Gisela Fleckenstein OFS

Franziskanische Familie

Franziskanerinnen und Franziskaner des Regulierten Dritten Ordens

Die Franziskanische Familie ist ein Baum mit vielen Ästen. Einer davon bilden die zahlreichen Ordensgemeinschaften des Regulierten Dritten Ordens.

„Das franziskanische Lebensideal zieht gerade in unseren Tagen, nicht weniger als in der voraufgegangenen Zeit, ununterbrochen zahlreiche Männer und Frauen an, die sich nach evangelischer Vollkommenheit sehnen und nach dem Reich Gottes trachten. Dem Beispiel des heiligen Franziskus anhangend, bemühen sich die Mitglieder des Regulierten Dritten Ordens, Jesus Christus selber nachzufolgen, indem sie in brüderlicher und schwesterlicher Gemeinschaft leben, die evangelischen Räte des Gehorsams, der Armut, der Keuschheit durch öffentliche Gelübde zur Beobachtung annehmen und sich der apostolischen Tätigkeit in verschiedenen Formen widmen.“

So schreibt Papst Johannes Paul II. 1982 in seinem Bestätigungsschreiben der erneuerten Regel für die Regulierten Dritten Orden des heiligen Franziskus. Damit ist präzise formuliert, was die Besonderheit der Dritten Regulierten Orden ausmacht, die einen Zweig am dritten Ast des franziskanischen Ordensbaumes bilden. Sie leben nach den evangelischen Räten in Gemeinschaft das Evangelium nach dem Vorbild des heiligen Franziskus in der Welt. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit sind meist caritativ-soziale oder pastorale Dienste. Sie bilden heute den weitaus größten und buntesten Teil der franziskanischen Familie. Die Regel gilt weltweit für 28 Brüder- und 387 Schwesternorden. Im deutschsprachigen Raum sind es vier Brüder- und 46 Schwesterngemeinschaften, die sich zum Regulierten Dritten Orden des heiligen Franziskus zählen.

Von der Bußbewegung zur klösterlichen Lebensform

Beim Ordenstag in Aachen im Juli 2017 trafen sich zahlreiche Brüder und Schwestern des Regulierten Dritten Ordens mit anderen Ordensgemeinschaften im Franziskanerkloster in Vossenack in der Eifel. Bild von Andreas Schmittler / Bistum Aachen.

In den religiösen Bußbewegungen des Mittelalters fanden sich Männer und Frauen, die sich in ihrer Lebensform an bereits bestehende Männerorden (Erste Orden) oder Frauenorden (Zweite Orden) anschlossen und deshalb Tertiaren (Dritter Orden) genannt wurden. Dritte Orden und auch Dritte Regulierte Orden sind deshalb keine Besonderheit des Franziskanerordens.

Die erste schriftliche Fassung einer Lebensform für die Brüder und Schwestern von der Buße, die in ihren eigenen Häusern lebten, war das sogenannte, noch recht allgemein gehaltene „Memoriale propositi“ von 1221. Die Inhalte des „Memoriale“ wurden – mit der Erweiterung, dass der Dritte Orden den Minderbrüdern angebunden wurde – in die Ordensregel von 1289 übernommen. Der erste Franziskanerpapst Nikolaus IV. gab so mit der Konstitution „Supra Montem“ den Tertiaren eine zweite Regel, die teils sehr genaue Vorschriften über die Aufnahme, das Leben und die zu verrichtenden Gebete enthielt. Mit dieser Regel war es möglich, in der Welt, aber auch in Gemeinschaft in der Welt, das heißt ohne strenge Klausur zu leben. In ganz Europa bildeten sich Gemeinschaften, die diese Regel als Lebensform wählten. Von einzelnen Gruppen wurden päpstliche Privilegien für eine Gelübdeablegung erbeten. Nach dem Vorbild der heiligen Elisabeth von Thüringen widmeten sich zahlreiche Gemeinschaften der Armen- und Krankenpflege. Die Mehrzahl der Männer-und Frauenklöster der Tertiaren in Mitteleuropa fand in den zur Reformation übergegangenen Regionen ein Ende.

Papst Leo X. erließ 1521 eine neue Regel für den Regulierten Dritten Orden, die einer stärkeren Verklösterlichung Rechnung trug und die Frauenklöster den Franziskanern unterstellte. Zu einem großen Einschnitt führten die Bestimmungen des Trienter Konzils (1545–1563), die für die Frauenorden die Klausur besonders hervorhoben. So mussten nicht wenige Tertiarinnenklöster feierliche Gelübde ablegen und eine strenge Klausur einrichten. Obwohl eine apostolische – zum Beispiel eine pflegerische oder soziale – Tätigkeit dadurch nur sehr eingeschränkt möglich war, entstanden neue Orden, wie beispielsweise die Elisabethinnen. Bemerkenswert sind die bis heute bestehenden Dillinger Franziskanerinnen, die im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Organisationsformen hatten. 1241 in Dillingen als „Große Sammlung“, das heißt als ein freier Zusammenschluss frommer Frauen in der Beginenbewegung gegründet, schlossen sie sich zwischen 1303 und 1307 dem Regulierten Dritten Orden an (Regel von 1289), über¬nahmen im 16. Jahrhundert strenge Klausurbestimmungen, um nach der Fastauflösung in der Säkularisation als Kongregation zu wirken.

Christliche Antworten auf die Nöte der Zeit

Mit wenigen Ausnahmen sind alle der heute als Franziskanerinnen bekannten Gemeinschaften im 19. Jahrhundert gegründet. Von Frankreich und Belgien her-kommend, war jetzt kirchenrechtlich die Gründung einer Kongregation möglich. Mit einfachen Gelübden und frei von strenger Klausur war ein Gemeinschaftsleben möglich, das Spielraum für eine sozial-caritative oder erzieherische Tätigkeit eröffnete. Damit begegneten die Gemeinschaften den Nöten ihrer Zeit, die vor allem durch die Industrialisierung hervorgerufen wurden. Die Namen der Kongregationen verweisen oft auf den Gründungsort und dann auf die der Gemeinschaft eigenen Frömmigkeitsformen. So heißen die Franziskanerinnen von Olpe mit ihrem ausführlichen Namen „Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung“ oder die Oberzeller Franziskanerinnen mit vollständigem Namen „Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu“. Viele Kongregationen wählten im 19. Jahrhundert die Drittordensregel des heiligen Franziskus, weil die Frauen, die sich zu Gemeinschaften zusammenschlossen, oder Priester, die die Gemeinschaften mitbegründeten, dem weltlichen Zweig des Dritten Ordens angehörten, der im 19. Jahrhundert sehr populär war. Charakteristisch für die Organisation der Kongregationen ist die Struktur mit einem Mutterhaus und mehreren Filialen


Vom Gürtelstrick zum Tau

Papst Pius XI. passte 1927 die Ordensregel den neuen kirchenrechtlichen Gegebenheiten an. Bis zur Ordensreform durch das Zweite Vatikanische Konzil war das äußere Erkennungszeichen der Schwestern und Brüder der weiße Gürtelstrick mit den drei Knoten, der mit dem Habit getragen wurde. Heute ist das Erkennungszeichen meist eine eigene Medaille oder ein Abzeichen mit einem Tau-Symbol. Neben der Regel von 1982, die ganz aus Worten des heiligen Franziskus und der heiligen Klara besteht, haben alle Gemeinschaften eigene Konstitutionen, die ihr besonderes Charisma hervorheben.

Die zahlenmäßig größte Vereinigung bei den Männern ist der Tertius Ordo Regularis Sancti Francisci (TOR), der 1447 durch Papst Nikolaus V. bestätigt wurde. Die weiteren heute bestehenden Franziskanerbrüder, die nach der regulierten Drittordensregel leben, sind fast alle im 19. und 20. Jahrhundert gegründet, wie zum Beispiel die Kongregation der Armen Brüder des heiligen Franziskus, die Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz, die Missionsbrüder vom heiligen Franziskus oder die Amigonianer beziehungsweise die Kongregation der Kapuzinertertiaren von der Schmerzhaften Jungfrau. Auf Weltebene sind viele der regulierten Franziskaner und Franziskanerinnen seit 1985 zusammengeschlossen in der „Internationalen Franziskanischen Konferenz der Institute und Klausurklöster der Brüder und Schwestern vom Regulierten Dritten Orden des heiligen Franziskus“. Sie bilden den stärksten Ast am Ordensbaum.

Erstveröffentlichung in Zeitschrift Franziskaner / Winter 2017


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