Bruder Franz Josef Kröger

Die Carceri

Ein Ort des Rückzugs und der Stille

In dichte grüne Wälder eingeborgen liegen oberhalb Assisis die Carceri. Ein beliebter Rückzugsort des Heiligen Franziskus. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Oberhalb des Stadttores von Assisi führt ein Weg zu den Carceri. Die Einsiedelei verbirgt sich in einem kleinen Wald. Wie Christus sich zum Gebet an einsame Orte begab, so auch Franziskus. Das besonders immer dann, wenn er vor wichtigen Entscheidungen stand.

Hier auf den Carceri rang Franziskus um dem richtigen Weg. Sollte er fortan gleich einem Einsiedler im Gebet und der Kontemplation leben oder den Armen und Bedrängten die frohe Botschaft des Evangeliums predigen? Diese Suche nach dem richtigen Weg wird Franziskus sein Leben lang begleiten.

Zahlreiche Begebenheiten aus dem Leben des Heiligen verbinden sich mit den Carceri. Der jetzige Gebäudekomplex wurde im 15. Jahrhundert errichtet.

Carceri

Wenn man den Spuren von Franziskus in der näheren oder weiteren Umgebung Assisis folgt, stößt man immer wieder auf Einsiedeleien, die Franziskus im Laufe seines Lebens besucht hat, wo er sich für kürzere oder längere Zeiten aufgehalten hat: La Verna, Poggio Bustone, La Foresta, Fonte Colombo, Greccio, Montecasale, Montefalco, Sant’Urbano – und nicht zuletzt die Carceri, oberhalb von Assisi gelegen, in den Wäldern am Hang des Monte Subasio.

Sicher, all diese Einsiedeleien sind nicht mehr das, was sie zur Zeit von Franziskus waren: Orte der absoluten Ruhe, der Stille, der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit. Diesen Charakter, der für das Leben eines Franziskus und seiner ersten Brüder so bedeutsam war, kann man vielleicht noch in den Wintermonaten oder bei schlechtem Wetter erleben. Die landschaftlich schön gelegenen Einsiedeleien reizen viele Menschen zu einem Besuch, nicht nur Pilger, auch viele Touristen. Und doch haben all diese Einsiedeleien ihre ganz eigene Anziehungskraft behalten. Um Franziskus und seine Spiritualität zu verstehen, sind sie in meinen Augen sogar wichtiger und bedeutsamer als viele der bekannten Orte in und um Assisi, die jährlich große Pilger-und Touristenströme anziehen.

Im 13. Jahrhundert stehen in den Wäldern am Hang des Monte Subasio eine ganze Reihe von Einsiedeleien. Zumindest die Kapelle, die Franziskus immer wieder aufsucht, gehört den Benediktinern von San Benedetto und stammt aus dem 10. Jahrhundert. Sie wird bekannt unter dem Namen „Carceri“. In einer Chronik über die Minderbrüder in Umbrien ist zu lesen, dass die Brüder sich ihre Zellen mithilfe von Ästen und Zweigen auf dem Berg abgesteckt haben. So hat es wohl angefangen, das franziskanische Leben in den Carceri. Anfang des 15. Jahrhunderts dann erhält das Kloster unter Bernhardin von Siena seine endgültige Form. Gleich, ob man sich mit dem Auto oder durch eine schweißtreibende Wanderung nähert – man betritt die Carceri durch einen Torbogen und gelangt so in einen kleinen Innenhof mit Brunnen. Hier hat man eine herrliche Sicht in eine tiefe Waldschlucht und auf die Wälder des Subasio bis hinein in die Weite des Tales.

Carceri – versteckt, verschwiegen, manchmal berauschend

Brüder bei der Beobachtung und Vermessung des Sternenhimmels. Im Sonnengesang preist Franziskus auch die Sterne als seine Geschwister
Brüder bei der Beobachtung und Vermessung des Sternenhimmels. Im Sonnengesang preist Franziskus auch die Sterne als seine Geschwister

Aus der Entfernung sind die Carceri schwer auszumachen im grünen Laubdach des Waldes, so als ob der Wald das Geheimnis dieser Einsiedelei nur ungern preisgeben möchte. Mit großartigen Ereignissen aus dem Leben von Franziskus können die Carceri nicht aufwarten. Auch ihre Sehenswürdigkeiten haben nichts Spektakuläres an sich. Es ist eher der Ort an sich, der Menschen und Gemüter bewegt. Ein Ort, der bei schlechtem Wetter depressiv machen kann, bei schönem Wetter aber durchaus etwas „Berauschendes“ besitzt.

Wer durch den Torbogen schreitet, kann rechter Hand eine moderne Kapelle besuchen, die von Gruppen gerne für Gottesdienste genutzt wird. Linker Hand befindet sich das Wohngebäude der Brüder. Der Weg für den Besucher führt weiter in eine kleine Kapelle, die Bernhardin von Siena erbauen ließ. Durch eine Tür gelangt man in die Marienkapelle, die auch Franziskuskapelle genannt wird, weil sie aus der Zeit von Franziskus stammt.

Eine Treppe nach unten führt in den ältesten Teil der Einsiedelei. Die kleinen Fenster und engen Durchgänge werden als Zeichen der Armut gedeutet, die sich eben nicht nur in der persönlichen Lebensführung der Brüder nieder- schlug, sondern auch in Bauvorschriften. Hier befindet sich die Zelle von Franziskus. Der nackte Fels soll seine Schlafstätte gewesen sein, dahinter eine kleine Kapelle. Wieder draußen kann man durch ein Gitter im Boden einen Blick in die Teufelsschlucht tun. Der Legende nach hat Bruder Rufinus hier einer leidenschaftlichen Versuchung durch den Teufel widerstanden. Über eine Steinbrücke führt der Weg auf die andere Seite des Berges. Hier fällt der Blick auf eine uralte Steineiche. Der Legende nach warteten hier die Vögel auf den Segen des heiligen Franziskus. Hier findet man noch am ehesten Ruhe und Stille. Weiter geht es zu den im Wald verstreut liegenden Grotten, die nach den Brüdern Leo, Bernhard, Silvester, Rufin und Masseo benannt sind.

Auf dem Rückweg über die Brücke und zum Ausgang der Einsiedelei gelangt man zur Magdalenenkapelle. Hier liegt der selige Barnabas Manassei da Terni begraben, der als der Begründer der Monti di Pietà gilt, einer Art Bank, bei der arme Leute gegen ein geringes Pfand Geld leihen konnten.

Die Botschaften der Carceri

Staubige Füße erinnern an die Mühen, die Franziskus mit seinen Brüdern auf sich genommen hat, um die abgelegenen Carceri zu erreichen.
Staubige Füße erinnern an die Mühen, die Franziskus mit seinen Brüdern auf sich genommen hat, um die abgelegenen Carceri zu erreichen.

Sicher hatte Franziskus einen Hang zum Leben als Einsiedler. Lange ringt er mit sich, ob er „durch die Welt ziehen“ oder sich aus ihr zurückziehen soll. Als er Klara und Bruder Silvester, der in den Carceri lebt, zu Rate zieht, erhält er von beiden die gleiche Antwort: „Ich will, dass du zur Predigt ausziehst, weil Gott dich nicht nur deinetwegen berufen hat, sondern auch für das Heil der Mitmenschen.“ Damit ist für Franziskus die Entscheidung gefallen. Aber seine Liebe zur Stille, zur Einsamkeit und Beschaulichkeit bleibt. Wann immer er kann, zieht er sich zurück. Franziskus weiß, er braucht diese Zeiten der Stille, um in der Welt bestehen und in ihr wirken zu können.

Carceri – dieses Wort steht im entbehrungsreichen Leben des Franziskus als Synonym für einen lebenswichtigen Kraft- und Rückzugsort. Vielleicht hat Franziskus dabei das Wort Jesu im Ohr gehabt, der seine Jünger nach ihrer ersten großen Missionsreise in „Erholung“ schickte: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6,31)

Carceri – dieses Wort bedeutet für Franziskus auch: die große Stille, in der er sich immer neu Klarheit über seinen Lebensweg verschaffen kann. Auch Jesus zog sich vor einschneidenden Ereignissen immer wieder in die Einsamkeit zurück, um sich mit seinem Vater im Gebet zu „beraten“ und Klarheit über seinen Weg zu gewinnen. Unbeeinflusst von der jeweiligen Tagesmeinung und von Menschen, die Einfluss zu nehmen versuchen, möchte auch Franziskus den Weg finden, auf den Gott ihn ruft. Franziskus möchte – wie Jesus – Gott gehorsam sein. Das kann er aber nur, wenn er ein „Hörender“ ist; wenn er immer wieder versucht, auf das zu hören, was Gott ihm sagen möchte – und Gott ist jemand, der eher im leisen Säuseln als im stürmischen Wind spricht; dessen Stimme eher in der Stille und Einsamkeit zu hören ist als im Lärm und der Hektik des Alltags.

Carceri steht auch für die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Lebens. In den Einsiedeleien hat Franziskus gelernt, sich und sein Leben „der Nacht anzuvertrauen“. Dabei geht es nicht nur um durchwachte Nächte, sondern um die Erfahrung, dass die dunklen Seiten des Lebens nicht von Gott wegführen müssen, sondern das Dunkle im Leben eines Menschen Gott nicht fremd ist, dass der Mensch sie vor Gott nicht verstecken muss und auch das Dunkle des Lebens bei ihm gut aufgehoben ist.

Franziskus hat in den Carceri, in den Einsiedeleien überhaupt, eine seiner Lebensquellen gefunden, Kraftorte, wo er sich seines Weges in der Kreuzesnachfolge Jesu Christi immer neu vergewissern kann. Vielleicht steht auch deshalb im Mittelpunkt einer jeden Einsiedelei wenigstens ein Brunnen – nach dem Motto eines Bernhard von Clairvaux: „Sei wie ein Brunnen, der zuerst das Wasser in sich sammelt und es dann freigebig weiterschenkt.“


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