05.06.2019 Annette Krauß. Aus Münchner Kirchenzeitung Nr. 25, 23. Juni 2019

Erzbischof Pizzaballa warb in München für christliches Engagement im Heiligen Land

Land kaufen in Jerusalem

Franziskaner im Heiligen Land. Zwischen allen Fronten die Konflikte aushalten. An der Mauer bei Betfage. Bild von Pater Raynald Wagner

„Es gibt keine klare Abgrenzung zwischen Politik und Religion im Nahen Osten“, konstatierte Pierbattista Pizzaballa, Erzbischof aus Jerusalem, im vollbesetzten Saal der Katholischen Akademie in Bayern. „Frieden im Nahen Osten? – Politik und Religionen im Heiligen Land“ war das Thema, zu dem die Deutsche Franziskanerprovinz Erzbischof Pizzaballa eingeladen hatte. 2016 wurde er zum Apostolischen Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem ernannt und ist somit zurzeit das Oberhaupt der Katholiken im Heiligen Land. In dieser sensiblen Region hat der aus Italien stammende Franziskaner seit dreißig Jahren Erfahrung. Er erinnerte daran, dass sein Orden nach den Kreuzzügen die zerstörten heiligen Stätten wieder aufgebaut und später Schulen errichtet habe: „Auch das ist eine Art der Eroberung, denn man muss sich dort einen Platz schaffen!“

Anlass für den öffentlichen Vortrag in München, zu dem auch Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem gekommen waren, war das Gedenken an die Begegnung des heiligen Franziskus mit Sultan Muhammad al-Malik al Kamil vor 800 Jahren (siehe Seite 29). Dazu lieferte Erzbischof Pizzaballa seine eigene Interpretation: „Damals war Krieg, die Kreuzfahrer wollten den Sultan besiegen, um nach Jerusalem zu kommen, Franziskus hingegen wollte mit dem Sultan sprechen, um nach Jerusalem zu kommen. Der Dialog war also nicht Zweck, sondern Mittel, denn Franziskus hat die Autorität des Sultans anerkannt.“

Die aktuelle politische Situation im Nahen Osten sei geprägt von einem Krieg innerhalb des Islams zwischen Schiiten und Sunniten, wobei es um die Kontrolle der arabischen Welt gehe: „Wer Syrien kontrolliert, der kontrolliert auch den Nahen Osten.“ Was fehle, seien charismatische Führungspersönlichkeiten und Visionen für die Region, beklagte der Erzbischof.

Im Heiligen Land, und damit meine er Israel und Palästina, gebe es einen großen Wandel. In Israel wurde im Juli 2018 ein Grundgesetz verabschiedet, wonach Israel ein Staat der Juden sei. „Damit werden zwanzig Prozent der Bevölkerung nicht erwähnt!“ In Palästina, unterteilt in Westjordanland und Gaza, sei die wirtschaftliche Situation sehr fragil. Die Zwei-Staaten-Lösung zeichne sich nicht ab, aber es könne auch nicht sein, dass die Palästinenser Gast in ihrem eigenen Zuhause seien, sagte der Franziskaner.

Erzbischof Pierbattista Pizaballa ofm

Insgesamt leben in Israel sieben Millionen Juden, 800.000 Muslime und 140.000 Christen sowie 80.000 meist christliche Fremdarbeiter aus Indien oder Südamerika. In Palästina leben 4,8 Millionen Menschen, darunter maximal 50.000 Christen. In beiden Ländern sei „die Präsenz von Christen sehr entscheidend – vor allem im Sozial- und Bildungsbereich“, unterstrich Erzbischof Pizzaballa. Konkret werden mehr als hundert christliche Schulen und viele Krankenhäuser betrieben. „Da müssen wir uns zum interreligiösen Dialog nicht verabreden wie in Europa, sondern wir leben ihn, denn wir sind gezwungen, miteinander zu sprechen!“

In Jerusalem, das im Herzen des israelisch-palästinensischen Konfliktes steht, sei „jeder Zentimeter wichtig“. Am Ende komme es darauf an, wer Land kaufe und das Gleichgewicht beeinflusse. „Es geht um die Kontrolle über die Stadt.“ In diesem Spiel seien die Christen das schwächste Element. „Wir Christen können nicht die Brücke für den Frieden sein, denn die meisten Christen sind Araber, und die werden von Israel als die andere Seite wahrgenommen.“ Es gebe aber einen christlichen Weg: „Keine Gewalt, keine Feindschaft, keine Drohung gegen andere!“ Wie jedoch die Ideale von Gerechtigkeit und Vergebung gelebt werden könnten, bleibe eine offene Frage – etwa für die Palästinenser in Bethlehem.

Inzwischen leben in Jerusalem weniger als achttausend Christen. Deshalb müsse die Kirche so viel wie möglich in Jerusalem investieren, also Wohnungen kaufen und Häuser bauen, gerade für junge christliche Familien. „Sonst laufen wir Gefahr, unsere Präsenz zu verlieren.“ Auf die Frage einer Zuhörerin, was man von Deutschland aus tun könne, antwortete der Erzbischof spontan: „Wenn Sie gläubig sind, dann beten Sie! Und kommen Sie als Pilger ins Heilige Land, das schafft Arbeitsplätze! Und als Drittes: Unterstützen Sie Projekte, die Solidarität schaffen!“ Dann erzählt er mit Stolz, dass die katholischen Schulen, die von vielen muslimischen Schülern besucht werden, seit 500 Jahren eine hohe Reputation genießen. Als die Franziskaner nun eine Schule schließen wollten, habe es Proteste von Seiten der Muslime gegeben – und schließlich hätten diese Geld gesammelt, „damit eine christliche, katholische, franziskanische Schule gebaut werden konnte“. Der Fokus in diesen christlichen Schulen liege auf Beziehung und Offenheit. „Das wollen viele muslimische Familien.“


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