Bruder Natanael Ganter

Franziskaner hinter Gittern

Bruder Gabriel und die verlorenen Söhne

Bruder Gabriel bekommt durch eine Sicherheitsschleuse von dem Justizbeamten sein Handy und seine persönlichen Wertsachen zurück. Während seines Aufenthaltes in der Justizvollzugsanstalt Neubrandenburg waren sie in einem Spind eingeschlossen. Dann fällt krachend das große Stahltor hinter ihm zu und er blinzelt müde in die Abendsonne. Während der halbstündigen Autofahrt zurück ins Kloster nach Waren an der Müritz grübelt er über die Gespräche und die noch frischen Eindrücke. Nach einer Weile schaltet er das Radio ein und bei lauter Rockmusik öffnet er das Fenster seines Wagens, drückt aufs Gaspedal und freut sich am Fahrtwind. Sein Blick gleitet von der Landstraße über die weiten Felder Mecklenburg-Vorpommerns. Lächelnd dankt er Gott und genießt die Freiheit.

 

Bruder Gabriel im Gespräch mit einem Gefangenen

Bruder Gabriel Zörnig ist Gefängnisseelsorger. Er lebt zusammen mit seinem Mitbruder Martin Walz, der als Pfarrer in Waren arbeitet, in einer kleinen Franziskanerkommunität. Von dort aus besucht er seit 2010 täglich die Gefangenen in den drei umliegenden Justizvollzugsanstalten in Neubrandenburg, Neustrelitz und Bützow. Vom vierzehnjährigen Mädchen, das in einem Kaufhaus Schmuck gestohlen hat und zum ersten Mal verschreckt in Untersuchungshaft sitzt, bis zum abgebrühten, alternden Rocker, der wegen Totschlags bereits seit Jahren seine Strafe abbrummt, ist alles dabei in Bruder Gabriels bunter Knastgemeinde: Diebe, Betrüger, Drogenhändler, Gewaltverbrecher, Vergewaltiger und Mörder. Aber für Gabriel spielt es keine Rolle, warum jemand im Gefängnis sitzt. Er interessiert sich nicht für die Straftat und verurteilt niemanden. Das ist die Aufgabe des Rechtsstaates, von Staatsanwälten, Verteidigern und Richtern. Für Bruder Gabriel gibt es keine Asozialen, keine Kriminellen, keine Schläger, keine Triebtäter und keine Mörder. Für ihn gibt es nur Mitmenschen, denen er mit christlicher Nächstenliebe und Interesse begegnet.

Er ist Seelsorger, kein Richter

Er ist weder Wächter noch Streitschlichter, sondern Seelsorger. Die Aufgabe des Seelsorgers ist es, einfach nur da zu sein. Ansprechbar zu sein, zuzuhören und zu trösten. Er bietet seine Hilfe der verletzten Seele an. Er hilft dabei, Schuld aufzuarbeiten und mit sich ins Reine zu kommen. Abseits der Waagschale der blinden Justitia, die die Sachlage nach dem Gesetz abwägt, reicht er den Menschen die Hand, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

Wenn Bruder Gabriel morgens in die Haftanstalt kommt, checkt er sich über die strengen Sicherheitsvorkehrungen der Außentore ein, gibt sein Handy ab und nimmt seinen Schlüsselbund und seinen Notfallsender in Empfang. Als Erstes geht er in sein Büro und studiert die Liste der Neuzugänge. Er schaut, ob er Personen eventuell schon kennt aus der U-Haft, aus einem anderen Gefängnis oder vielleicht von früheren „Aufenthalten“. Dann überprüft er sein Postfach auf Besuchsanträge. Denn wenn ein Insasse ein Gespräch mit dem Seelsorger wünscht, muss er oder sie dafür einen schriftlichen Antrag stellen.

An diesem Tag ist Gabriel in der JVA Neustrelitz. Das ist ein Gefängnis für Jugendliche und junge Menschen bis 23 Jahre. Fünf Neuzugänge sind notiert, drei Häftlinge ersuchen um ein Gespräch. Bruder Gabriel schreibt sich aus der digitalen Akte die Zellennummern ab und macht sich auf zu seinem ersten „Hausbesuch“ an diesem Tag. Er nimmt den Weg über die Cafeteria und an den Werkstätten vorbei zum Gebäudeblock 60. Die Gänge sind unterteilt durch Zwischentüren. Man kommt kaum zehn Meter weit, ohne wieder vor einem verschlossenen Gitter oder einer Stahltür zu stehen. Aber Gabriel hat einen dicken Schlüsselbund. Er kann sich auf dem Gelände frei bewegen und hat Zugang zu fast allen Bereichen. Die Beamten kennen ihn. Alle paar Meter bleibt er kurz stehen, um sie per Handschlag zu begrüßen und ein freundliches Wort zu wechseln.

An der gesuchten Zelle angekommen, klopft er mit seinem Schlüssel an die massive Tür und zieht den Verschlussriegel weg, öffnet und fragt den jungen Mann in der Zelle, ob er Herr Armin Holzer* sei. Dann stellt er sich als Bruder Gabriel Zörnig, der Gefängnisseelsorger vor, reicht ihm zur Begrüßung die Hand und fragt höflich nach, ob er hereinkommen dürfe, um ihn zu besuchen.

Meist sind die Gefangenen überrascht, denn ihre gewohnten „Besucher“, die Beamten, stellen sich nicht vor und fragen nicht, ob sie eintreten dürfen. Auch mit dem Begriff Seelsorger können die wenigsten etwas anfangen. So auch Armin, er ist 19 Jahre alt und das erste Mal im Gefängnis. Seit fünf Tagen ist er hier und wird, laut Strafakte, noch 16 Monate bleiben dürfen. Er hat verheulte Augen, macht aber sonst einen gefassten Eindruck. Nein, mit Seelsorge hat er noch nichts zu tun gehabt, er sei nicht gläubig, wisse nicht, wozu das gut sein solle. „Ich habe 19 Jahre keinen Gott und keine Kirche gebraucht, ich werde jetzt sicher nicht mit so was anfangen“, meint er trotzig, als Gabriel ihn direkt zum Sonntagsgottesdienst einlädt. Bruder Gabriel lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und fragt ihn augenzwinkernd: „Und, wohin hat es dich gebracht?“

Verschwiegenheit schafft Vertrauen

Eine Justizvollzugsbeamtin öffnet Bruder Gabriel die Tür zu einer Zelle
Eine Justizvollzugsbeamtin öffnet Bruder Gabriel die Tür zu einer Zelle

Tatsächlich sind die wenigsten Menschen in Mecklenburg-Vorpommern gläubig. Weniger als zehn Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Im Jugendgefängnis ist oft nur einer von Hundert getauft. Das hält Bruder Gabriel aber nicht von seiner Arbeit ab, denn er ist für alle da – ob sie nun wollen oder nicht. Und die meisten sind tatsächlich gewillt, diesen „Mann Gottes “ in ihr Leben zu lassen. Anfänglich vielleicht, weil dieser komische Kauz etwas Abwechslung in den strengen und vorbestimmten Knast-Alltag bringt. Auch gibt es bei den Besuchen bei Bruder Gabriel immer Kaffee und Plätzchen. Einige Wärter behaupten, das sei der wahre Grund, warum sich die Häftlinge darauf einlassen.

Was auch immer die erste Motivation ist, die Häftlinge machen schnell die Erfahrung, dass es einfach guttut, mit jemandem wie Bruder Gabriel sprechen zu können. Jemandem, der nicht wissen will, was sie getan haben. Jemandem, der ihnen ohne Scheu und Vorbehalte begegnet. Jemandem, vor dem sie nicht cool und hart sein müssen. „Stimmt es, dass Sie nichts weitersagen dürfen, was ich Ihnen erzähle?“, wird Gabriel oft gefragt. Und ja, es stimmt. Der Gefängnisseelsorger ist der Einzige, dem sich Gefangene anvertrauen können, ohne dass die Gespräche in Protokollen erscheinen oder gegen sie verwendet werden. Nichts davon dringt an die Anstaltsleitung oder an Mitgefangene durch. Bruder Gabriel können sie sich anvertrauen. Dies ist ein Türöffner, der manchmal sogar die härtesten Kerle dazu bringt, sich auszusprechen. Wo sie gegenüber den Beamten gelassen bleiben müssen und gegenüber Mitgefangenen keinen Riss in ihrer „Gangsterfassade“ zeigen dürfen, da dürfen sie sich bei Bruder Gabriel ausheulen und Schwäche zeigen.

Davon ist Armin aber beim ersten Besuch des Seelsorgers noch weit entfernt. Um das Eis zu brechen und um den Bildungsstand und das religiöse Interesse einschätzen zu können, macht Gabriel mit ihm ein kleines Quiz. Zu gewinnen gibt es ein Dinner für zwei Personen. Die Fragen dabei erscheinen einem Christen simpel, etwa „wann ist Jesus geboren“ oder „wie heißt seine Mutter“. Aber selbst bei der Vorgabe von vier möglichen Antworten – „Hedwig, Maria, Jaqueline oder Fatima“ – tippt so mancher noch daneben.

Der nächste Hausbesuch ist bei Natascha*. Sie ist 22 Jahre alt und seit eineinhalb Jahren in der Frauenabteilung inhaftiert. Während ihrer Haftzeit hat sie ihren kleinen Sohn Artjom* geboren. Es ist gut für ihn, bei der Mutter zu sein. Er ist noch zu klein, um sich später daran zu erinnern, unter welchen Umständen er sein erstes Lebensjahr verbrachte. Natascha hofft darauf, in drei Monaten entlassen zu werden, und ist deshalb schon im gelockerten Vollzug.

Bruder Gabriel hat in der Zeit ihrer Haft schon einige Gespräche mit Natascha geführt und ist gespannt, warum sie sich heute an ihn wendet, denn sie hatte per Antrag um das Gespräch gebeten. Händeschüttelnd scherzt er anfänglich, ob sie sich endlich dazu durchgerungen habe, den kleinen Artjom taufen zu lassen. Doch die Situation wird sehr schnell wieder ernst, denn sie erzählt ihm mit erstickter Stimme von ihrer gestrigen Fehlgeburt. Nein, sie hätte selbst nicht gewusst, dass sie schwanger war, bis sie mit Bauchschmerzen auf die Krankenabteilung kam. Es muss wohl in der 11. Woche gewesen sein. Sie braucht jemanden zum Reden, dem sie ihre Trauer erzählen kann. Und Gabriel ist für sie da. Er bietet ihr an, gemeinsam in der Kapelle eine Kerze anzuzünden. Doch das möchte sie nicht, sie ist nicht gläubig, sie möchte nicht beten. Gabriel schlägt ihr vor, dass dann er für sie eine Kerze anzünden und für sie und das Kind beten könne. – Dankbar nimmt sie an.

Eine Friedensglocke im Knast

Die Friedensglocke hinter Stacheldraht
Die Friedensglocke hinter Stacheldraht

Auf dem Weg zum nächsten Gefangenen auf seiner Liste trifft Bruder Gabriel auf dem Hof einen Beamten, den er freundlich mit Handschlag begrüßt und mit dem er einige Meter geht. Gabriel kennt ihn und weiß, dass seine Frau an Krebs erkrankt ist und er große Sorge um sie hat. Sie bleiben stehen und unterhalten sich einige Minuten in der Sonne. „Ich bin Gefängnisseelsorger – nicht Gefangenen-Seelsorger“, erklärt Gabriel. „Das schließt für mich das Personal hier mit ein. Obwohl die Beamten oft nicht wissen, dass ich nicht nur für die Häftlinge da bin“, fügt er mit spitzbübischem Grinsen hinzu. Punkt 12 Uhr läutet die Glocke. Sie wurde 2009 von der Gefängnisseelsorge aufgestellt und ist eine Minute lang weit über das ganze Anstaltsgelände zu hören. In das Metall der Glocke eingelassen steht der franziskanische Gruß „Pace e bene“ – Frieden und Heil. „Wenn ihr diese Glocke hört“, erzählt Bruder Gabriel immer den Gefangenen, „dann bedeutet es drei Dinge: Erstens, es ist 12 Uhr mittags und bald gibt es was zu futtern. Zweitens“, fährt er schmunzelnd fort, „die Wichtigtuer von der Kirche schlagen Rabatz, damit niemand vergisst, dass sie noch da sind. Und drittens“ – und hier wird er wieder ernst -, „drittens: Ich bin in der Kapelle und bete ein Vaterunser für euch.“ Und um 12 Uhr zündet Bruder Gabriel in der Kapelle eine Kerze an. Er betet für Natascha und ihr Kind und für alle seine eingesperrten Schäfchen.

Wie wichtig es ist, für die Gefangenen zu beten und ihnen in Würde zu begegnen, hatte auch Papst Franziskus direkt zu Anfang seines Pontifikats gezeigt, als er am Gründonnerstag Strafgefangenen im römischen Gefängnis Casa del Marmo die Füße wusch. Diese Zuwendung stellt die Strafe nicht infrage. Unser Gesellschaftssystem braucht bei Fehlverhalten Sanktionen. Ein Strafmaß ist notwendig zur Abschreckung von Straftaten sowie zur Ahndung von Vergehen. Aber jeder Mensch muss wie ein Mensch behandelt werden.

Manchmal bleibt der Kontakt

Der verlorene Sohn. Bruder Gabriel liebt dieses Standbild am Yachthafen von Waren (Müritz)
Der verlorene Sohn. Bruder Gabriel liebt dieses Standbild am Yachthafen von Waren (Müritz)

Normalerweise hat Bruder Gabriel nach der Haftentlassung keinen Kontakt mehr zu ehemaligen Insassen. Obwohl viele sagen, sie würden sich melden, wenn sie draußen sind, tun sie es nicht. „Am Anfang war ich enttäuscht, dass mich Menschen, zu denen ich einen guten Draht entwickelt hatte,trotz aller Zusagen nun meiden“, erinnert sich Bruder Gabriel. „Aber dann habe ich es verstanden. Sie wollen die Zeit im Knast vergessen und ungeschehen machen, und ich bin leider auch ein Teil dieser unangenehmen Erinnerung. “ Schlimmer noch, denn als Seelsorger ist man so etwas wie ein menschlicher Müllplatz, auf dem die anderen ihren ganzen Schutt und Schmutz abladen dürfen. Da suchen sie anschließend eine große Distanz zu der Person, die den ganzen toxischen Sondermüll ihrer Seele mitträgt.

Anders war es bei Dave, der wegen vergleichsweise geringer Vergehen einsaß. Dave war ohne Führerschein Auto gefahren und konnte die verhängte Geldbuße nicht bezahlen. Bei seiner mehrmonatigen Haftstrafe hatte er Bruder Gabriel kennengelernt und Dave erinnerte sich daran, dass Bruder Gabriel ihm Mut und Selbstvertrauen gegeben hat. So ist der Franziskaner auch nach der Haftzeit sein geistlicher Begleiter geblieben. „Manchmal kommt er mich besuchen, dann reden wir, und meist ‚wäscht er mir den Kopf‘“, gibt Dave ungeniert zu. „Ich fühle mich gut bei ihm, er erinnert mich daran, wer ich bin und wer ich sein möchte.“

Wenn Bruder Gabriel manchmal Abends durch Waren spaziert, um den Tag ausklingen zu lassen, kommt er an der Uferpromenade an seinem Lieblingsstandbild vorbei. Es ist eine Statue von zwei Männern: Der Ältere legt dem Jüngeren die Hand auf die Schulter, der sich beschämt von ihm abwendet. Es ist das Bildnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium. Für Gabriel ist es die Bibelstelle, die seine Arbeit treffend beschreibt. Denn trotz des ganzen Mistes, den er gebaut hat, nimmt der Vater den Sohn wieder in allen Ehren auf. Diese Liebe, dieses große Herz und das Erbarmen Gottes möchte auch Bruder Gabriel seinen „verlorenen Söhnen – und Töchtern“ schenken!

 

* Namen und persönliche Details wurden geändert, um die Persönlichkeitsrechte der Menschen zu wahren


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