18.12.2018 Stefan Federbusch ofm

Eine universale geschwisterliche Grundhaltung

Elemente franziskanischer Spritualität

Durch seine Menschwerdung wird die Nähe Gottes in dieser Welt erfahrbar. Der große Gott macht sich klein, er entäußert sich.
Er ist der Demütige. Bild von Matthias Hübner / pixelio.de.

Die Betrachtung der franziskanischen Haltungen nahm ihren Ausgangspunkt am vielleicht wichtigsten Wort der franziskanischen Spiritualität: der Demut. Der Allerhöchste (= Gott) zeigt sich in der „größtmöglichen Erdgebundenheit“ (Anton Rotzetter OFMCap). In Jesus wird er sichtbar als Dienender, in Gestalt eines Menschen. Mit seinen geöffneten Armen am Kreuz erweist er seine größte Liebe. Im Zeichen des Brotes ist er bleibend gegenwärtig. Krippe, Kreuz und Eucharistie sind die drei Orientierungspunkte der Vertikalen, mit denen Gott seine Verbindung zu uns Menschen herstellt. Sie sind die jesuanisch-christologischen Dimensionen jeder christlichen Spiritualität.

Wie alle Mystiker macht Franziskus die Erfahrung: „Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Menschen wieder auf.“ Die vertikale Linie der Demut Gottes, die Himmel und Erde verbindet, verknüpft sich im Kreuz mit der horizontalen Linie der Geschwisterlichkeit. Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen. Die Fußspuren Jesu führen zu den Menschen. Aus der Erfahrung Gottes (Mystik) erwächst die Sendung in die soziale und gesellschaftliche Wirklichkeit (Mission). Oder noch einmal anders formuliert: Die Erfahrung der bedingungslosen Liebe, mit der Gott uns Menschen liebt, ins die Antriebskraft und das zentrale Motiv franziskanischen Engagements. Die bedingungslose Liebe Gottes möchte uns Menschen in diese Liebe hineinziehen. Unsere Hinwendung zum Nächsten ist die Antwort darauf. Der Franziskus-Biograf Thomas von Celano sagt es in der Sprache des 13. Jahrhunderts: „Die Liebe dessen, der uns bis zur völligen Verausgabung seiner selbst liebt, müssen wir ebenso mit völliger Verausgabung lieben.“ Der Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus spricht vom Lockruf der Liebe. „ Christus hätte uns auch anders erlösen können. Er hat uns aber so – durch das Kreuz – erlöst, um uns in seine Liebe zu locken und weil er wollte, dass der Mensch Gott noch liebenswerter werde.“

Franziskus entdeckt diese Liebe Gottes wie ein Wasserzeichen in allem Geschaffenen. Davon kündet sein berühmter „Sonnengesang“ oder, wie er im italienischen heißt:“ Der Gesang der Geschöpfe“. Durch alle und mit allen Geschöpfen preist er Gott. Alles Geschaffene ist für ihn „Schwester“ und „Bruder“. Das spezifisch Franziskanische besteht darin, dass die Geschwisterlichkeit nicht nur die Liebe zum menschlichen Nächsten umfasst, sondern eine universale Geschwisterlichkeit mit allem Geschaffenen. Nicht nur der Mensch wird zur Schwester, zum Bruder, sondern jedes Tier, jede Pflanze, jedes Mineral, jedes Gestirn. Die ganze Schöpfung ist ein Zeichen, ein Sakrament für Gott. „Der Glaube an die Präsenz Gottes in allem und jedem und damit die Möglichkeit unmittelbarer Gotteserfahrung machen letztlich den Glutkern franziskanischer Spiritualität aus„(Udo Schmälzle OFM).

Eine so gelebte Geschwisterlichkeit zeichnet sich im Umgang mit der Schöpfung aus. Der Mensch steht nicht über den Dingen, sondern ist eingebundener Teil des Ganzen. Er ist nicht Beherrscher, sondern Hüter. Das Geschaffene ist nicht zur Ausbeutung durch den Menschen da. Sondern hat seinen eigenen Wert. Im Sinne der päpstlichen Enzyklika „Laudato Si“ sollen wir die Erde als Haus für alle bewahren. Zugleich gilt es, den Armen und Entrechteten unseres Planeten auskömmliche Lebensverhältnisse zu ermöglichen. Der Gedanke der universalen Geschwisterlichkeit vermag beide Aspekte miteinander zu verbinden: den Schutz der natürlichen Ressourcen und den Schutz des Menschen. Der geschundene Aussätzige verweist Franziskus ebenso auf Christus wie ein Wurm auf dem Weg und ein Lamm auf der Weide.

In den Elementen franziskanischer Spiritualität finden wir somit eine weltbejahende geerdete Grundhaltung, eine leidenschaftlich-liebeswunde Grundhaltung, eine eucharistische Grundhaltung sowie eine universale geschwisterliche Grundhaltung. Krippe, Kreuz, Eucharistie und Geschwisterlichkeit sind die vertikalen und horizontalen Verweispunkte von Gottes- und Nächstenliebe. Die Haltungen konkretisieren sich in konkreten Handlungen.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Winter / 2018


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