Bruder Natanael Ganter

Faszination Geschichte

Die Fachstelle Franziskanische Forschung

Fachstelle Franziskanische Forschung (FFF)

Man nehme: ein Rätsel aus dem dunklen Mittelalter. Kunstgegenstände mit Millionenwert. Ein Historikerteam an einer altehrwürdigen deutschen Forschungseinrichtung. Neubewertung der Fakten. Eine Verbindung zur päpstlichen Universität in Rom. Und eine Ordensbruderschaft in dunkelbraunen Kutten. Wenn man über die Einzelteile einen Moment nachsinnt, würde einem sicher eine spannende Geschichte im Stile von Dan Browns „Da Vinci Code“ einfallen.

Was nach dem Stoff für eine Abenteuergeschichte klingt, ist für Bernd Schmies und sein Team Alltag – Alltag in der Fachstelle Franziskanische Forschung (FFF) in Münster. Um die Tätigkeit der Forscher kennenzulernen, müssen wir uns aber zunächst von weiteren Klischees verabschieden: So begegnen den Forschern selten staubige, verschollene, Jahrhunderte alte Handschriften, denn die meisten franziskanisch-historischen Fakten sind mittlerweile wohlgeordnet und katalogisiert. Finstere italienische Klostergrüfte besuchen sie auch nur in Ausnahmefällen – und wenn, dann eher als Touristen. Die Ordensbrüder in den Kutten, mit denen Sie zusammenarbeiten, sind auch kein Geheimbund, der die Welt beherrschen möchte, sondern ganz normale Franziskaner. Was bleibt übrig, wenn wir uns der ganzen Vorurteile des modernen Medienbildes vom Abenteuer historischer Forschung berauben? Seriöse Forschungsarbeit und die Faszination Geschichte!

Tagungen, Ausstellungen, Publikationen

Im Jahr 2011 arbeitete Bernd Schmies und sein Team an ihrer bisher größten Herausforderung: Mit einer großen Sonderausstellung in Paderborn wurde der „Geist von Assisi“ und die Geschichte der Franziskaner dokumentiert. Gemeinsam mit der Universität Potsdam und dem Diözesanmuseum Paderborn entstand eine faszinierende Ausstellung: „Franziskus – Licht aus Assisi“. Die FFF hatte die Ausstellung wissenschaftlich vorbereitet und war auch an der Organisation und Präsentation beteiligt. Aus vielen Klöstern und Museen in ganz Europa wurden mehr als 300 Objekte in Paderborn zusammengetragen. Aus Assisi, aus Rom und sogar vom Louvre in Paris kamen Exponate. Die Forscher waren sehr überrascht von der Dynamik, die die Ausstellung ausgelöst hat. So konnte der damalige Generalminister der Franziskaner in Rom, Bruder José R. Carballo, als Schirmherr gewonnen werden. „Die ganze Stadt Paderborn hatte mitgemacht und wurde ein halbes Jahr lang zum franziskanischen Zentrum Deutschlands“, erklärt die Historikerin Angelica Hilsebein. „Das komplette Diözesanmuseum wurde sechs Monate zur Sonderausstellung, Zehntausende Besucher kamen“, erzählt sie begeistert.

Im vergangenen Jahr lud die FFF zur Tagung „Gelobte Armut“ ein. Mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen wurde das Armutsideal der Franziskaner vom Mittelalter bis in die Gegenwart beleuchtet. Zahlreiche Vorträge wurden initiiert, Raum zur Diskussion geschaffen. Die Organisatoren hatten mit 30 Teilnehmern gerechnet, was für eine wissenschaftliche Tagung zu einem sehr speziellen Fachgebiet normal gewesen wäre. Tatsächlich kamen 120 Personen – das Interesse war überwältigend! Dass die Fachstelle Franziskanische Forschung mit ihren Themen auf solch reges Interesse stoßen würde, konnte bei ihrer Gründung im Jahr 2007 noch niemand erahnen.

 

Forschungsteamleiter Bernd Schmies begutachtet alte Akten im Archiv in Münster
Forschungsteamleiter Bernd Schmies begutachtet alte Akten im Archiv in Münster

Auf Initiative der DEUFRA, dem Zusammenschluss der deutschsprachigen Ordensoberen der Franziskaner, Kapuziner und Minoriten, sollte eine Stelle eingerichtet werden, um die franziskanische Forschung in der Wissenschaft präsent zu halten. Ihre wesentliche Aufgabe sollte sein, die bestehenden Projekte der wissenschaftlichen Arbeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu koordinieren, zu organisieren und unterstützende Redaktionsarbeit zu leisten. Dies geschieht zum Beispiel mit der Herausgabe der Fachzeitschrift „Wissenschaft & Weisheit“. Denn bei allen unterschiedlichen Traditionen und Frömmigkeiten der verschiedenen franziskanischen Orden und Provinzen sind die Mentalitätsunterschiede in der Forschung doch sehr gering. Zudem sollte sich die Stelle mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen vernetzen und eigenständig Forschungsinitiativen anregen. 2007 war es dann so weit: Die Fachstelle Franziskanische Forschung war geboren und wurde als gemeinnütziger Verein eingetragen.

Bruder Leonard Lehmann ofmcap überreicht die von FFF erarbeiteten "Franziskus-Quellen" 2010 an Papst Benedikt
Bruder Leonard Lehmann ofmcap überreicht die von FFF erarbeiteten „Franziskus-Quellen“ 2010 an Papst Benedikt

Bernd Schmies wurde als Geschäftsführer gewonnen, Christian Loefke als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Beide sind erfahrene Historiker, die bereits für die damalige Provinz Saxonia im Institut für franziskanische Geschichte gearbeitet haben und viele Kontakte aus der franziskanischen Wissenschaftswelt einbrachten. Die Standortwahl fiel auf Münster, denn dort bestanden durch die Hochschule der Kapuziner bereits gute wissenschaftliche Kontakte. Dankenswerterweise wurden der FFF an der Diözesanbibliothek in Münster mietfrei Büros überlassen. Der Standort ist geradezu ideal, da im Haus selbst umfangreiche Buchbestände vorhanden sind und die Universitätsbibliothek sowie die Theologische Fakultät in nächster Nähe liegen.

Brückenbauer

Kernaufgabe der FFF ist es, Brücken zu bauen. Zwischen den franziskanischen Orden und Provinzen, nach außen zu Universitäten, Instituten und anderen Einrichtungen. Dabei stehen nicht nur theologische und philosophische Themen auf der Agenda, sondern vor allem interdisziplinäre Vernetzungen zu Kunsthistorikern, Germanisten, Soziologen und Historikern. Die Forschung beschränkt sich dabei auch nicht nur auf das Mittelalter, sondern zieht sich durch alle Epochen bis in die Moderne. Als außeruniversitäre Einrichtung ist die Fachstelle auch international gut vernetzt. Vor allem zur Päpstlichen Universität Antonianum in Rom bestehen sehr gute Kontakte. Bernd Schmies und sein Team sind keine Franziskaner. Sie sehen sich selbst als Wissenschaftsmanager und Forscher und stehen in engem Kontakt zu allen wissenschaftlich arbeitenden Franziskanern von Rang und Namen. Die FFF hat sich in wissenschaftlichen Kreisen mittlerweile einen hervorragenden Namen erarbeitet. „Sobald irgendwo etwas mit franziskanischen Inhalten passiert, werden wir in Münster angefragt“, berichtet Christian Loefke. So liegt heute auch ein Schwerpunkt in der Förderung der Nachwuchsarbeit. Die FFF unterstützt auch hier interdisziplinär und international zahlreiche Diplomanden und Doktoranden bei ihrer Arbeit zu franziskanischen Themen. Hätte es die FFF schon in den 1950er Jahren gegeben, so hätte sie vielleicht auch mit dem jungen Theologen Joseph Ratzinger zusammengearbeitet, der damals an seiner Habilitation über den Franziskaner Bonaventura arbeitete. „Bei aller wissenschaftlichen Basisarbeit ist es uns aber wichtig, nicht zum Selbstzweck im Elfenbeinturm zu sitzen „, betont Bernd Schmies. Es geht beispielsweise auch immer um Fragen, wie kann franziskanische Bildungsarbeit oder franziskanische „Firmenphilosophie “ aussehen? Wie verträgt sich modernes Management mit der Ordensregel von Franziskus? Daneben begleitet die FFF, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kirche, Management und Spiritualität der Kapuziner, erstmalig wissenschaftlich die Fusionsprozesse von Ordensgemeinschaften. Die Forschung versucht also, Antworten zu geben auf aktuelle Fragen und nicht die Vergangenheit zu beweihräuchern. Und genau das scheint es zu sein, was die „Faszination Geschichte“ für die Forscher ausmacht.


2 Kommentare zu “Faszination Geschichte

  1. Mit großem Interesse habe ich o.g. Artikel gelesen. Dazu eine Frage: Gibt es auch Archivunterlagen, die aufgelösten Klöster in Dettelbach und Kloster Altstadt in Hammelburg betreffend?

    1. Grüß Gott Herr Back
      Sicher gibt es Unterlagen über aufgelöste Klöster. Entweder beim neuen Eigentümer des Anwesens vor Ort oder, falls es die Franziskaner betrifft, in unserem eigenen Provinzarchiv in Paderborn. Die von ihnen angesprochenen Häuser sind beide einem neuen Nutzen unter neuem kirchlichen, bzw. staatlichen Eigentümer zugeführt.

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