Bruder Cornelius Bohl

Die Eucharistie

Nachdenken über die Sakramente

Brot und Wein
Brot und Wein – Gaben der Schöpfung – Zeichen der Eucharistie.

„Ich bin doch da!“ Das sagt vielleicht der Vater zu seiner kleinen Tochter, die weinend aus einem bösen Traum erwacht. Oder die junge Frau zu ihrem Freund, der in einer beruflichen und persönlichen Krise nicht weiß, wie es weitergehen soll. Oder der Enkel zu seiner Oma, die auf der Intensivstation im Sterben liegt. Es gibt diese heilende Nähe. Eine schlichte Gegenwart, die guttut: „Ich bin doch da!“

Ich habe oft versucht, Kindern so das Geheimnis der Eucharistie nahe zu bringen: In diesem Brot ist Jesus da! Wirklich gegenwärtig. Real präsent. Ich könnte es mir selbst als Erwachsenem mit all meiner Theologie nicht besser sagen!

Im Essen und Trinken vollzieht sich „Einverleibung“, personale Gemeinschaft mit Christus. Was in der Messe kultisch vollzogen wird, soll immer mehr existenzielle Wirklichkeit für mich werden: Christus lebt in mir. Ich habe teil an seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung. Das Dasein Christi in der Eucharistie ist darum keine „statische Gegenwart“, kein bloßes Vorhandensein. Die Eucharistie ist die Feier seines Opfers, lebendiges Beziehungsgeschehen, in ihr vollzieht sich stets neu die Dynamik seines Lebens: „Das ist mein Leib, hingegeben für euch.“ Brot und Wein stehen für das Leben und die Lebensfreude, die er schenkt.

Wer Eucharistie feiert, wird in diese Dynamik mit hineingezogen. Oft erinnert die Liturgie daran, dass wir mit Brot und Wein uns selbst einbringen: Ich schenke mich mit Christus an den Vater, damit auch mein Leben und meine Welt immer mehr verwandelt werden in ein Zeichen seiner Gegenwart. Wer Christus in der Gestalt des Brotes begegnet und so in die Dynamik seiner Hingabe eintritt, will selbst zum Brot werden für andere. Nach der Auskunft von Matthäus, Markus und Lukas war das Abendmahl ein Paschamahl, das der Jude Jesus mit den Jüngern gefeiert hat. Nach Johannes dagegen stirbt er, während man im Tempel die Paschalämmer schlachtet. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Eucharistie als Mahl der „Befreiung:“ Befreiung von Sünde und Tod, aber auch von allem, was das von Gott geschenkte Leben bedroht. In der Eucharistie treffen sich „Mystik“ („Christus in mir“) und „Politik“ (Erfahrung von und Befähigung zu Befreiung).

Die Eucharistie ist auch Sakrament der Inkarnation: Wie in seiner Menschwerdung ist Gott auch im Zeichen des Brotes »demütig« gegenwärtig, klein, alltäglich, verborgen. Die Eucharistie verpflichtet deshalb gegenüber den Armen: Christus in den unscheinbaren Zeichen von Brot und Wein soll uns die Augen öffnen für seine oft unscheinbare Gegenwart in alltäglichen Begegnungen, vor allem mit den Menschen am Rand. In der Eucharistie verwirklicht sich Kirche. „Empfangt, was ihr seid: Leib Christi. Und werdet, was ihr empfangt: Leib Christi“, sagt Augustinus. In diesem Brot ist Christus nicht nur für mich da. Er ist in uns allen und verbindet uns.

Die meisten Sakramente haben einen eindeutigen biografischen Ort, einige können nur einmal empfangen werden. Die Eucharistie ist dagegen das Sakrament des Weges: Christus geht alle Wege mit, er ist immer und überall da. Diese Wirklichkeit überdauert sogar unser irdisches Leben: Bereits in der jüdischen Tradition ist das endzeitliche Mahl Bild für die Hoffnung, dass die Welt einmal nicht ins Nichts stürzt, sondern sich in einem Fest der Freude vollenden wird.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Herbst 2011


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