07.04.2020

Die Bibel und ich …

Ergänzendes Material zur Zeitschrift Franziskaner - Frühling 2020

Titel der Zeitschrift Franziskaner, Frühling 2020 Klick auf Bild startet Lesemodus Titelmotiv: Sieger Köder, Das Glaubensbekenntnis. Glasfenster Heilig Geist, Ellwangen © Sieger Köder-Stiftung Kunst und Bibel, Ellwangen

Für unseren Artikel „Faszination Bibel“ in der Zeitschrift „Franziskaner“ haben wir haben gezielt Menschen nach ihrem persönlichen Bezug zur Bibel gefragt. Leider war der Umfang zu groß für das Heft, sodass wir diese interessanten Statements nicht in der Zeitschrift veröffentlichen konnten.

Wir fragten …

  • Wo begegnet mir die Bibel,
  • was bedeutet mir die Bibel,
  • und was ist meine Lieblingsstelle und warum?

Wir freuen uns auch auf Ihren Kommentar.

 

Sr. M. Paulis Mels (Franziskanerin von Thuine, Schulleiterin in Dingelstädt)

Die Bibel begegnet mir jeden Tag, wenn wir das Stundengebet beten – wie es bei Ordensleuten üblich ist. Sodann begegnet sie mir in der Betrachtung am Morgen: Wenn ich die Lesung und das Evangelium des Tages lese. Diese Texte höre ich dann auch am Abend in der Hl. Messe. Einmal in der Woche halten wir in unserem Schwersternkonvent ein Schriftgespräch, in dem wir gemeinsam über einen Evangelientext sprechen.

Genauso regelmäßig und täglich begegnet mir die Bibel, wenn ich den Religionsunterricht vorbereite. Auch wenn ich nicht unbedingt einen Text aus der Bibel vorbereite: So ist sie doch immer in meinem Hinterkopf und als innere Korrektur beim Vorbereiten.
Sonntag beschäftige ich mich mit dem Evangelium in Leichter Sprache. Es ist klar, dass auch dann die Bibel im Mittelpunkt steht.

Als ich Jugendliche war, stieß ich auf ein kleines Büchlein: „Ich will von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe“. Letztendlich ist mir bis heute nur noch der Titel in Erinnerung geblieben. Und die Tatsache, dass mir damals klar geworden ist: Jesus erzählt von seinem Vater Gott mit einer Zuneigung, wie nur einer erzählen kann, wenn er die andere Person sehr, sehr liebt. Damals habe ich begonnen, die Bibel als „Erzählung“ über Gott von einem sehr liebenden Menschen zu lesen. Das hat mir das Herz und die Augen für die Bibel – sowohl AT als auch NT – geöffnet. Und ich habe mich sehr über die Hl. Schrift gefreut.

Heute habe ich sie schon mindestens 20 mal durchgelesen – immer wieder von vorne nach hinten und immer wieder erlebe ich ein „Aha, sooo ist das gemeint“ oder ein „Ach, diese Stelle habe ich ja noch nie gelesen“ – obwohl ich sie bestimmt jedesmal mitgelesen und doch übersehen habe. Immer wieder verstehe ich Zusammenhänge und Wörter neu.

Meine Lieblingsstelle ist 2 Kor 12,9 aus der Narrenrede des Paulus: „Er (Jesus) aber sagte zu mir: Meine Gnade genügt dir.“ Dieser Satz geht zwar noch weiter. Aber die Tatsache, dass Jesus sagt, dass bei aller Verzweiflung im Leben, bei allem Abmühen und sich überfordert Fühlen immer gilt: Die Gnade Gottes genügt – reicht mir. Dieses Wissen macht mir das Leben erträglich.


Katrin Göring-Eckardt (Fraktionsvoritzende der „Grünen“ im Bundestag)

Ich bin mit der Bibel großgeworden. Viele Texte und Geschichten begleiten mich. Wie oft kommt mir im richtigen Moment die richtige Bibelstelle in den Sinn, die mich anspornt oder tröstet, aber auch in Frage stellt und herausfordert.

Die Bibel ist für mich das Buch der Freiheit! Ich bin immer wieder überrascht und begeistert von diesem roten Faden, der sich durch diese uralte Büchersammlung zieht: Gott führt seine Menschen in die Freiheit – raus aus inneren und äußeren Gefangenschaften, hin zur größten Freiheit, die es gibt: zu lieben über alle Grenzen hinweg.

„Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.“ (Ps 124,7) Ein wunderschönes Bild. Was uns gefangen halten will ist tatsächlich schon zerrissen, hat letztlich keine Macht mehr über uns.


Evi Rakusa (Verwaltungsleiterin, Wiesbaden)

In Wiesbaden schreibt ein Unbekannter Bibeltexte auf Litfaßsäulen und Werbeplakate.
Wer liest was?

Die Bibel ist für mich ein Auftrag, der für mich schwer zu leben ist. Franziskus ist ein Vorbild.

Ein Bibeltext begleitet mich schon viele Jahrzehnte: 1. Korinther, 13.

Wir hatten ihn für unsere Trauung ausgesucht. Er ist Zuspruch und Auftrag zugleich.


Wolfgang Thierse (Bundestagspräsident a.D., Berlin)

Jeden Sonntag höre ich im Gottesdienst Lesungen aus der Bibel – Anlass über deren Inhalt und Sinn nachzudenken, manchmal auch gegen die folgende Predigt.

Die Bibel ist ein Wegbegleiter für mich seit Kindertagen: zunächst unfreiwillig wegen des gemeinsamen familiären Gottesdienstbesuches, später ganz freiwillig, weil ich sie mir habe erschließen können als nahezu unerschöpfliches Reservoir von – eben als Wort Gottes interpretierbarer – Weisheit für das individuelle wie soziale Leben.

Bild von Agentur Meinhardt, Idstein

Noch immer und wieder das Gleichnis von den Vögeln im Himmel und den Lilien auf dem Felde im Zusammenhang der Bergpredigt (Mt. 6/26-34): eine unmissverständliche Abfrage an eine Kultur des Habens und Besitzenwollens, eine wunderbare Einladung zur Gelassenheit, eine Einladung, sich frei zu machen von der Selbstüberschätzung, alles selbst leisten zu können, und ebenso von Selbstüberforderung, alles selbst leisten zu müssen!


Laura (Schülerin, Großkrotzenburg)

Im Alltag begegnet mir die Bibel eigentlich kaum. Ab und zu lese ich im Kalender, oder in der Zeitung mal einen schlauen Spruch oder ein Zitat aus der Bibel. In der Messe begegnet sie mir, während der Lesung sehr bewusst. Auch im Religionsunterricht heißt es manchmal „in der Bibelstelle – So und so sagt Jesus…“ Mich damit mehr auseinandersetzen tue in dann allerdings nicht.

Für mich ist die Bibel ein Buch voller Geschichten. Es sind Geschichten über Freundschaft, Liebe, Zusammenhalt und menschlicher Interaktion. Wenn man die Bibel richtig liest, kann man für sich selbst herausfinden, was richtig und was falsch ist. Sie gibt einen Leitfaden für christliches und solidarisches Zusammenleben. Es ist schwierig, zu sagen was sie mir bedeutet; dafür habe ich mich bisher zu wenig mit ihr auseinandergesetzt – würde sie allerdings allen Menschen viel bedeuten, gäbe es weniger Hass. Für mich ist die Bibel wie eine Message von Gott an die Menschen, richtig miteinander umzugehen; – eine sehr kompliziert formulierte Message.

„Sag uns wer du bist!“ Ich bin total zufällig auf diese Stelle der Bibel gestoßen und konnte sie trotzdem sofort auf mich selbst anwenden. Ich mag die Stelle, weil sie mir erst so richtig klar gemacht hat, was die Bibel überhaupt ist und dass jeder Mensch etwas aus ihr lernen kann, wenn er will.
Auf einer Hochzeit gab es mal ein schönes Zitat, was ich mir bis heute gemerkt habe. Es lautete etwa so: „Die Liebe erträgt alles, sie hofft alles und hält allem Stand!“ Diese Stelle klingt einfach sehr schön. Man kann sie verstehen und vor allem: – Jeder versteht sie. Man muss nicht noch gläubig sein, um sie zu verstehen und zu mögen!


Günter Harmeling (Krankenpfleger und Theologe, Idstein)

Wo begegnet mir die Bibel? Auf Schritt und Tritt sowohl im persönlichen Leben als auch in den täglichen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ereignissen. Dazu muss man mit dem einen Auge in der Bibel und mit dem anderen in der Zeitung lesen und „zu lesen wissen“. Und zwar jenseits „fundamentalistischer“ Oberflächen-Bezüge. Aber Vorsicht: Dazu sind Kenntnisse der politischen, kulturellen und ökonomischen „Umwelt“ der Bibel nötig. Und ohne die kann man zum Beispiel die „Offenbarung des Johannes“ nicht (richtig) verstehen. Und vieles andere auch nicht.

Einmal nach seiner Lieblingslektüre gefragt, antwortete Bertolt Brecht: „Sie werden lachen: die Bibel!“ So halte ich es wie in manch anderen Dingen auch mit dem alten Brecht. Für mich ist die Bibel ein unerschöpfliche „Ressource“ auch im Sinne meiner Antwort zur ersten Frage und schon allein in diesem Sinne „Nahrung für das Leben“. – Buchtip in diesem Zusammenhang: Francois Jullien, Ressourcen des Christentums.

Was ist meine Lieblingsstelle und warum? Das wechselt „je nach Lage der Dinge“. Angesichts der „gegenwärtigen Lage“ und Diskussionen ist mir die Stelle Epheserbrief 6,10-20 sehr wichtig und das ganze Johannes-Evangelium als Evangelium von der „Fülle des Lebens“ für alle. Und natürlich auch die Johannes-Offenbarung als „Imperialismus-Kritik“! In abgewandelter Formulierung aus dem Synoden-Beschluss „Unsere Hoffnung“: „Die Bibel ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen.“


Juliana Osterholz (Studentin, Münster)

Die Bibel begegnet mir in so vielen Kontexten! Dabei fällt mir immer wieder auf, dass sie mir mit vielen unterschiedlichen Gesichtern begegnet: Manchmal zeigt sie sich in der Liturgie von ihrer prophetischen Seite, wenn mir ein Lesungs- oder Evangeliumstext mitten ins Herz fällt. Ein anderes Mal sprechen mir ihre Texte genau den Mut zu, an dem es mir gerade fehlt. Nicht selten stellen sie jedoch auch eine wahre Herausforderung dar. Da bin ich dann dankbar, sie mit anderen Menschen gemeinsam zu lesen und zum Beispiel im Hauskreis zu teilen, was uns daran aufgeht.

Neben all diesen persönlichen Begegnungen mit den biblischen Texten, begegnen sie mir auch im Studium. In dem Kontext sind sie mein Forschungsinhalt. In meinem Hebräischtutorium beschäftige ich mich mit den Studierenden mit ihren sprachlichen Eigenheiten und doch wird auch dort deutlich: Die Texte lassen sich von mir nicht bändigen. Ihre Kraft ist ungebrochen, solange ich den Texten zutraue, mir mehr von Gott, den Menschen und mir selbst erzählen zu können. Mein Verstehen bleibt anfanghaft, doch die biblischen Texte und ihre Geschichten und weisheitlichen Texte lassen mich ahnen, dass da ein Gott ist, der Interesse an unseren Lebensgeschichten hat; er möchte sie mit uns schreiben.

Die Bibel erzählt mir immer etwas neues und strotzt vor Lebendigkeit, vielleicht auch, weil sie bereits viel Zeit in diesem Leben verbracht hat. Ich schätze ihre Weisheit und Ehrlichkeit, sie nimmt kein Blatt vor den Mund und kennt all unsere Menschlichkeiten. Sie erzählt von Gott und der Welt. Dabei höre ich ihr gerne zu und lasse mich von ihr herausfordern, meine eigene Geschichte mit Gott in den Blick zu nehmen.

Auch das kann die Bibel: die große Fragen stellen. Wie zum Beispiel in Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst?“ (Ps 8,5a) Manchmal sind wir Menschen uns selbst mehr Frage als Antwort. Ausgangspunkt meiner Theologie sind immer mehr die Menschen geworden, ihre Lebensrealitäten und ihre Erfahrungen mit oder ohne Gott. Wenn Gott dem Menschen wie in Psalm 8 gedenkt, ihn liebend in den Blick nimmt – in aller menschlicher Vielfalt, warum nicht auch wir? Ich stehe staunend daneben, was passiert, wenn Menschen ihren Weg mit Gott und den Menschen gehen. In fragender Offenheit und doch tief verwurzelt.

Der Zuspruch Gottes zu Mose und ihre Begegnung am brennenden Dornbusch aus Ex 3,5b ist für mich dabei eine andere Lieblingsstelle: „Ja, der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“. Was braucht es, damit eine echte Begegnung stattfinden kann? Zwischen Gott und mir, aber auch zwischen Menschen? Manchmal nicht mehr und nicht weniger als festen Boden, auf dem wir stehen können und die Bereitschaft, sie mit bloßen Füßen einzugehen. Kein hoher Absatz, der mich größer erscheinen lässt, keine Markenschuhe, mit denen ich Eindruck machen könnte… Nur ich und mein Gegenüber.


Die Bücher der Bibel, dargestellt im sogenannten katholischen Kanon. Illustration von Agentur Meinhardt, Idstein

Vera (Schülerin, Großkrotzenburg)

Die Bibel gibt mir Denkanstöße und kann den Glauben stärken, wenn man ihn passend zu den eigenen Werten und Vorstellungen auslegt – erfordert aber Engagement, da eine wortwörtliche Auslegung nicht mit meiner persönlichen Einstellung vereinbar ist.

Was ist meine Lieblingsstelle und warum? „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt – das ist es, was das Gesetzt und die Propheten fordern“! (MT 7,12) Das ist ein guter Leitsatz fürs Leben, da man jeden so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden möchte.


Dr. Klaus-Dieter Eckert (Arzt, Rodgau)

Räumt man den biblischen Texten eine grundsätzliche Bedeutung ein, so lässt sich alles Geschehen auch in der Bibel abbilden. In der Gestalt von Jesus Christus ist aber auch eine Anleitung zum Querdenken gegeben, wie viele seiner Gleichnisse eindrucksvoll belegen. So gesehen begegnet mir die Bibel besonders in menschlichen Konfliktsituationen.

Die Bibel bedeutet mir eine Annäherung an die existentiellen Fragen unseres Daseins. Es sind eben diese beiden Fragen, an denen kein Mensch vorbeikommt: Gibt es einen Gott? Und gibt es ein Weiterleben nach dem Tod? Im Bibeltext hiernach zu forschen, das bedeutet mir die Bibel.

Was ist meine biblische Lieblingsstelle und warum? Heilung eines Mannes am Sabbat (Mk 3,1-6 & Lk 6,6-11) Hier stellt sich Jesus von Nazareth klar gegen das bestehende Gesetz. Er stellt die provokante Frage: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Das entschiedene Handeln am Kranken ist die Antwort. Formal ist das Gesetz gebrochen, barmherziges Tun am Nächsten aber ist die Richtschnur. Heute würde man sagen: Zivilcourage und ethisches Handeln geben hier ein Beispiel. Die Flüchtlingsthematik unserer Tage aktualisiert diese Geschichte in geradezu dramatischer Weise.


Bruder Rene Walke ofm (Franziskaner, Hülfensberg)

„Gottes Wort für jeden Tag“ hieß ein Abrisskalender an meiner Arbeitsstelle in einem Altenheim. Irgendwann las ich ihn auch tatsächlich jeden Tag und erinnerte mich daran, selbst irgendwo eine Bibel im Haus zu haben. Das erste Lesen des Evangeliums war eine Begegnung mit Jesus, die mich bis heute nicht loslässt.

Als Franziskaner begegnet mir die Bibel in den Psalmen und Lesungen unseres Stundengebetes und in den Lesungen der Liturgie. Eine besondere Form ist für mich das wöchentliche Bibelteilen – hier suchen und finden wir gemeinsam Fragen und Antworten zum jeweils kommenden Sonntagsevangelium.

Meine erste Gottesbegegnung geschah durch das Lesen der Bibel. Sie bedeutet mir von daher sehr viel. In ihr finde ich mich wieder: im Suchen und Versagen, im Aufgerichtet-Werden und Vertrauen derer, die ihre Erfahrungen mit Gott niedergeschrieben haben.

Im Buch der Weisheit, Kapitel 11 Verse 24 – 26 ist für mich zusammengefasst, womit ich am meisten ringe und was meine stärkste Sehnsucht ist: „Gott, du liebst alles, was ist und nichts von dem, was du geschaffen hast, verachtest du, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Du aber schonst alles und hast Erbarmen mit allem, denn es gehört zu dir, Gott, du Freund des Lebens.“
Ich glaube daran, dass Gott da ist – und dass er es gut mit mir meint. Die andere Seite dieses Glaubens ist das Ringen um Vertrauen und die Schwierigkeit, die Liebe Gottes wirklich anzunehmen – unverdient, geschenkt, aus unendlicher Zuneigung.


  • Wo begegnet mir die Bibel,
  • was bedeutet mir die Bibel,
  • und was ist meine Lieblingsstelle und warum?

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