16.11.2016 Bruder Niklaus Kuster OFMCap

Elisabeth von Thüringen: eine ungewöhnliche Fürstin

Am 19. November feiern die deutschen Franziskaner ihr Provinzpatrozinium

Buntglasfenster mit der Darstellung der heiligen Elisabeth in der Pfarrkirche in Dollberg. Zu den Attributen dieser heiligen Frau gehören besonders der Korb mit Rosen und Brot. Zur linken kniet eine kleine Frau, es ist die Stifterin des Bildes. Bild von Bruder Gabriel Gnägy.
Buntglasfenster mit der Darstellung der heiligen Elisabeth in der Pfarrkirche in Dollberg. Zu den Attributen dieser heiligen Frau gehören besonders der Korb mit Rosen und Brot. Zur linken kniet eine kleine Frau, es ist die Stifterin des Bildes. Bild von Bruder Gabriel Gnägy.

Wer der dritten wegweisenden Lichtgestalt der franziskanischen Bewegung nachspürt,
trifft in ihrer thüringischen Lebenswelt heute auf Fremdenangst und Nostalgie nach der DDR-Zeit.

Die kleine Elisabeth kam im Hochmittelalter selber als Ausländerin in die Mitte Deutschlands. Als Fürstin stellte sie sich auf die Seite der Armen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes wurde sie auf die Strasse gestellt. Sie widmete sich dann in Hessen unter Einsatz ihres Lebens der Pflege von Kranken.

König Andreas II. von Ungarn verkauft seine Tochter mit drei Jahren nach Thüringen. Grenzüberschreitungen prägen in der Folge ihr ganzes Leben: Die kleine Prinzessin stösst an, weil sie statt den Normen des Hofes ihrem Herzen folgt. Als Landgräfin findet sie den Weg von der mächtigen Wartburg hinab zu den Kleinsten. Als junge Witwe macht die Fürstin sich gar zur barfüssigen Schwester der Ärmsten. Wozu können die Wege dieser Frau aus dem hohen Mittelalter uns in unserer eigenen Lebens-, Arbeits- und Beziehungswelt ermutigen?

Kleine Ausländerin

Die kleine Ungarin ermutigt jene, die sich heute in eine andere Kultur einleben oder in ihr Wurzeln schlagen müssen. Von Bratislava/Pressburg – damals ein Teil Ungarns – nach Eisenach verpflanzt, tut es Elisabeth herzhaft: Sie lernt in einem fremden Volk so sensibel empfinden, so gut denken und so befreiend handeln, dass sie Menschen anderer Zunge Landesmutter und Mutter, Freundin und Schwester wird.

Wenn in aller Inkulturation auch etwas Fremdsein bleibt, so lässt Elisabeth sich nicht daran hindern, fern der Heimat vielen Menschen Freundin und Gefährtin zu werden. Als Fremde nach Deutschland gekommen, provoziert sie jene, die im eigenen Land von Ausländern nur Schlechtes erwarten.

Wie klein stehen da blinde Vorurteile neben ihrer Offenheit für das neue Land und seine Menschen, wie eng egoistische Abgrenzung neben ihrer Solidarität, und wie arm mitteleuropäische Selbstgerechtigkeit neben einer „Liebe mit Migrationshintergrund“!

Wege des Herzens

Im prachtvollen Thüringerhof in Eisenach wird das kleine Ungarnmädchen standesgemäss erzogen: eine leidenschaftliche Prinzessin, die gerne auf Pferden reitet. Bei aller Wildheit hört sie sensibel auf ihr Herz und folgt ihm auch dann, wenn es gegen die Hofetikette verstösst. Als das Kind im Gottesdienst ein Kreuz entdeckt, legt es seinen Kopfschmuck ab. Als ihre Pflegemutter, die strenge Sophie von Bayern, sich über die ungebührliche Geste ärgert, antwortet das Mädchen, dass es nicht mit Edelsteinen im Haar vor dem Bild des Dornengekrönten stehen könne.

Ihr oft unkonventionelles Verhalten hat Folgen. Als Elisabeths erster Verlobter Hermann, dem sie vierjährig ins Bett gelegt wurde, in jungen Jahren stirbt, hätte die Pflegemutter die Ungarin am liebsten in die Heimat zurückgeschickt: abgeschoben in ein Land, dessen Sprache und Kultur ihr inzwischen fremd geworden sind.

Mit 14 Jahren verheiratet

Die Neunjährige hat Glück: Der neue Thronfolger entscheidet sich für sie. 14-jährig mit dem jungen Grafen Ludwig verheiratet, wird Elisabeth eine tief glückliche Ehefrau, obwohl Adelshochzeiten des Mittelalters nicht das persönliche Glück suchten. Sie dienten politischen Zwecken, festigten Bündnisse oder erweiterten die Macht der Familie.

Die wilde Ungarin bringt Ludwig in rascher Folge drei Kinder zur Welt: mit 15 den Thronfolger Hermann, Sophie mit 17 und das dritte Kind Gertrud mit 20. Die Ehe fällt durch ihre Innigkeit auf und durch eine Liebe, die einiges aushält.

Landgraf Ludwig richtet als Landesherr seine Untertanen in Hessen, als Elisabeth zuhause ihr erstes Kind gebiert. Während er hoch zu Ross Machtpolitik betreibt, trägt sie ihr neugeborenes Kind eigenfüssig zur Taufe in die Pfarrkirche. Sie tut es in einen armen Mantel gehüllt und mit zwei Turteltauben – wie Maria von Nazaret.

Eigenwillige Regentin

Als sie Thüringen für den landesabwesenden Gemahl regiert und eine Hungersnot ausbricht, lässt sie alle Vorratsspeicher öffnen, rüstet das Volk mit Werkzeug und Saatgut aus und legt selber Hand an. Ludwig nimmt sie bei seiner Rückkehr gegen den aufgebrachten Hof in Schutz.

Elisabeth ist für den Landgrafen keine einfache Frau. Zu Tisch isst sie keine Speise, die unfair oder unrechtmäßig erworben war. Ihr Mann nimmt sie ernst, ihr Tun, ihr Gewissen und ihre Botschaft: glückliche Liebe ungleicher Menschen, die das Du achten, lieben und unterstützen, gerade auch dann, wenn es anders ist, anders empfindet und handelt.

 

Zu Lebzeiten Elisabeths (1207-1231) entstand im Basler Münster dieses Relief: „Der Arme trifft auf die Barmherzigkeit“ ist es überschrieben. Barfuss, abgemagert und mit wenigen Habseligkeiten unterwegs, findet er eine Frau, die seiner Not mit offenen Augen und zielsicher einen Weg weist – und die ihn spüren lässt, dass sie ein Herz für ihn hat. Bild von Nikolaus Kuster OFMCap.
Zu Lebzeiten Elisabeths (1207-1231) entstand im Basler Münster dieses Relief: „Der Arme trifft auf die Barmherzigkeit“ ist es überschrieben. Barfuss, abgemagert und mit wenigen Habseligkeiten unterwegs, findet er eine Frau, die seiner Not mit offenen Augen und zielsicher einen Weg weist – und die ihn spüren lässt, dass sie ein Herz für ihn hat. Bild von Niklaus Kuster OFMCap.

Weg gewiesen

Die glückliche Frau erwartet ihr drittes Kind, als ihr Leben unerwartet an einen Abgrund gerät. Kaiser Friedrich II. bläst zum Kreuzzug und auch Ludwig reitet in schwerer Rüstung los. Noch in Italien fällt er einer Seuche zum Opfer. Als die Nachricht nach Thüringen kommt, wird die junge Witwe fast wahnsinnig vor Schmerz.

Weil sie sich der Machtpolitik ihres Schwagers in den Weg stellt, ekelt der Hof die junge Witwe aus der Burg: Des Geliebten, der Kinder und ihres Zuhause beraubt, tritt Elisabeth barfuss in Eisenachs Nieselregen, wo eine bittere, alte Frau sie auf der Gasse in eine Pfütze stösst. Elisabeth bleibt nicht liegen: weder in der Gosse noch in ihrer Trauer.

Zwei Tage später werden auch ihre Kinder von der Wartburg weggejagt. Elisabeth kann ihr Elend den Kindern nicht zumuten und muss sie in einem Kloster und an einem Hof Verwandter „fremdplatzieren“. Monate später – nach Rückkehr der Thüringer Grossen vom Kreuzzug – werden die älteren beiden Kinder auf die Burg zurückgenommen. Sie bleiben jedoch von der Mutter getrennt, um „standesgemäss“ erzogen zu werden. Nur das dritte Kind lässt man ihr, solange sie es stillt, Es ist fürs Kloster bestimmt.

Schwesterliche Wege

Die Witwe wechselt mit ihren zwei liebsten Freundinnen und dem Baby nach Marburg. Dort stünde ihr ein Prachtschloss als Witwensitz zu. Sie zieht jedoch nicht in die Burg über der Lahnstadt. Im Schatten des Schlossberges gründet sie mit dem ererbten Geld ein Hospital. Elisabeth baut ein Haus, das Kranke, Arme, Behinderte, Waisen und Irre aufnimmt. Wer immer ohne Dach, Pflege, Brot und Zuwendung lebt, findet hier ein Zuhause, Bett und Sorge.

Die Gräfin wird selbst zur „Schwester in der Welt“ und wirkt im Kreis einer geschwisterlichen Gemeinschaft, kleidet sich barfuss in raues Wolltuch und gürtet sich mit einem Strick – wie Franziskus, den sie – eben erst heilig gesprochen – zum Patron ihrer Spitalkapelle erwählt.

Gottes Weg

Mit Leidenschaft und Liebe setzt Elisabeth eine Erkenntnis in die Tat um: Alle, die das „Vaterunser“ beten, werden einander Geschwister – ob Bauer oder Fürstin, reich oder arm, mächtig oder machtlos, Freundin oder Fremder. So schenkt die Fürstin den selbst gewobenen Mantel, den sie zur Taufe ihres Sohnes trug, einer armen Bäuerin.

In Marburg folgt sie dem Weg des Gottessohnes, der Freund der Ärmsten wurde und sich mit ihnen solidarisiert. Fremde, Hungernde, Gefangene und Kranke nennt er als Bruder seine liebsten Geschwister.

Elisabeths solidarisches Leben unter den Ärmsten zehrt sich nach drei Jahren auf. Vom Volk geliebt und von Papst und Kaiser bewundert, stirbt sie 24-jährig an einer Grippe. Man hat Elisabeth die Mutter Theresa des hohen Mittelalters genannt. Beide sind sie Osteuropäerinnen, die Karriere machen und schliesslich – dem Weg des Gottessohnes unter die Geringsten folgend – Schwestern der Armen werden.


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