Bruder Andreas Müller

Brückenbauer zwischen den Gläubigen

Franziskus und die Offenheit gegenüber Anders-Gläubigen

Wir leben heute in einer säkularisierten Welt, in der die religiöse Praxis längst keine kollektive Pflicht mehr ist. Sie wird zu einer persönlichen Entscheidung. Und entsprechend leben und erleben wir einen religiösen Pluralismus, der vom Fundamentalismus bis zur völligen Beliebigkeit reicht. Das müssen wir respektieren, wenn wir ernst nehmen, was das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes feierlich verkündet hat: „Nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitgenossen hoch und erstreben sie leidenschaftlich. Mit Recht. […] Denn die wahre Freiheit ist ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich den Menschen in der Hand seines Entschlusses lassen, so dass er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange. Die Würde des Menschen verlangt daher, dass er in bewusster und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang.“ (GS 17)

Für eine solche Haltung wird religiöse Toleranz zu einem unerlässlichen Merkmal, welche freilich auch die Tendenz zur Unverbindlichkeit verstärken kann. Zum Wesen der Freiheit gehört, dass Menschen die Sinnhaftigkeit religiöser Vorstellungen nicht mehr erkennen und den Glauben ganz aufgeben. Bei anderen wiederum kann genau diese Freiheit zu einer größeren Reife des Glaubens führen.

"Die Brücke von hier nach dort, von uns zu denen, vom Vertrauten zum Fremden" Fotomontage von Franciscans International
„Die Brücke von hier nach dort, von uns zu denen, vom Vertrauten zum Fremden“ Fotomontage von Franciscans International

Gott in allen Religionen

Ganz gleich, ob wir uns über dieses Kennzeichen unserer Zeit freuen oder darunter leiden, wir müssen das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Wertvorstellungen in der einen, immer mehr zusammenwachsenden Welt akzeptieren. Ein friedliches Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft kann nur gelingen, wenn wir in einen ernsthaften und vertieften Dialog der Kulturen und Religionen eintreten. Die Gefahr ist sonst groß, dass wir fundamentalistische Tendenzen verallgemeinern. Keine Religion kann ihrem Wesen nach zur Rechtfertigung von Hass, Terror und Gewalt in Anspruch genommen werden, auch wenn das im Laufe der Geschichte häufig geschehen ist. Wir müssen also dem grundsätzlich friedensstiftenden Charakter der Religionen wieder auf die Spur kommen. Sonst entfernen wir uns mehr und mehr von einer Welt, in der sich die Menschheit bei aller Vielfalt von Kulturen und Religionen darin zusammenfindet, den Menschen – ganz gleich, nach welchen Geboten er auch leben oder beten mag – als Geschöpf des einen Gottes zu achten, sein Lebensrecht zu garantieren und sein wie auch immer geartetes Anders-Sein zu respektieren und zu akzeptieren. Also bleibt uns gar nichts anderes übrig, als unsere Welt friedlicher, duldsamer und konfliktfreier zu machen. Eine riesige Verantwortung nicht nur der Staatsmänner, sondern auch der Religionen und der Religionsführer. Sie müssen deutlich machen, dass der eine Gott und Schöpfer allen Seins nie für partielle Ziele und Interessen in Anspruch genommen werden kann; nicht für Hass und Terror gegen andere; nicht für Gewalt und Knebelung der Freiheit. Frieden, das ist die Grundlehre aller Religionen, ist die Frucht der Gerechtigkeit. Und solange es um diese so schlecht steht in der Welt, bleibt auch die Hoffnung brüchig. Zu messen ist das vor allem daran, inwieweit die große Mehrheit der Armen in aller Welt darin voll eingeschlossen ist.

Auch die Kirche musste dieses neue Verhalten erst wieder lernen. Nicht immer war sie eine Kirche des Dialogs, im Gegenteil: Aufgrund falscher theologischer Grundlagen hatte sie über Jahrhunderte den anderen Religionen abgestritten, Wege des Heils zu sein. Mehr noch: Nicht selten wurden religiöse Traditionen in anderen Kulturen als Teufelswerk diffamiert und verächtlich gemacht. Entsprechend wurde die Taufe zusammen mit dem westlichen Christentum als einziger Schlüssel zum Heil forciert. Hier hat in der Tat erst das Konzil die Wende gebracht. Die Kirche hat entdeckt, dass sich Gott im Laufe der Geschichte den Menschen auf vielfache Weise offenbart und eine vielstimmige Antwort gefunden hat. Heil ist also auch in anderen Religionen. Dabei bleibt freilich die schwierige Frage nach der universellen Rolle Jesu Christi in der Heilsvermittlung Gottes. Das wird für die christliche Theologie zur zentralen Frage. Wie ist Christus in diesen Religionen heilend und heilbringend präsent, auch ohne Vermittlung des sichtbaren Heilszeichens Gottes, der Kirche?

Der Gott der Bibel wird durchgängig verkündet als ein menschenfreundlicher und befreiender Gott, mit einer besonderen Liebe zu den Armen und Ausgeschlossenen. Wir finden ihn nicht in den Palästen und Tempeln, sondern begegnen ihm in Wahrheit in den geplagten Menschen und in der gequälten Schöpfung. Jesus wurde gesandt, um den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden. Ihm müssen wir ähnlich werden, wenn wir den Armen wirklich begegnen und ihnen die befreiende Botschaft glaubwürdig verkünden wollen. Und noch in einer anderen Hinsicht müssen wir die Botschaft Jesu neu lesen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die große Mehrheit der sechs Milliarden Menschen ihre Beziehung zu Gott, zu einem Absoluten oder zu einem tieferen Sinn des Lebens in den nicht christlichen Religionen finden. Es sind vorwiegend die Armen in den Kontinenten des Südens, die Gläubige anderer Religionen sind. Sie dürfen sicher sein, dass ihnen dieser Gott der Armen liebevoll nahe ist. Sie können nicht auch noch in der Heilsökonomie Gottes zu den Benachteiligten und Ausgeschlossenen gehören.

Ein gelungener Dialog

Andere Religionen sind demnach eine Quelle, um die Würde des Menschen und sein Verhältnis zu Gott zu verstehen. Vor allem Afrika und Asien sind geprägt durch große Religionen. Wir sollten ihre Weisheit schätzen und ihr Vorhandensein mit Dank annehmen. Als Franziskus im Juli/August 1219 nach Ägypten in das Heerlager der Kreuzfahrer kam, erlebte er das genaue Gegenteil. Die Ausschweifungen im Lager der Kreuzfahrer, ihre Streit- und Habsucht überzeugten ihn schnell, dass es hier nicht um einen „gerechten Krieg“ und noch viel weniger um eine fromme Pilgerfahrt zur Befreiung des Heiligen Landes ging. Er versuchte deshalb, den Kardinal, der als päpstlicher Delegat der verantwortliche Heerführer war, und die Kreuzfahrer zu einem Waffenstillstand zu überreden. Doch er stieß auf taube Ohren. Deshalb verlangte er, zum Sultan auf der anderen Seite gehen zu dürfen, um ihn zum Frieden zu bewegen. Der Heilige, der Jesus in seiner Armut und Demut nachfolgte, kam nicht als Kreuzfahrer zum Islam, nicht als Teil einer Machtstruktur, sondern als wirklich Kleiner, arm und ungeschützt. Er predigte so glühend über Christus und über die Liebe Gottes, dass der Sultan tief beeindruckt war. Zum Abschied sagte der Sultan zu ihm: „Bete für mich, dass Gott mir gnädig jenes Gesetz und jenen Glauben offenbare, die ihm gefallen.“ (Historia Occidentalis 2)

Franziskus seinerseits war von der Frömmigkeit der Muslime tief beeindruckt. Das stärkte ihn in der Überzeugung, dass die Idee der Kreuzzüge ein Irrweg ist, der mit dem Evangelium nicht zu vereinbaren ist. Er trat in einen Lernprozess ein, durch den er Gottes Gegenwart und Wirken im Leben und in der Religion der Muslime entdeckte. Vor allem deren Wertschätzung der Transzendenz und Majestät Gottes hatten es ihm angetan. Das war die Ebene, auf der beide einander in Frieden begegnenkonnten, nämlich im Glauben an einen transzendenten Gott.

Zurück von dieser Missionsreise entwickelte Franziskus aus dem Erleben im Orient eine neue Missionsidee, die man getrost als revolutionär bezeichnen kann. Die Brüder, die in die Mission gehen wollen, sollen unter den Menschen einfach leben, ihnen untertan sein, nicht streiten und dadurch zeigen, was Christsein bedeutet (vgl. NbR 16). Das war Franziskus wichtiger als predigen. Das ist mehr als erstaunlich in einer Zeit, in der nach allgemeiner theologischer Überzeugung Bekehrung und Taufe über Heil und Unheil der Menschen entschieden. Predigen aber war die Voraussetzung dafür. Dennoch sollen die Brüder nur predigen, „wenn sie sehen, dass es Gott gefällt“. Er will damit sagen: Die Prediger müssen auf ein Zeichen Gottes warten, bevor sie mit dem Predigen beginnen. Sie sollen ja nicht Besitzer des Wortes sein, sondern zuerst hören, um herauszufinden, „wann es Gott gefällt“. Denn auch Predigen kann zur Unzeit geschehen und mehr verwirren, als dem Heil der Menschen zu dienen.

Man kann sagen, dass wir damit das Herzstück franziskanischer Spiritualität berühren. Es ist das „untertan sein“. Das ist für Franziskus wie eine Kurzformel des Evangeliums. Denn wir sollen ja einen Gott predigen, der in die Niederungen menschlichen Lebens herabstieg; ein Gott, der diente und untertan war. Deshalb ist es nur logisch, dass auch seine Jünger dienen und untertansein sollen. Das heißt in der Konsequenz: Der Wahrheit des Evangeliums kommen wir nicht nahe in Glanz und Gloria, nicht als Hohepriester und strenge Glaubenshüter, sondern nur in liebevoller Güte und Erbarmen, in gegenseitiger Achtung und geschwisterlichem Miteinander.

Andersgläubige – das waren zur Zeit des Franziskus die Sarazenen (Muslime). Anderen ist er nicht begegnet. Schon gar nicht „Glaubenden“ in anderen christlichen Kirchen. Mit ihnen hätte Franziskus noch schneller eine Ebene des Verstehens gefunden – in der gemeinsamen Wertschätzung der Heiligen Schrift und der Beziehung zum Menschensohn Jesus Christus. Und erhätte mit ihnen den besten Weg gesucht, wie sie zusammen den menschenfreundlichen Gott in der Welt bezeugen können.

Da gibt es noch viel zu tun, in unseren Gemeinden, in den konfessionsverschiedenen Kirchen, in denen wir alle wie Brüder und Schwestern miteinander umgehen sollen. Und ändern muss sich auch unser Verständnis von Mission, die vor allem ehrfürchtiger Dialog des Lebens sein soll. Also: Mission ohne alle Macht. Mission, die von den Sorgen und Nöten der Menschen ausgeht. Mission, die eher lernen als lehren will. Mission, die nichts anderes will, als die Botschaft vom demütigen und liebenden Gott in der Welt zu bezeugen. Nur so wird die Botschaft Jesu zur befreienden Botschaft. Franziskus lebte das so überzeugend, dass er in aller Welt, auch in anderen Religionen, als der „Bruder aller Menschen“ verehrt wird. So kann ein aufrichtiger Dialog der Religionen wirklich gelingen.


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