03.11.2016 Cornelia Klaebe / TAG DES HERRN - Katholische Wochenzeitung für das Erzbistum Berlin und die Bistümer Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg

„Das war wie ein Lottogewinn“

Sven, ein ehemaliger Obdachloser, freut sich auf die Begegnung mit Papst Franziskus.

Wenn Sven daran denkt, dass er bald zum Papst fahren darf, stehen ihm Tränen der Freude in den Augen. Der 86-Jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich. Bild von Cornelia Klaebe, Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung Tag des Herrn. www.tag-des-herrn.de, Alle Rechte vorbehalten. © St. Benno-Verlag, Leipzig
Wenn Sven daran denkt, dass er bald zum Papst fahren darf, stehen ihm Tränen der Freude in den Augen. Der 86-Jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich. Bild von Cornelia Klaebe, Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung Tag des Herrn.

Zum Abschluss des Jahres der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus 6000 Wohnungslose und andere Menschen am Rande der Gesellschaft vom 11. bis 13. November zur Fratello-Wallfahrt nach Rom eingeladen. Mit dabei ist auch Sven aus Berlin.

Wenn Sven daran denkt, dass er nach Rom zum Papst fahren darf, stehen ihm die Tränen in den Augen: „Dass ich das noch erleben darf“, wiederholt er dann immer wieder. „Dass ich das noch erleben darf.“ Er findet: „Der Franziskus ist irgendwie anders als die anderen Päpste, irgendwie barmherziger.“ Sven ist einer von zwölf Berliner Teilnehmern der Wallfahrt, die gemeinsam mit ihren sechs Begleitern am 10. November nach Rom aufbrechen. Ihre Reisekosten werden von Spendern getragen, die von Sven übernimmt der Tag des Herrn. Wie drei andere Mitreisende ist der 86-Jährige regelmäßiger Gast in der Suppenküche der Franziskaner. Obwohl Sven eigentlich anders heißt, ist er hier und vielerorts in Berlin unter diesem Namen bekannt und möchte auch in der Zeitung gern so genannt werden.

Mit Privatschule und Kindermädchen

Sven erzählt seine Lebensgeschichte voller Höhen und Tiefen. 1929 geboren, sei er in einem reichen Elternhaus in Berlin-Zehlendorf aufgewachsen „mit Privatschule und Kindermädchen, aber ohne Mutterliebe“. Während des Kriegs habe er außerhalb Berlins in der Nähe von Grünberg (heute Zielona Góra) im Hotel seiner Tante gelebt. Das Elternhaus blieb unbeschädigt. Nach dem Krieg machte der West-Berliner das Abitur und fing an, für den „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ zu arbeiten – eine Organisation, die von dem amerikanischen Geheimdienst dienst CIA finanziert wurde und sich der Aufdeckung rechtsstaatswidriger Verhältnisse in der DDR widmete. Aus der Zeit ist ihm auch der Name übrig geblieben. „1961 wurde ich dann am Brandenburger Tor verhaftet und zu über zehn Jahren Zuchthausstrafe verurteilt“, erinnert sich Sven. Vier davon habe er abgesessen, und zwar im „Roten Ochsen“ in Halle, eigentlich einer Frauenstrafanstalt. Sie wurde aber auch benutzt, um über politische Gefangene zu richten, die als Staatsverbrecher und Gegner der Sowjetunion dorthin gebracht wurden. Als solcher habe er gegolten, erzählt der Mann, der heute nur noch langsam gehen kann und sich vor dem Papstbesuch noch eine ordentliche Hose aus der Kleiderkammer der Franziskaner geholt hat. Der Vorwurf sei gewesen, dass er spioniert und DDR-Bürger als Spione angeworben habe. „Da gab es keine Toiletten, da gab es Kübel. Das war Einzelhaft, es gab da keine richtigen Betten, sondern nur so Holzbretter und eine Decke“, sagt Sven über den Roten Ochsen Mehr erzählt er aus seiner Haftzeit nicht.

„Nach vier Jahren wurde ich von Ulbricht amnestiert. Dann haben sie mich am Grenzübergang Warschauer Straße nach West-Berlin entlassen“, berichtet der Rentner weiter. Er habe dann eine Arbeit bekommen beim Senat für Jugend und Sport, 1966 geheiratet und sich mit seiner Frau, einer Ärztin, in Grunewald niedergelassen. Zwei Töchter hätten sie bekommen, erzählt er. „Man hat mich viel herumgereicht, ich bin in Amerika gewesen und an vielen Orten.“ Um ihn aufzumuntern und auf andere Gedanken zu bringen nach der Zeit im Zuchthaus sei das gewesen. Auch zu vielen Clubs habe er Zugang gehabt, in denen er nicht bezahlen musste. „Da fing ich an zu saufen. Ich war Edeltrinker, Bier habe ich damals gar nicht getrunken, nur Whiskey und so. Als ich anfing zu trinken, wurde ich enterbt, ich sollte eigentlich die Villa kriegen.“ An seiner Trinksucht sei auch seine Ehe zerbrochen und er sei obdachlos geworden, von 1982 bis 1987. „Aber ich hatte immer einen Platz zum Übernachten.“ Aus dieser Zeit erzählt Sven nichts weiter.

„Da bin ich wieder normal geworden“

„In den 90er Jahren habe ich dann Schwester Monika und Bruder Johannes kennengelernt“, ist der nächste Punkt von Svens Geschichte. „Denen habe ich viel zu verdanken. Da bin ich wieder normal geworden. Die haben mir gesagt, ich soll mich nicht aufgeben.“ Die beiden Ordensleute betrieben damals die Suppenküche in Pankow, der Sven bis heute treu ist. Und in der er sich sofort meldete, als er hörte, dass die Romwallfahrt ausgeschrieben war. Als unter den 16 Interessenten vier ausgelost wurden und sein Name dabei war, war die Freude riesig: „Das war wie ein Lottogewinn. Früher war das ein Traum von mir, den Papst zu treffen!“ Hier strahlt Sven, und in seinen Augen sammeln sich schon wieder Tränen der Freude: „Dass ich das noch erleben darf!“

Unter den 600 deutschen Pilgern befinden sich 18 aus dem Erzbistum Berlin. Dort, in Berlin-Pankow unterhalten die Franziskaner eine Suppenküche samt Kleiderkammer und Hygienestation. Der 86 jährige Sven mit seinem bewegten Lebenslauf ist einer von 6 Teilnehmern, die aus dem direkten Umfeld der Suppenküche kommen. Er kann noch gar nicht recht glauben, dass er das Glück hat, zu jenen zu gehören, die zu Papst Franziskus reisen dürfen. Für ihn ist es fast wie ein „Lottogewinn“

Mehr zum Engagement der Franziskaner in Berlin-Pankow  hier

Mehr zur Obdachlosenwallfahrt www.tag-des-herrn.de


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