06.10.2016 Christoph Kreitmeir / Erstveröffentlichung in Katholisches Sonntagsblatt. Das Magazin für die Diözese Stuttgart – Rottenburg. Ausgabe 39 / 2016

Dankbarkeit – Wertschätzung des Lebens

Die Dankbarkeit weitet den Blick für das, was unser Leben lebenswert macht

Dankbarkeit sieht nicht andere Dinge, sondern sieht Dinge anders.
Dankbarkeit sieht nicht andere Dinge, sondern sieht Dinge anders.

Schon wieder ein Tag, eine Woche rum. Schon wieder ein Monat an mir vorbeigerauscht. Nicht nur mich, sondern viele beschleicht das mulmige Gefühl, dass mein Leben nur noch funktioniert und ich irgendwie gelebt werde, anstelle zu leben. Nicht selten fühle ich mich unzufrieden, mürrisch und genervt.

Perspektivwechsel: Eine 80-jährige Frau im Altenheim fällt dadurch auf, dass sie stets freundlich und zufrieden wirkt. Darauf angesprochen, antwortet sie: „Ach, wissen Sie, ich nehmen jeden Tag zwei Pillen. Am Morgen, gleich nach dem Aufstehen, nehme ich die Pille „Zufriedenheit“ und am Abend, bevor ich zu Bett gehe, die Pille „Dankbarkeit“. Das will ich auch können, und schon sind wir bei einer Grundbedingung der Dankbarkeit, nämlich die Achtsamkeit. Achtsam wahrnehmen, dass ich die Grundkoordinaten meines Lebens selbst bestimmen kann: Wer dankt, denkt weiter. Wer Dankbarkeit und Zufriedenheit in seinem Leben lernt – und man kann sie lernen –, der wird glücklicher und gelassener. Dankbarkeit ist eine innere Lebenshaltung, die nicht alles für selbstverständlich ansieht und damit dem heutigen Anspruchsdenken mit allen negativen Begleitumständen wie ein Medikament entgegenwirkt.

Es ist eine Frage der Perspektive, denn Dankbarkeit sieht nicht andere Dinge, sondern sieht Dinge anders. Neben dem Anspruchsdenken nimmt heutzutage auch die Gedankenlosigkeit zu. Durch die Beschäftigung mit zu vielen Dingen rinnt uns unser Leben durch die Finger, wir werden immer unzufriedener, unkonzentrierter und dankloser. Und dies führt meist zu immer mehr Jammern. Gibt es nichts mehr zu danken in unserem Leben? Wer nachdenkt, wird einiges finden, wofür er oder sie dankbar sein kann. In der Vergangenheit, in der Gegenwart und auch im Nach-vorn-Denken. Wer Dankbarkeit einübt, übt das Umdenken und das Neudenken ein.

Das Drehen um sich selbst, die reine Selbstbezogenheit, das Aufrechnen und Nachrechnen, das Einklagen von Ansprüchen hat ein Ende. Dieses Einüben führt dazu, dass unser Leben eine andere Grundstimmung, Grundfarbe und Grundmelodie bekommt: Es wird positiv, zuversichtlich, hell und fröhlich. Der dankbare Mensch denkt mit dem Herzen, er nimmt täglich wahr, was ihm geschenkt wurde und wird. Interessant sind laut Agnes Jarosch, der Leiterin des Deutschen Knigge-Rates, auch die Zusammenhänge zwischen Dankbarkeit und Spiritualität. Religiöse Rituale der Dankbarkeit wie etwa das Morgen-, Abend- und das Tischgebet geraten immer mehr in Vergessenheit.

Undankbare Menschen sind negative, destruktive und unangenehme Menschen, mit denen letztlich niemand etwas zu tun haben will. Sie vereinsamen und werden dadurch noch unzufriedener, unglücklicher und undankbarer. Dankbare Menschen sind zufriedene Menschen, die Beziehungen pflegen und daraus im Geben und Nehmen Kraft und Lebensfreude schöpfen. Sie stellen dem „Teufelskreis der Undankbarkeit“ einen „Engelskreis“ entgegen.

Je dankbarer ein Mensch wird, desto mehr Positives zieht er in seinem Leben an. Dankbarkeit führt zur Wertschätzung des Lebens, so wie es ist und nicht, wie wir es gern haben würden. Dankbarkeit ist ein Glücksbringer, sie ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Sie verändert alles mit ihrem anderen Blickwinkel. Das Gefühl der Dankbarkeit, so sagen Neurologen, setzt Endorphine in uns frei, sogenannte Glückshormone. Dankbarkeit ist der Generalschlüssel zur Lebensfreude, wir haben ihn in unserer Hand und können damit verschlossene Türen öffnen.

Übung: Wenden Sie sich am Morgen oder am Abend oder in einer stillen Zeit während des Tages zwei oder drei Dingen zu, die Ihnen normalerweise ganz selbstverständlich erscheinen: Strom, fließend Wasser, Telefon, Auto, Nahrung, Kleidung, Luft … Warum erscheinen mir diese Dinge so selbstverständlich? Habe ich sie immer zur Verfügung? Muss ich etwas dafür tun? Woher kommen sie? Ich stelle mir vor, diese Dinge nicht mehr zu haben. Was geschieht dann mit mir? Welcher menschlichen oder anderen Anstrengung hat es bedurft, dass ich diese Dinge jetzt zur Verfügung habe? Kenne ich einen dieser beteiligten Menschen oder Umstände? Empfinde ich ein Gefühl der Dankbarkeit? Wenn ja: Wie drücke ich dieses Gefühl aus? Betrachten Sie Ihr Leben immer wieder mit einem frischen Blick auf das Altvertraute, und die Wertschätzung für das Leben wird wachsen. Danken kommt vom Denken, Umdenken, Neudenken, und das wird uns guttun.

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