Bruder Cornelius Bohl

Das Wort Gottes

Die Heilige Schrift; die Offenbarung Gottes

Das Wort Gottes wirkt über die Liturgie hinaus in unseren Alltag hinein. "Das Wort ist Dir nahe, es ist in Deinem Mund und in Deinem Herzen". (Brief an die Römer, 10.8)
Das Wort Gottes wirkt über die Liturgie hinaus in unseren Alltag hinein. „Das Wort ist Dir nahe, es ist in Deinem Mund und in Deinem Herzen“. (Brief an die Römer, 10.8)

Bei Gottesdienstvorbereitungen kommt gelegentlich der Vorschlag, statt eines schweren Bibeltextes doch eine schöne Geschichte zu lesen. Vielleicht ist der kleine Prinz manchmal tatsächlich hilfreicher als ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Aber die Heilige Schrift ist nicht irgendein hilfreicher Text. Sie ist lebendiges Ereignis: Gott spricht mich an, tröstet, provoziert, sendet …

Der Begriff „Wort Gottes“ müsste Schwindel erregen. Denn Gott ist anders als wir, fremd, schweigendes Geheimnis. Unter dem Schweigen Gottes leiden gerade gläubige Menschen. Und doch spricht er auch! Er hat uns etwas zu sagen. Vor allem aber teilt er sich selbst mit. Wir erleben alltäglich, wie uns Ereignisse und Erfahrungen „ansprechen“, hinterfragen, herausfordern. Durch die gesamte Wirklichkeit, durch Natur, Geschichte und Gesellschaft, Politik und Kultur, auch in alltäglichen Begegnungen kann Gott zu mir sprechen. Und er spricht mit vielen Stimmen, selbst durch dunkle Erfahrungen. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten, in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1). Jesus Christus ist „das Wort“ (Joh 1; Offb 19,13). In ihm hat Gott endgültig alles gesagt. Er ist die Selbstmitteilung Gottes in Person.

Die Bibel ist von Menschen geschrieben worden. Sie erzählen darin von ihren Erfahrungen mit Gott. Die Heilige Schrift ist also Menschenwort. Und zugleich Wort Gottes: Paulus dankt der Gemeinde von Thessalonich, dass sie sein Wort „nicht als Menschenwort, sondern als Gottes Wort“ angenommen hat (vgl. 1 Thess 2,13). Das meint die Rede von der „Inspiration“ der biblischen Schriften: Durch das Wort von Menschen spricht der Geist Gottes – nicht nur damals, als sie gesagt und geschrieben wurden, sondern jedes Mal, wenn ich sie heute höre.

Muss man die Bibel wörtlich nehmen? Nein und ja. Nein: Als Menschenwort ist sie zeitgebunden. Darum werden wir sie historisch und kritisch interpretieren müssen: Was war damals gemeint? Was bedeutet das heute? Und ja: Ich kann sie nicht zurechtbiegen, wie es mir passt. Sie trifft mich immer wörtlich, weil sie Wort Gottes ist, existenziell, jetzt, an mich persönlich.

Gott spricht, wann und wie er will. Aber ich kann Voraussetzungen schaffen, um ihn zu hören. Zunächst: wirklich hören. Gerade auch das, was mir nicht gefällt, was stört und verunsichert. Dann: Veränderung zulassen. Auf Gott zu hören, ist gefährlich. Sein Wort ist schöpferisch, auch heute. Wer will, dass alles so bleibt, wie es ist, sollte die Finger vom Wort Gottes lassen. Und schließlich: Das Wort Gottes will Antwort. Darum gehören Schriftlesung, Gebet und alltägliches Handeln zusammen. „Dieses Buch kann man nicht lesen. Man kann es nur tun“, sagt Reinhold Schneider. Das Tun des Wortes hilft, es tiefer zu verstehen. Also nicht erst ganz verstehen wollen, um dann zu handeln. Sondern anfangen zu handeln, um besser zu verstehen. »Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht« (Joh 3,21).

Erstveröffentlichung Zeitschrift, „Franziskaner“ Herbst 2015


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