13.04.2022 Provinzialminister Cornelius Bohl

Das Ostergeheimnis leben!

Osterimpuls von Provinzialminister Cornelius Bohl

Provinzialminister P. Dr. Cornelius Bohl ofm

Wir stehen an der Schwelle der Kar- und Ostertage. Die Liturgie ist bekannt, es ist jedes Jahr dasselbe – und doch immer wieder anders, denn wir feiern Tod und Auferstehung Jesu jeweils in einem anderen Kontext. Dieses Jahr werden uns beim Kreuzweg schreckliche Bilder vor Augen stehen, aus Mariupol, Butscha, Charkiw …

Mich bewegt dieses Jahr im Blick auf die Heilige Woche aber noch etwas. Die Feier des Paschamysteriums fällt in eine Zeit massiver Umbrüche und Veränderungen: Da ist der Krieg in der Ukraine, dessen Konsequenzen wir noch gar nicht alle absehen. Seit zwei Jahren hält uns die Pandemie auf Trab. Dann der Klimawandel mit seinen schon jetzt katastrophalen Wirkungen. Mich beschäftigen auch die Erosionserscheinungen in der Kirche. Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich hat kürzlich die Befürchtung geäußert, das Christentum in Europa könne fast völlig verschwinden. „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“, so Annalena Baerbock am Morgen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Dieser Satz steht vielleicht für eine ganze Epoche. Und dann gibt es noch die Abbrüche im ganz privaten Bereich …

Pascha heißt „Übergang“. Ich frage mich, was das Schicksal Jesu für unsere Übergangssituationen bedeutet.

Das erste: In Getsemani, an der Geißelsäule, auf dem Kreuzweg ist Jesus nicht groß und stark. Er hat Angst. Er ist schwach und verwundet. Vulnerabel, das Wort haben wir in der Pandemie neu gelernt. Es gibt vulnerable Gruppen, vulnerable Einrichtungen. Plötzlich sind wir alle vulnerabel. Alte Gewissheiten sind weg, wir müssen mit Unsicherheiten leben. Die Kirche ist verwundet, wird klein.

Und dann: Der Tod Jesu zerstört Hoffnungen. Er ist ein grausames Ende. Als Jesus am Kreuz hängt, ist alles aus. Wir hören das „Wir aber hatten gehofft“ der Emmaus-Jünger zu schnell im Licht von Ostern. So als sei der Karfreitag nur eine kurze Zwischenepisode. Nein, zum Glauben gehört auch das: Sterben. Ende erleben. Trauer.

Die Außenseite des grausamen Todes Jesu hat eine Innenseite: Er hält seine Liebe durch, gegen alle Widerstände. Wie leicht hätte er sagen können: Mein Projekt ist gescheitert. Es hat alles keinen Zweck mehr. Aber er bleibt treu – sich selbst, dem Vater, seiner Sendung, uns. Durchhalte-Parolen sind ideologieverdächtig, wie oft hat man damit Menschen verheizt. Dennoch: Nicht so schnell aufgeben, dranbleiben, weiter glauben und hoffen, Vertrauen wagen – das ist auch etwas sehr Kostbares.

In vielen Bereichen stehen wir an einem Wendelpunkt. Auch die Kar- und Ostertage markieren eine dramatische Wende vom Tod zum Leben. Manchmal geschieht eine Wende tatsächlich punktuell, da kippt das Vorher unversehens um in etwas Neues. Oft aber ist das Wort vom „Schwellenraum“ passender: Das Bisherige ist endgültig vorbei. Das Neue ist noch nicht da. Wir hängen mittendrin, kreisen zwischen Trauer, Ratlosigkeit, Ängsten, Hoffnungen. Ein Schwellenraum ist kein Dauerzustand. Aber er kann dauern. Das hat mit dem Karsamstag zu tun. Diesen Tag gilt es auszuhalten.

Schließlich Ostern: Neues Leben, Zukunft. Dieser Gedanke ist uns sehr vertraut: Wo Altes endet, kann Neues entstehen. Nur das Weizenkorn, das stirbt, bringt Frucht.

Ostern aber ist mehr als ein Bild für den aus der Natur bekannten ewigen Kreislauf von Sterben und Geborenwerden. Jesus ist nicht nach einem kurzen Zwischentief aus eigener Kraft wieder auferstanden. Der Vater hat einen Toten aus dem Grab geholt. Ostern ist kreative Tat Gottes, neue Schöpfung. Daran erinnert das Taufversprechen in der Osternacht: Das neue Leben in Christus ist keine spirituelle Selbstoptimierung, sondern Geschenk von Gott.

Ich darf diese verschiedenen Aspekte nicht zu einem wiederholbaren Fahrplan harmonisieren, sie entwickeln sich nicht in einer folgerichtigen Logik hintereinander. Sie stehen oft schroff nebeneinander, verstörend gleichzeitig: Mitten in einer Welt voller Tod feiern wir die Auferstehung. Bedrängt von grausamen Bildern eines nahen Krieges wünscht uns der Auferstandene seinen Frieden. In der Trauer über das, was aufhört, entdecke ich überrascht Neues. Ich weiß nicht, wie die Zukunft aussieht, gehe aber zuversichtlich weiter. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber es gibt neues Leben mitten im alten. Jetzt schon leben wir im Kraftfeld des Auferstandenen.

Wir begehen in den kommenden Tagen nicht nur eine Liturgie. Ich entdecke im Schicksal Jesu mich selbst. Mehr noch: Durch die Taufe sind wir da mit hineingenommen. Ich bin drin in Jesus. Meine Erfahrungen sind drin in seinen Erfahrungen. Liturgie ist nicht nur heiliges Spiel. Sie ist Ernstfall des Lebens. Ich wünsche Ihnen mitten in allen Fragen und Belastungen gesegnete Kar- und Ostertage.


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