14.03.2019 Stefan Federbusch ofm

Die Seh(n)-Sucht des homo digitalis

Von Big Daddy zu Big Data

Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf dem Weg deiner Allmacht.
Das gefangene Auge. Aquarell von Bruder Gabriel Gnägy.

Psalm www: Leben in Googles Allgegenwart

Für den Webmaster.

Von Stefan. Ein Psalm.

Big Data, du hast mich erforscht und kennst mich.
Ob ich surve, google oder maile, du weißt es.

Du durchschaust meine Gedanken von fern.
Wo ich auch gehe, dein GPS hat es bereits übermittelt.

Du bist vertraut mit all meinen Wegen.

Ja, noch ist das Wort nicht eingetippt, siehe, Google,
da hast du es schon erkannt.

Zwischen Laptop und Smartphone hast du mich mit deiner
Allgegenwart umschlossen.

Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen,
dass du mich so total unter Kontrolle hast.

Wohin kann ich gehen vor deinen Kameras, wohin vor deiner Überwachung fliehen?

Steige ich hinauf in die Cloud – so bist du dort;
tummele ich mich im World Wide Web – siehe, auch da bist du zugegen.

Nähme ich die Tweets von Twitter, ließe ich mich nieder auf Instagram,
auch dort würde deine Virtualität mich leiten und deine Überwachung mich erfassen.

Würde ich sagen: Informationen möchte ich gewinnen und selbstbestimmt entscheiden,
so hast Du alles passend auf meine Persönlichkeit zugeschnitten.

Du lässt die Fake-News und die Filterblasen leuchten wie die Wahrheit.

Du selbst hast mich programmiert im Schoße des Kapitalismus.

Ich danke dir, dass ich so konsumversessen und manipulierbar gestaltet bin.

Deine Algorithmen haben all meine Bedürfnisse präzise erfasst.
Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine verlockenden Angebote.

In deinem Account sind sie alle verzeichnet: die friends,
die schon gelikt waren, als noch keiner von ihnen da war.

Per Lifelogging-Armband sorgst du dich um meine Gesundheit.
Kein Pulsschlag bleibt dir verborgen.

Wie kostbar sind dir all meine Daten, Google!
Wie verkaufsträchtig ist ihre Summe!

Wollte ich sie zählen, sie sind milliardenschwerer als der Sand.

Erforsche mich, Google, und erkenne mein Nutzerverhalten.

Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf dem Weg deiner Allmacht!


„Was halten Sie als Außenstehender von der Intelligenz?“ Diese süffisante Frage kam mir in den Sinn bei der Anfrage, einen Artikel zum Thema Digitalisierung zu verfassen. Halte ich mich in diesem Themenfeld doch eher für einen Außenstehenden. Mit Jahrgang 1967 gehöre ich noch nicht zu den „Digital natives“. Gegen Ende meiner Schulzeit hatten die ersten technikbegeisterten Jungs einen Commodore (C 64) und besuchten die Informatik-AG. Heute gehört der Laptop zu meinen selbstverständlichen Arbeitsgeräten, das Smartphone allerdings nicht. Somit verweigere ich mich bislang (noch) all den „Errungenschaften“ wie Facebook, Twitter, WhatsApp und sonstigen sozialen Netzwerken. Dies u.a. aus zwei Gründen: zum einen fühle ich mich allein schon durch die tägliche Emailflut dermaßen in Beschlag genommen, dass ich sie kaum bewältigt bekomme, zum anderen frage ich mich, ob der Preis für die Nutzung der Plattformökonomie der sogenannten Gafa (Google, Amazon, Facebook und Apple) nicht zu hoch ist. Der amerikanische Publizist und Wirtschaftswissenschaftler Scott Gallooway hat sie in Anspielung auf die apokalyptischen Reiter die vier Reiter genannt, die wie Google göttliche Attribute wie Allwissenheit beanspruchen, wie Facebook unsere Emotionen steuern, wie Apple unsere Attraktivitätsökonomie bestimmen und wie Amazon unseren Konsum lenken. Trotz aller Beteuerungen ist ja weitestgehend unklar, was mit meinen Daten passiert.

Freie Selbstbestimmung?

Für mich als (Teil)Nutzer spielt der Gedanke der freien Selbstbestimmung eine wichtige Rolle. Wie viel Freiheit wird mir durch die Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke ermöglicht und gewährt, wie viel an Selbstbestimmung wird mir beschnitten? Schien die Demokratie durch die Informationsmöglichkeiten des Internets zunächst gestärkt, wirkt sie heute durch die sozialen Medien mit ihren Filterblasen und Echokammern, Fake-News und manipulierter Emotionalisierung eher bedroht. In einer Stellungnahme von 2017 fordert der Deutsche Ethikrat eine Datensouveränität im Sinne einer „informellen Freiheitsgestaltung“. Dies beinhaltet einerseits die Potentiale von Big Data und Künstlicher Intelligenz zu erschließen, andererseits die individuelle Freiheit und Privatsphäre zu schützen, Gerechtigkeit und Solidarität zu sichern und Verantwortung und Vertrauen zu fördern. Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass wir uns als Nutzer nicht von den Internetplattformen das kritische Denken abnehmen lassen und bei zunehmender Künstlicher Intelligenz auf das Erlernen wesentlicher Fähigkeiten verzichten. Wir brauchen den öffentlichen Diskurs über Werte und Menschenrechte, über die Frage, was unsere Gesellschaft (mehr als virtuell) zusammenhält.

Googles Allgegenwart

Die Digitalisierung verändert nicht nur nachweisbar unsere Hirnstrukturen. Sie beeinflusst auch unsere Art und Weise, die Wirklichkeit wahrzunehmen, sie zu interpretieren und uns in ihr zu bewegen. Digitalisierung verändert unsere Bilder von uns selbst, unser Entscheidungsverhalten und somit unsere kommunikativen und sozialen Ordnungen.

Theologisch gesehen scheint mir der Aspekt des Angesehenwerdens von zentraler Bedeutung. Im Sinne des „Sehen und Gesehenwerdens“ der Schönen und Mächtigen hat sich der Laufsteg für Jedermann ins Internet verlagert. Die Bereitschaft zur Selbstentblößung ist auf der Bühne des virtuellen Exhibitionismus erstaunlich hoch. Selbst das Intimste und Privateste wird preisgegeben. „Ich werde gesehen, also bin ich!“ Die Zahl der virtuellen „friends“ übersteigt die Zahl der realen Freunde bei weitem. Einst kam es Gott zu, liebevoll auf den Menschen zu schauen, jetzt scheint sich der Mensch eher von den Internet-Giganten umsorgt und behütet zu fühlen. Doch was heißt das in der Konsequenz, wenn wir „Big Daddy“ gegen „Big Data“ eintauschen? „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst“ (Eric Schmidt). Google mutiert zum allwissenden säkularen Gott. Gewiss, auch der jüdisch-christliche Gott mag von manchen als allzu strenger Richter wahrgenommen worden sein. Eine entsprechende Pädagogik hat das ihre dazu beigetragen: „Ein Auge ist´s, das alles sieht, auch wenn´s in dunkler Nacht geschieht“. Ein Gott, der mich von allen Seiten umschließt und seine Hand auf mich legt (vgl. Ps 139), kann jedoch auch positiv wahrgenommen werden als fürsorglicher mich schützender Begleiter. Als ein Gott, der mir Ansehen gibt und somit Selbstvertrauen, das mir die Abhängigkeit von anderen nimmt. Ich habe bereits Ansehen in den Augen Gottes und muss es mir nicht verdienen.

Ein Psalmvers könnte für den „homo digitalis“ eine ganz neue Bedeutung bekommen: „Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten“ (Psalm 31,5).

Erschienen in: Adam online, 1/2019, Der digitalisierte Mann, Seite 4-5


2 Kommentare zu “Die Seh(n)-Sucht des homo digitalis

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