Bruder Cornelius Bohl

Eschatologie

Die Lehre von den letzten Dingen

Der heilöige Franziskus meditiert über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Gemälde von Francisco de Zubaran, (1598-1664) Bild von Wikimedia Commons, public domain.
Der heilöige Franziskus meditiert über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Gemälde von Francisco de Zubaran, (1598-1664) Bild von Wikimedia Commons, public domain.

Schon der Begriff ist sperrig – und das, worum es geht, erst recht. Die „Lehre von den letzten Dingen“ beschäftigt sich traditionell mit Tod und „Jüngstem Gericht“, mit Himmel, Hölle und Fegefeuer. Das sind nicht gerade die Themen, die eine zeitgenössische Spiritualität umtreiben. Dennoch, die Grundüberzeugung, die dahintersteht, ist brisant: Es gibt ein „Eschaton“, ein letztes Ende. Geschichte ist keine ewige Wiederkehr des Gleichen. Sie hat eine Richtung und ein Ziel

Endlichkeit muss nicht nur Angst machen. Sie verleiht jedem Augenblick einen unendlichen Wert: Er ist wichtig, weil ich ihn nicht wiederholen kann, tatsächlich „einmalig“. Endlichkeit ruft zudem in Verantwortung: Die Welt ist uns aufgetragen. Wir können sie entwickeln oder kaputt machen. Auch für mein Leben gibt es keinen Probedurchgang und kein Umtauschrecht. Das heißt dann aber auch: Trotz aller Konditionierungen und Zwänge kann ich frei gestalten. Und: Es ist nicht alles „gleich-gültig“. Ich kann das Ziel erreichen oder verfehlen.

Für eine christliche Eschatologie läuft alles auf Christus zu. Hier erhält die Rede vom „Gericht“ Sinn: Die Art und Weise, wie ich mich an Christus ausrichte, gibt dem Dasein die Richtung. So wird er zum Richter. Die klassische Unterscheidung von einem individuellen Gericht unmittelbar nach dem Tod des Einzelnen und einem universalen Gericht am Ende der Zeit kann man kaum zusammendenken. Aber beides hat Sinn: Im Augenblick meines Todes steht die Richtung meines Lebens endgültig fest. Dennoch bleibe ich verwoben ins Ganze der noch offenen Geschichte. Ich kann nicht privat selig sein, solange meine Brüder und Schwestern leiden.

Die himmlische Seligkeit ist keine buchhalterisch berechnete Belohnung fürs Bravsein, sondern ewige Erfüllung in der Gemeinschaft mit Gott. So wie eine „Hölle“ keine von außen willkürlich auferlegte Bestrafung ist. Sie bezeichnet die Möglichkeit, endgültig und unrevidierbar das Leben verfehlt zu haben.

Gibt es eine „Hölle“? Kann sich ein Mensch so radikal vor dem Guten und damit vor Gott verschließen, dass er in Ewigkeit von ihm getrennt und für seine Barmherzigkeit unerreichbar ist? Ein Gott, der die Freiheit des Menschen ermöglicht, wird auch dessen totales Nein akzeptieren. Die Möglichkeit, damit das Leben endgültig zu verfehlen, ist noch keine Aussage darüber, ob und für wen das zutrifft. Die Kirche hat unzählige Menschen heiliggesprochen und damit gesagt: Ihr Leben ist gelungen, sie sind bei Gott im „Himmel“. Vergleichbare Aussagen über die „Hölle“ sind unmöglich. Wir alle dürfen hoffen auf die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes.

Und das „Fegefeuer“? Der heute entbehrlich erscheinende Begriff bringt nochmals Dynamik in die Eschatologie: Wenn auch mit dem Tod die große Richtung eines einmaligen Lebens unumkehrbar feststeht, so gibt es doch in der Gegenwart Gottes noch Läuterung, Reifung, Wachstum. Was im Leben angelegt war, kommt endgültig zum Durchbruch. Wir können dies nur als Zeitspanne denken. Doch nach dem Tod gibt es keine Zeit mehr. Wohl aber so etwas wie Bewegung und Entwicklung. Darum wird es im Himmel auch nie langweilig: Ewig werde ich Neues an Gott entdecken.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Winter 2014


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