14.06.2020 Von Wolfgang Maas, Der Dom, Nr. 24

Eine „Hunger-Pandemie“ breitet sich aus

Franziskanerinnen und Franziskaner berichten aus Kenia, Brasilien und Vietnam über die Corona-Krise

Die Franziskanerbrüder Heinrich Gockel, Augustinus Diekmann und Chi Thien Vu (von links) arbeiten im Dortmunder Büro der Franziskaner Mission. Bild von Maas, Der Dom.

Die Corona-Pandemie scheint sich in Deutschland zurückzuziehen, immer mehr ist die Rede von einer Rückkehr zur Normalität. Doch weltweit ist COVID-19 mitnichten vorbei. Das wissen auch die Franziskanerbrüder Augustinus Diekmann, Heinrich Gockel und Chi Thien Vu. Alle drei haben jahrelang Erfahrung im Ausland gesammelt und leben heute in Dortmund, wo die Franziskaner Mission eines ihrer Büros hat.

Für Bruder Augustinus Diekmann, dem Leiter der Franziskaner Mission Dortmund, ist die Brücke ein starkes Symbol. „Missionsarbeit kann man nicht gut hinbekommen ohne Brücken.“ Rund 150 Partnergruppen in Deutschland bauen an diesen Brücken mit. Diese wichtigen Partnerschaften sind durch die Corona-Pandemie zwar nicht abgebrochen, „aber verstellt“. Gerade rund um Pfingsten kamen viele Briefe von Missionaren hier an.

Ostafrika

Heinrich Gockel OFM wirkte 21 Jahre lang in Kenia/Ostafrika. „So gravierend wie in Europa, etwa in Italien oder Spanien, ist es dort noch nicht“, weiß Bruder Heinrich. Die Region Ostafrika habe frühzeitig Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. „Das Virus wird sehr ernst genommen“, schreibt auch P. Hermann Borg aus Nairobi. „Es könnte sein, dass die Ausbreitung später einsetzt. Dann rechnet man in den Slums mit vielen Toten.“

„Uns geht es gut in Lower Subukia“, schreiben P. Miro Babic, P. Peter Mwangi Wambugu sowie Br. Florentius Rutayuga aus Kenia. „Das Leben in unseren Dörfern läuft fast mehr oder weniger normal weiter. Die Menschen arbeiten fleißig auf ihren Feldern, da es augenblicklich sehr gut regnet.“ Die Franziskaner hoffen zudem, bald wieder öffentliche Gottesdienste feiern zu können.

Auch Heinrich Gockel bestätigt, dass die Menschen auf dem Land alleine durch ihre Lebenssituation geschützter seien. Es gebe „große Entfernungen, die ländlichen Gebiete sind nicht dicht besiedelt“. Anders sehe es in Großstädten wie Nairobi aus. „Die Menschen gehen zu Fuß aufs Land, um etwas zu essen zu bekommen“, so Bruder Heinrich.

Brasilien

Die Situation von Slum-Bewohnern ist auch für Augustinus Diekmann ein drängendes Problem. „Da sehe ich eine große Herausforderung für die internationale Gemeinschaft.“ Er kennt Brasilien und seine Elendsviertel sehr gut. „In São Paulo schleichen sich die Menschen heimlich davon, um zu arbeiten. Dabei können sie sich zwar vor den staatlichen Stellen verstecken, aber nicht vor dem Virus.“ Die Situation – da sind sich die drei einig– ist eine echte Zwickmühle. Wer nicht arbeitet, hat kein Geld. Und wer arbeitet, gefährdet seine Gesundheit und die seiner Angehörigen und Nachbarn. Wo es keine sozialen Leistungen wie Kurzarbeitergeld gebe, setzten die Ausgangsbeschränkungen den Menschen sehr stark zu.

„Bei uns nehmen die Sterbefälle nun täglich zu“, schreibt Frei Heriberto aus Teresina im nordbrasilianischen Bundesstaat Piauí. „Gouverneure versuchen, die Corona-Krise einzudämmen. Doch unser Präsident arbeitet dagegen und gibt lauter dumme Erklärungen von sich.“

Schwester Maria Arli Sousa Nojosa, eine Franziskanische Katechetenschwester, lebt ebenfalls in dieser Region. „Hier in Teresina ist es vor allem der Hunger, der die Armen am Stadtrand bedroht“, schreibt sie an die Franziskaner Mission. Die Pfarrei verteile seit April zahlreiche Lebensmittelkörbe. „Auch in unserem Sozialprojekt für Kinder und alleinerziehende Mütter haben wir uns organisiert und schon mehr als 100 Lebensmittelkörbe an die bedürftigsten Familien verteilt.“ Ferner wurden Schutzmasken genäht und verteilt. Schwester Maria Arli Sousa Nojosa blickt allerdings pessimistisch in die Zukunft: „Wenn sich die Situation nicht verbessert, benötigen wir möglicherweise noch mehr Lebensmittelkörbe, denn viele unserer Familien leben von der Hand in den Mund.“

Vietnam

Der Hunger ist auch in Vietnam ein großes Problem. Zudem dauert die Quarantäne hier bereits wesentlich länger an als in Deutschland. „Ende Januar wurden schon die Schulen geschlossen und Großveranstaltungen untersagt“, erklärt Chi Thien Vu OFM, der von 2016 bis 2019 in Vietnam arbeitete. Das autoritär regierte Land habe sehr schnell reagiert, auch weil man mit seinem Nachbarn China bereits schlechte Erfahrungen in Sachen Pandemien machte. Dieses rigide Vorgehen hält zwar die – offizielle – Zahl der Infizierungen gering, was auch die Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt. Die Kehrseite ist allerdings, dass „die Menschen zwei Monate ohne Lohn auskommen, da es kein Kurzarbeitergeld gibt“.

Wer sich infiziert hat und ins Krankenhaus muss, der hat Sorgen, die für Deutsche fremd sind. „Man muss sich in Vietnam selbst ums Essen kümmern“, weiß Chi Thien Vu. Die medizinische Versorgung sei zwar gesichert, nicht aber Nahrung in den Kliniken. Deshalb hat sich der Franziskanerbruder Hai mit einem Arzt zusammengetan, um eine Suppenküche ins Leben zu rufen. Sie versorgen Menschen, die ins Krankenhaus müssen und sich kein Essen leisten können. Auch Chi Thien Vu ist sich sicher: „Das Effektivste ist es, den Menschen Reis zu geben.“ Auch das Wort „Hunger-Pandemie“ macht die Runde. Ein Vorteil sei es, dass Vietnamesen sehr solidarisch sind, auch wenn sie im Ausland leben.


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