Cornelius Bohl ofm

Die Mystik

Mystik als Weg der persönlichen Christuserfahrung

Mystik als Weg der Gotteserfahrung im Geheimnis des dreifaltigen Gottes. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Es gibt eine Sehnsucht nach Erfahrung. Wissen allein ist zu wenig. Geschätzt wird der erfahrene Handwerker, die erfahrene Ärztin. Das gilt auch im Glauben. Menschen suchen jenseits oft unverständlicher Formeln einer kopflastigen Theologie und leer gewordener religiöser Rituale eine unmittelbare spirituelle Erfahrung. „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“ (Karl Rahner).

Das Phänomen der Mystik findet sich in unterschiedlichen Religionen. Hier liegt ein Ansatz für den interreligiösen Dialog jenseits dogmatischer Festlegungen. Religionsübergreifend scheitert die gewohnte Sprache bei dem Versuch, die Erfahrung einer Wirklichkeit wiederzugeben, die die alltägliche Realität übersteigt. Selbst gewagte Bilder und paradoxe Formulierungen können das Geheimnis Gottes nur hilflos umkreisen. Darum ist es verständlich, dass es immer wieder zu Spannungen kam zwischen subjektiven mystischen Erfahrungen und einer rational bestimmten Theologie.

Dennoch gibt es ein Kriterium, das christliche Mystik unterscheidet: das Christusereignis, wie es uns in der Heiligen Schrift und in der Kirche begegnet. Wenn Gott nicht nur alle Wirklichkeit geschaffen hat, sondern in seiner Menschwerdung ein Teil dieser Welt wird, dann kann der Mensch ihn in allen Dingen finden. Weihnachten führt zu einer Mystik des Alltags: Es gibt keinen Ort und keine Zeit, in der Gott nicht erfahren werden kann. Jenseits subjektiver Wahrnehmung und außergewöhnlicher Phänomene sind die verborgene Gegenwart Jesu in seinem Wort und in der Eucharistie oder das existenzielle Einswerden mit ihm in der Taufe eine nüchterne Form von Mystik. Dabei hängen Bethlehem und Golgatha zusammen: Selbst das Leiden, der Schrei, Wüste und dunkle Nacht können Raum Gottes sein. Christentum ist wesentlich Mystik, vor aller Moral. Und weil Gott uns in dem konkreten Menschen Jesus von Nazareth begegnet, bleibt christliche Gotteserfahrung immer Beziehung zu einem Du, ist noch in der Vereinigung personale Hingabe, nicht unterschiedslose Verschmelzung.

Der Begriff „Mystik“ wird gerne abgeleitet von dem griechischen Verb myein, „die Augen schließen, Abkehr von der äußeren Welt, Sammlung und Versenkung, die Kultur eines „inneren Lebens“ bis hin zur Gottesgeburt in der Seele. Christliche Mystiker aber sind niemals in selbstbezogener Innerlichkeit vor Verantwortung geflüchtet. Echte Christusbegegnung führt zum Einsatz für Mensch und Welt, zu einer „Mystik der offenen Augen“ (Johann Baptist Metz). Mystik und Engagement gehören zusammen.

Mystiker haben ihre Erfahrungen oft als stufenweisen Weg weitergegeben. Der Mensch kann sich für Gott bereiten, sich öffnen und Hindernisse beseitigen. Die Weise seiner Gotteserfahrung wird immer kulturell vermittelt sein und als inneres Geschehen psychologischen Deutungen offenstehen. Religiöse Gefühle kann man „machen“, nicht aber die Begegnung mit Gott. Sie bleibt sein Geschenk

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Winter / 2017


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