08.11.2017 Von Claus Scheifele ofm

Ein Abenteuer mit Gott

Franziskaner werden - Franziskaner sein

 

Ein Donnerstag im Juli 2017 in San Damiano in Assisi. Ich sitze im Kreis von etwa zwanzig jungen Menschen und erzähle, wie die ganzen Orden der Franziskanischen Familie hier in San Damiano ihren Anfang nahmen. „Hier ist die Quelle. Aber nicht Franziskus und Klara sind die Quelle, sondern Jesus ist das lebendige Wasser, das bis heute strömt. Über Franz und Klara können wir hier tiefer zu Jesus finden.“ Weit über eine halbe Stunde spreche ich in eine gespannte Aufmerksamkeit hinein. „Habt ihr Fragen?“

„Ja, warum sind Sie Franziskaner geworden und wie ist das Leben im Orden?“ „Wisst ihr, ich bin jetzt 77 Jahre alt. Welcher Mann in meinem Alter hat noch die Gelegenheit, immer wieder lieben jungen Menschen wie euch auf diese Weise zu begegnen? Wenn ich nicht Franziskaner wäre, könnte ich meinen Dackel spazieren führen und den Rasen mähen und was sonst so alte Männer eben tun. Und das wirft ein Schlaglicht auf mein ganzes Leben im Orden.

Bis zu meinem 21. Lebensjahr war ich Kaufmann. Spätberufen wollte ich ursprünglich Diözesanpriester werden, aber dann entschied ich mich für ein Leben in einer Bruderschaft und ohne Eigentum. Als Franziskaner bin ich seitdem eigentlich auf der ganzen Welt zu Hause, und gefehlt hat mir auch nie was.

Meine Studienzeit fiel in die berühmt-berüchtigten 68er Jahre. Wir hatten eine Band, die Francis-Boys, das Studium warf mehr Fragen auf, als es Antworten gab, und ich verlor fast meinen Glauben. Doch von Anfang an verstand ich meinen Weg als ein Abenteuer mit Gott – ein durchaus gefährliches Abenteuer. Durch Meditation und Gebetskreise fand ich wieder Boden unter meinen Füßen.

Als junger Franziskaner musste ich mich erst daran gewöhnen, dass ich nun in der Kirche vor vielen Menschen predigen durfte, dass mir alte Menschen ihr Leben anvertrauten, ich in die Familien und ihre Geheimnisse eingeladen wurde. Wer bin ich denn, dachte ich mir. Aber die Menschen sahen in mir den Priester und den Bruder des heiligen Franziskus. Überall offene Herzen.

Die Sehnsucht nach Gott trieb mich immer um. Nach Kaplansjahren studierte ich noch Pastoralpsychologie und lebte und arbeitete dann im Meditationskloster in Dietfurt. Da wollte die Provinzleitung mich zum Pfarrer machen. Pfarrverband gründen, Kloster und Kirche renovieren … Das war für mich die erste Gehorsamsprobe. Ich fürchtete, in der Betriebsamkeit spirituell unterzugehen. Schließlich akzeptierte ich. Es waren fünf gesegnete Jahre zusammen mit meinem leiblichen Bruder Leopold, der auch Franziskaner ist.

Aber dann kam „Afrika ruft“, ein Aufruf des Ordens, den Franziskanerorden in Afrika einzupflanzen. Das traf mich im Herzen. Hier ist die Chance, wirklich Franziskaner zu werden. „Bruder Claus sucht die Armut“, stand als Überschrift in der Süddeutschen Zeitung. Als ich mich nach fünf Jahren Pfarrei nach Afrika aufmachte, sagte ein Bankdirektor zu mir: „Herr Pater, ich beneide Sie. Wir sind etwa gleich alt, ich habe einen schönen Beruf, eine liebe Familie, ein Haus, aber die Zukunft ist wie eine Einbahnstraße. Und Sie: Sie packen den Rucksack, gehen nach Afrika und beginnen ein völlig neues Leben.“

Die zehn Jahre in Afrika waren wiederum ein Abenteuer, aber nicht nur eines mit Gott, sondern auch im Chaos des Bürgerkriegs in Uganda. Aber meine wohl glücklichsten Jahre im Orden waren hier, als wir zwölf Postulanten in das neu erbaute Postulat aufnehmen konnten. Ich war ihr Magister und genoss ihr ganzes Vertrauen. Es war eine liebende Familie, und oft vergaß ich ganz, dass ich Deutscher in Afrika bin. Wieder die Erfahrung, als Franziskaner offene Herzen zu finden.

Ein Rückschritt für mich war die Versetzung als Guardian und Ökonom nach Nairobi. Da hatte mich mein alter Beruf als Kaufmann wieder eingeholt. Eineinhalb Jahre arbeitete ich an einem Computerprogramm für die Buchhaltung der ganzen Provinz. Eigentlich war ich hier kein Missionar mehr. Aber ich habe ein gesehen, dass ich die Gaben, die mir Gott gegeben hat, auch nutzen muss.

Zurück in Deutschland wurden mir die Berufepastoral und die Öffentlichkeitsarbeit übertragen. Hier war wieder Gelegenheit, junge Menschen auf ihrem geistlichen Weg zu begleiten. Ja, und dann wurde ich wieder Guardian, hatte ein paar Klöster zu renovieren, wurde in die Provinzleitung gewählt und musste mich mit oft unlösbaren Problemen herumschlagen. Durfte schließlich auch daran mitwirken, dass die vier deutschen Provinzen vereinigt wurden.

Das führt mich zum eigentlichen „Abenteuer mit Gott“. Wie kann ich, trotz vieler „Manageraufgaben“ ein geistliches Leben führen, ja Gott selber finden? Da war mir die heilige Teresa von Ávila ein Vorbild. In ihrem Buch „Klostergründungen“ berichtet sie, die Mystikerin, über ihre unglaublichen Aktivitäten mit den Behörden, den Bauarbeiten, der Einrichtung neuer Klöster. Aktivität und Kontemplation sind keine Gegensätze. Auch der heilige Franziskus hat für sich einen Weg aus dieser Spannung gefunden: Höhle und Marktplatz. Er geht zu den Menschen und verkündigt die Frohe Botschaft, und dann zieht er sich wieder zurück in die Einsamkeit.
Ich möchte mich ja nicht an diesen großen Heiligen messen, aber ich kann sagen, ich bin nie ganz in der äußeren Arbeit aufgegangen. Dazu beigetragen haben drei Momente: Zuerst eine bleibende brennende Sehnsucht nach Gott. Das ist nicht immer angenehm. Es heißt ja: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.“ Das Zweite ist die Glaubenserfahrung in der Gemeinde beim Gottesdienst. Da sind wieder die offenen Herzen, ein Dialog mit den Gläubigen im Heiligen Geist. Das Dritte ist, dass ich seit Jahren gegen vier Uhr früh aufstehe, um frei vom Tagesbetrieb eine Stunde der Meditation zu halten.

Und jetzt, als 77-jähriger Mann? Der liebe Gott meint es immer noch gut mit mir und führt mich jetzt nach Irland in das neue internationale Noviziat in Killarney. Wieder neue Brüder, wieder ein neues Abenteuer und vermutlich wieder offene Herzen.“

Erstveröffentlichung in Zeitschrift Franziskaner / Herbst 2017


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