mensch im Wolf. Der Blick in den Rachen des Wolfs wird zum Spiegel der eigenen Seele. Bronzeskulptur von Bruder Laurentius Englisch ofm.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Keine Berührungsängste – das scheint die Devise des heiligen Franziskus zu sein. Furchtlos reicht er dem Wolf die Hand. Wer in dessen Rachen schaut, erlebt eine Überraschung. Er schaut in ein menschliches Gesicht. Der Wolf im Menschen – der Mensch im Wolf. Dem heiligen Franziskus würde die Skulptur des franziskanischen Künstlers Laurentius Englisch gefallen. Bringt sie doch die beiden Aspekte zur Geltung, die auch das Handeln des kleinen Armen aus Assisi bestimmt haben. Wer den Frieden verkünden will, muss ihn zunächst einmal selbst im Herzen tragen. Wer Frieden stiften will, muss sich im Klaren sein über seine eigenen Ängste und seine eigenen Aggressionen. Wer Frieden bringen will, muss sich zunächst mit sich selbst versöhnen. Suchst du Frieden, dann suche ihn zunächst in Dir! Der Blick in den Rachen des Wolfs wird zum Spiegel meiner eigenen Seele, zum Spiegel meiner eigenen Befindlichkeit.

Die Ehrlichkeit mit mir selbst und die realistische Selbsteinschätzung ermöglichen es mir, im Feind den Menschen zu sehen. Selbst im Abgründigen der Gewalt verbirgt sich das Menschliche. Den Aggressor nicht nur auf den Gewaltaspekt zu reduzieren, ist ein erster Schritt zum Frieden.

Der Wolf von Gubbio

Die Geschichte vom Wolf von Gubbio ist eine wunderbare Lehrerzählung über die Wirkung der Entfeindungsliebe. Franziskus stellt sich der Konfliktsituation in der klaren Haltung der Gewaltlosigkeit. Er stellt Beziehung zum Feind her. Er sieht ihn als Mensch und segnet ihn. Das Unrecht des Täters wird klar beim Namen genannt, die Tat verurteilt, aber nicht der Mensch. Ebenso deutlich wird die Ursache, die soziale Ungerechtigkeit, hervorgehoben, die dazu führt, dass Menschen zum Mittel der Gewalt greifen. Wer sich nicht ernähren kann, wer nicht genug zum Leben hat, wird es sich gewaltsam holen. Franziskus anerkennt das Bedürfnis des Wolfs, der ein Sinnbild eines Raubritters ist. Frieden wird möglich durch die Schaffung gerechter Verhältnisse.

Als reicher Tuchhändlersohn weiß Franziskus sehr genau um die andere Quelle des Unfriedens: das Streben nach Reichtum. Sein Argument für die selbst gewählte Armut ist so schlicht wie überzeugend: WWenn wir irgendwelche Besitztümer hätten, bräuchten wir Waffen zu unserem Schutz.“ Die heutigen Kriege im Kampf um Ressourcen bestätigen diese Sichtweise.

Friedenshandeln

Die Erzählung ist der eindrücklichste Beleg für das Friedenshandeln von Franziskus. In Anlehnung an das Vorbild Jesu wird er zum Friedensstifter. Die biblische Weisung ist die Leitlinie seines praktischen Handelns. In seinem Testament hält er fest: „Als Gruß, so hat mir der Herr offenbart, sollten wir sagen: „Der Herr gebe dir Frieden!“ Vor jeder Predigt erflehte Franziskus daher zunächst den Frieden auf die Menschen herab. Den Brüdern trägt er in der Ordensregel auf, beim Betreten eines Hauses „Friede diesem Haus“ zu wünschen. Eindringlicher geht es kaum, wenn Franziskus als praktische Grundhaltung auffordert: „Ich rate aber meinen Brüdern, warne und ermahne sie im Herrn Jesus Christus, dass sie, wenn sie durch die Welt ziehen, nicht streiten, noch sich in Wortgezänk einlassen, noch andere richten. Vielmehr sollen sie milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und mit allen anständig reden, wie es sich gehört.“ Und als jederzeit möglichen pragmatischen Beitrag zum Frieden wünscht er: „Und wenn wir sehen oder hören, wie man Böses sagt oder tut oder Gott lästert, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben, der gepriesen ist in Ewigkeit.“

Möglich wird dies durch die beiden Haltungen der Demut und der Geduld, die für Franziskus die Grundpfeiler des Friedens sind. Demut bedeutet die Anerkennung der eigenen Schwäche und den Dienmut, den anderen höher einzuschätzen als sich selbst. In der Geduld (= patientia) schwingt die Bereitschaft zum Leiden mit (pati = leiden / passio = Leiden). Franziskus sieht in der Konflikt- und Leidensfähigkeit die Wahrhaftigkeitsprobe für den Frieden.

Frieden wächst nur durch geduldiges Ertragen und demütiges Erleiden. Gewaltlosigkeit oder besser Gewaltfreiheit ist aber nicht rein passiv zu verstehen, sondern ist – wie die Erzählung vom Wolf von Gubbio zeigt – aktives Tun, das ein kreatives Potenzial entfaltet. Ihren Praxistest bestand diese Einstellung, als Papst Innozenz III. zum bewaffneten und damit gewaltsamen Kreuzzug gegen die Muslime und zur Befreiung des Heiligen Landes aufrief. Zusammen mit Bruder Illuminatus machte sich auch Franziskus auf den Weg, allerdings unbewaffnet und in friedlicher Absicht. Er schaffte es 1219, in Damiette (Ägypten) bis zum Sultan Muhammad al-Malik al-Kamil zu gelangen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Diese respektvolle Begegnung wurde zum Vorläufer des Interreligiösen Dialogs. Das franziskanische Friedenshandeln hatte Auswirkungen bis hinein in die Politik. In den Bestimmungen für die franziskanische Laiengemeinschaft wird das Tragen von todbringenden Waffen verboten und der Lehnseid abgelehnt. Dies schränkte die Kriegsmöglichkeiten wesentlich ein. Die Feudalherren wandten sich daher an die Bischöfe und den Papst, sie möchten das Waffenverbot und die Eidesverweigerung aus der Regel tilgen.

Versöhnung

Gegen Ende seines Lebens dichtet Franziskus die Friedensstrophe des Sonnengesangs: „Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir Höchster werden sie gekrönt.“ Selbst schon zu geschwächt, schickt er Brüder zu Bürgermeister und Bischof, die miteinander im Streit liegen, um sie durch den Gesang wieder zu versöhnen. Franziskus grüßt die Menschen mit dem biblischen „salus et pax, Heil und Frieden“. Bis heute hat sich dieser Gruß in abgewandelter Form erhalten.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 2018 / 2


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