20.07.2020 Von Kerstin und Thomas Meinhardt

INFAG Interview: Das Morgen der Kirche heute leben

Neues Selbstbewusstsein bei franziskanischen Gemeinschaften

Auf der Mitgliederversammlung der Interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft (INFAG), in der sich 58 franziskanische Gemeinschaften aus dem deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen haben, wurde im letzten September eine pointierte kirchen-und gesellschaftspolitische Stellungnahme verabschiedet. Der neu gewählte Vorstand erhielt das Mandat, sich im Namen der INFAG zu relevanten kirchlichen und gesellschaftlichen Themen öffentlich zu positionieren. Wir sprachen mit der neuen Vorsitzenden Schwester Franziska Dieterle OSF und dem neuen stellvertretenden Vorsitzenden Bruder Markus Fuhrmann OFM.

Das Morgen der Kirche heute leben.
Bild von unsplash.com – thomas millot.

Schwester Franziska, Bruder Markus, die Stellungnahme der Mitgliederversammlung vom letzten Herbst ist eine klare Positionierung in kirchlich durchaus umstrittenen Themenbereichen. Konnten dabei alle franziskanischen Ordensgemeinschaften mitgehen?

Schwester Franziska: Mit den angesprochenen Themen hat sich die Mitgliederversammlung ausführlich beschäftigt. Es gab ein Bedürfnis, dies als gemeinsame Position zu formulieren. Beide Beschlüsse, das Mandat für den Vorstand, für öffentliche Äußerungen im Namen der INFAG wie die Stellungnahme „Die Zeit ist jetzt“, fielen mit überwältigender Mehrheit, nachdem der Entwurf der Stellungnahme nochmal leicht überarbeitet worden war.

Bruder Markus: Zu einem Punkt, in dem es um die Diskriminierung von Menschen geht, „die anders leben, lieben oder glauben“, gab es Bedenken von einzelnen Schwesterngemeinschaften, die große Werke mit vielen Angestellten haben. Es ging dabei nicht um die Aussage selber, sondern darum, wie wir ihr selbst gerecht werden, da wir ja an die kirchliche Grundordnung gebunden sind und diese Position jetzt nicht einfach umsetzen können. Wir haben dann diese Aussage als unsere gemeinsame Zielvorstellung formuliert und ergänzt, dass wir nach Wegen suchen, die Widersprüche in unseren „eigenen Zuständigkeitsbereichen im Sinne evangeliumsgemäßer Glaubwürdigkeit zu überwinden“. Damit haben wir die Aussage nicht ab-geschwächt, sondern ehrlich zunächst auch uns selber in die Pflicht genommen.

Was bedeutet diese Stellungnahme nun konkret für die franziskanischen Ordensgemeinschaften? Gibt es schon erste Ideen und einen Umsetzungsplan?

Schwester Franziska: Es gibt kein Gremium, das nun alle Gemeinschaften besucht und dies überprüft. Erstmal ist es eine Selbstverpflichtung für die INFAG insgesamt und für jede Gemeinschaft in ihrem eigenen Bereich. jede Gemeinschaft muss jetzt für sich selbst überlegen, was sie davon wie umsetzt. Da gibt es sicher Unterschiede.

Bruder Markus: Für mich ist diese Erklärung ein erster Schritt. Entscheidend ist es aus meiner Sicht, zu einer veränderten Praxis zu kommen. Und da, wo es schon eine andere Praxis gibt, zum Beispiel bei Segensfeiern für homosexuelle Paare, dies zu unterstützen und auszubauen. Eine solche Stellungnahme gibt dafür Rückhalt.

Schwester Franziska: Es geht uns zunächst um eine Richtungsentscheidung: Wir als Franziskanerinnen und Franziskaner haben eine konkrete Vision von Kirche, für die wir eintreten.

Bruder Markus: Es geht darum, das Morgen schon heute zu leben.

Der Umgang mit Macht ist eine der zentralen Punkte in der Erklärung. Wie soll sich Kirche in diesem Punkt verändern?

Bruder Markus: Hin zu einer geschwisterlichen Kirche! Das beschreibt in einer klaren franziskanischen Perspektive die Beziehungsverhältnisse aller Geschöpfe untereinander und hätte Auswirkungen auf fast alle Bereiche kirchlichen Handelns. Geschwisterlichkeit als Maßstab beinhaltet, gesellschaftlich formuliert: demokratischer, feministischer, geschlechtergerechter usw.

Schwester Franziska: Aus meiner Sicht kam durch Franziskus die Geschwisterlichkeit in die Kirche. Die Aufgabe der franziskanischen Ordensgemeinschaften ist es darüber hinaus, der Reißnagel auf dem Stuhl der Kirche zu sein und uns da zu platzieren, wo es wehtut. Wichtig ist, dass man sich in der aktuellen Situation in der Kirche nicht einfach wieder bequem hinsetzen kann.

Ich bin ja auch Delegierte beim „Synodalen Weg“. Und da erlebe ich durchaus, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Orden gehört werden. Wir haben aufgrund unserer eigenständigen und demokratischeren Struktur nicht nur mehr Freiräume, die Dinge klar zu benennen. Zu uns kommen auch eher die Menschen, die auf der Suche sind nach mehr spirituellen Glaubenserfahrungen, nach einem christlichen Leben, das sich am Evangelium orientiert … Viele verorten sich selber am Rande der Kirche, andere sind schon ausgetreten. Und nicht wenige sagen: „Ja wenn Kirche und Gemeinde so wäre, wie es bei euch ist, dann könnte ich dort eine Heimat finden.“ Hier ist es unsere Aufgabe, ein prophetisches Zeichen zu sein.

Das nachsynodale Schreiben des Papstes zur Amazonassynode hat in Deutschland viele reformorientierte Katholiken und Katholikinnen enttäuscht. Was bedeutet es für die Hoffnung auf eine geschwisterliche Kirche?

Schwester Franziska: Es nährt meinen Frust, mein Leiden an der Kirche. Meine trotzige Hoffnung ist: „Häuser werden von unten gebaut.“ Auch wenn die Mauern in der Kirche mich müde werden lassen.

Bruder Markus: Wir sollten ein Biotop der Veränderung sein, des Experimentierens. Wir sollten eine andere Praxis wagen, ohne vielleicht alles Geschirr zu zerschlagen. In vielen Gemeinden beispielsweise, da bin ich mir sicher, übernehmen Frauen einfach die Predigt und anderes, ohne dass man groß nachfragt. Die Herausforderung ist, wie das alles innerhalb der katholischen Kirche gelingen kann.

Schwester Franziska: Der Unterschied zwischen uns ist, dass du ein Mann bist, der in der Kirche erstmal prinzipiell alles machen kann. Das gilt für mich als Frau nicht. Ich werde in der Kirche immer auf die Nischen verwiesen, und zwar nur deshalb, weil ich eine Frau bin, und das wird dann noch mit dem Willen Jesu begründet. Das ist, insbesondere in einer modernen, auf- geklärten Gesellschaft völlig aus der Zeit Gefallen und verhindert, dass sie gerade bei denen, die die frohe Botschaft des Evangeliums ernst nehmen, noch anschlussfähig ist. Ich hoffe, dass die Ordensgemeinschaften, gerade die franziskanischen Gemeinschaften, sich hier noch klarer und lauter äußern und ein praktisches Beispiel für eine andere
Kirche leben.

In der Erklärung wendet sich die INFAG entschieden gegen zunehmende populistische und fundamentalistische Tendenzen in der Kirche. Wie geht das praktisch?

Bruder Markus: Solche Tendenzen gibt es auch in unseren eigenen Gemeinschaften. Da ist es mir wichtig
zu sagen: Hier ist eine Grenze. Mir ist wichtig, dass wir bei uns einen Geist der Freiheit bewahren. Hier müssen wir klar Stellung beziehen für die Weite des Evangeliums. Die Wahrheit muss uns frei machen und nicht einmauern.

Schwester Franziska: Nach meinen Erfahrungen geht es bei Menschen, die solche Positionen vertreten, fast immer um die Frage nach der Identität. Sie befürchten, wenn nicht alles so bleibt, wie es aus ihrer Sicht immer war, und es keine engen Richtlinien gibt, wann man richtig katholisch ist und wann nicht, dann stellt das Identitäten infrage. Wenn man sich auf dieser Ebene begegnen kann, sich darüber verständigen kann, dass es vornehmlich um Angst geht, dann wäre schon viel gewonnen. Darüber kann man auch miteinander ins Gespräch kommen.

In der Stellungnahme ist von der Selbstverpflichtung die Rede, die Klöster klimaneutral zu gestalten. Gibt es hier Fortschritte?

Schwester Franziska: Die Oberzeller Franziskanerinnen sind hier so etwas wie ein Vorbild, sie treiben diesen Prozess systematisch voran. Auch in meiner Gemeinschaft gibt es eine kleine Arbeitsgruppe, die praktische Überlegungen anstellt. Aber insgesamt ist in den franziskanischen Orden hier sicher noch viel Luft nach oben. Die INFAG könnte mit Best-Practise-Beispielen Entwicklungen anstoßen oder beispielsweise die Oberzeller Franziskanerinnen fragen, ob sie bereit sind, mit ihren Erfahrungen auch andere Gemeinschaften konkret zu beraten. Wenn es gelingt, die vorhandenen Erfahrungen in diesem Bereich den anderen zur Verfügung zu stellen, dann könnte vielleicht einiges bewegt werden.

Bruder Markus: Von außen sind die Anforderungen an die Franziskanische Familie gerade im Bereich der Ökologie sehr groß. Mittlerweile ist dies bei uns zumindest stärker im Bewusstsein. Aber es ist oft ein langer Weg, anders zu handeln. Das betrifft unser Einkaufsverhalten, ökologische Kriterien bei Baumaßnahmen, die Frage der Verfügbarkeit eigener Autos und vieles mehr.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Sommer 2020


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