15.02.2017 Bruder Stefan Federbusch ofm

Franz von Assisi – Der Traum vom einfachen Leben

Eine neue Franziskusbiografie von Gunnar Decker

Franziskusbiografie von Gunnar Decker – Franz von Assisi – Der Traum vom einfachen Leben.

Schon wieder eine neue Franziskusbiografie! Wozu das, habe ich mich bei der Vorankündigung gefragt. Gibt es derer nicht schon genug? Der Autor selbst gibt Rechenschaft, wenn er schreibt: „Warum dann noch ein weiteres Buch? Weil das Symbol, das Franz von Assisi bis heute vorstellt, ebenso wie der Blick auf die Historie der Franziskaner sich nicht objektiv in einer ein für alle Mal gültigen Form verhandeln lassen. Das franziskanische Prinzip ist ein persönliches, das sich vehement gegen eine bloße Versachlichung des doch Lebendigen wehrt. Darum muss man immer neu das Bild des Heiligen, der auch den Ketzer in sich trug, zu zeichnen versuchen, nicht unter Absehung der eigenen Lebenserfahrungen, sondern diese ins Bild hineinnehmend“ (48). Denn: „Mit den Lebensaltern wechseln auch die Lesarten… Weiß man als junger Mensch einiges noch nicht, so als älterer einiges nicht mehr… Ist es nun eher ein Vorzug der Jugend oder des Alters, den Möglichkeits- gegen den Wirklichkeitsmenschen einzutauschen?“ (50).

Jede Zeit hat ihr Franziskusbild und jeder Autor seinen eigenen Zugang. Was also ist der Mehr-wert der Sicht von Gunnar Decker, der sich selbst als Nichtchristen bezeichnet? Bereits der Umfang von 432 Seiten verdeutlicht, dass es um mehr geht als eine bloße Aneinanderreihung bekannter biografischer Daten. Der Reiz liegt m.E. darin, dass Bekanntes noch einmal gegen den Strich gebürstet wird und die Primärquellen durch die Sekundärquellen einer kritischen Einordnung unterzogen werden. Das Werk zeugt von einer profunden Kenntnis beider Zugänge und der Kompetenz, sie als Religionsphilosoph einer kritischen Bewertung zu unterziehen.

Gut gefällt mir die Komplexität des Phänomens Franziskus, wie Decker sie herausarbeitet, auch wenn er von Vorneherein vorausschickt: „Das Geheimnis seiner Person bleibt, verbirgt sich in der überlieferten Legende“ (35). Für die Annäherung brauchst es sowohl eine Lese- wie eine Fernsichtbrille (plus ggf. Sonnenbrille). „Um Franz von Assisi möglichst deutlich in den Blick zu nehmen, müssen wir die Brillen immer wieder wechseln, ihn einerseits mit dem Vergrößerungsglas dicht an unsere Gegenwart heranholen, ihn andererseits in der Distanz des zeitgeschichtlichen Tableaus des 13. Jahrhunderts begreifen. Aus einer einzigen Perspektive betrachtet, bleibt seine Kontur unscharf“ (69).

Einige Blitzlichter aus der Komplexität der Person Franziskus: „Franz von Assisi war kein Fanatiker. Er zügelte den Rebellen in sich, weil er wusste, ungerechte Verhältnisse ändern sich nur, wenn sich die Menschen ändern, die diese Verhältnisse als ungerecht erkannt haben“ (13). Er ist der „begnadete Performer, wie man heute sagen würde…“ (30). Er hatte die Fähigkeit: „Noch im kleinsten und Schwächsten das Abbild Gottes zu sehen“ (32). „Er ist zugleich der Prophet des Untergangs einer alten Welt und Verkünder des Anbruchs einer neuen“ (40). „Franz ist ein überaus temperamentvoller Visionär. Er ist Asket, aber will nicht, dass man bei aller geforderten Buße mit der Selbstkasteiung übertreibt. Er liebt die Natur, die ihn umgibt, die Tiere und Pflanzen, aber seine eigene bleibt ihm problematisch. Er plädiert für den Frieden und sucht den Ausgleich, aber verachtet den bloßen Pragmatismus. Immer erscheint er zugleich als Heiliger und als Ketzer, der Gegensätze zumeist versöhnen kann, aber diese manchmal auch verschärft…“ (40). „Eines steht außer Zweifel: Er war der erste der Minoriten. Denn Franz von Assisi wächst darum so hoch über sich hinaus, weil er sich nicht größer macht, als er ist, sondern kleiner“ (53). „Er besitzt kein simpel-naives Gemüt, obgleich er das als absolutes Gottvertrauen durchaus für erstrebenswert hält. Sein Charakter ist kompliziert, gegensätzliche Empfindungen können ihn fast gleichzeitig beherrschen: Schroffheit folgt Herzlichkeit, Trauer folgt Heiterkeit. All diese in ihm widerstrebenden Gefühle in ein äußeres Gleichmaß zu bringen ist für sein überbordendes Temperament niemals leicht“ (269). Decker spricht von einer „radikalen Bildungsverweigerung“ (244).

Es ergibt sich ein Trialog zwischen Franziskus, dem Autor und mir als Leser. Langweilig wäre es, wenn dabei nur Bekanntes wiederholt würde oder ich lediglich meine Meinung bestätigt finde. Spannend ist es gerade dadurch, dass sich mir Neues einstreut und Bekanntes anders bewertet und eingeordnet wird. Manches mag zunächst „befremden“, weil es fremd ist und im guten Sinne fragwürdig. Als Beispiele seien hier genannt die Thesen eines „versuchten Freitods“ (275) von Franziskus auf dem Berg La Verna oder die Vergiftung durch Bruder Elias, die in dem Satz angedeutet wird: „Es gibt keine Beweise, aber unter kriminalistischen Gesichtspunkten wäre immer derjenige, der einen Tod derart präzise voraussagt, auch sofort ein Verdächtiger, diesen Tod verursacht zu haben. Zumal wenn er wie Bruder Elias davon profitiert“ (256).

Der Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart nach dem Prolog drei Teile. Teil I Vom Anfangen (27-138), Teil II Die Krise des gelebten Ideals (139-288), Teil III Der utopische Rest (289-388). Ein Epilog zu Papst Franziskus sowie ein Anhang mit Anmerkungen, Bibliografie, Zeittafel, Register und Bildnachweis runden das Ganze ab. Die Überlegungen gehen mit dem Prolog und den hundert Seiten des dritten Teils weit über eine rein biografische Darstellung hinaus.

Der rote Faden bildet die Frage des Untertitels, wie sich „Der Traum vom einfachen Leben“ im Laufe der franziskanischen Geschichte bewahrt hat und welche Folgen der Versuch der Umsetzung für Kirche und Orden hatte. Dies bezieht sich zunächst auf das Leben von Franz von Assisi selbst. Im allgemeinen franziskanischen Bewusstsein liegt der Focus auf den Begegnungen mit dem Aussätzigen und mit Christus am Kreuzbild von San Damiano. Diesen Ereignissen widmet Decker nur wenige Seiten (84-90). Dagegen klafft meist zwischen der Regelbestätigung 1209 und dem Besuch beim Sultan 1219 sowie den Ereignissen am Lebensende wie Weihnachten in Greccio 1223, Stigmatisation 1224 und Tod 1226 eine Lücke. Auch sind die Umstände der Heiligsprechung und des Baus der Franziskusbasilika sowie die weitere historische Entwicklung oft nur unzureichend bekannt. Beide Defizite lassen sich durch die Lektüre beheben.

Generell nimmt die Darstellung der Entwicklung von der Bewegung hin zum (kirchlich vereinnahmten) Orden breiten Raum ein. Die Spannung zwischen Charisma und Institution ist letztlich nicht aufhebbar. Dies gesteht auch der Autor ein, dass die Bewegung ohne feste Strukturen kaum eine Überlebenschance gehabt hätte. „Aber bis zu welchem Punkt bewahrt der Kompromiss das Ursprungsideal selbst noch in seiner reduzierten Form, ab wann verrät er es?“ (39) Umstritten ist die Frage, wie massiv die Kirche als Institution die charismatische franziskanische Idee vereinnahmt hat. „Die institutionalisierte Ordensgeschichte der Franziskaner ist der Versuch der Utopie-Austreibung. Das beginnt noch zu Franz‘ Lebzeiten. Brutal wurden Abweichler in den eigenen Reihen abgestraft. Die bedingungslose Unterwerfung unter die Sakramente der heiligen römischen Kirche, um die sich die Franziskaner anfänglich wenig scherten, war bereits ein Jahrzehnt nach Franz‘ erstem Bittgang zu Innozenz III. oberstes Gesetz. Tötet solcherart Realismus den ursprünglichen Liebesimpuls oder ist er im Gegenteil gerade die Voraussetzung für seine Dauer? … Was dem einen Teil der Brüder ein kluger Akt der Überlebenskunst, war dem anderen purer Verrat am Ursprungsgeist“ (63). Als einen, der die franziskanische Bruderschaft an die Kirche verkauft hat, macht der Autor Br. Elias aus. Er kommt als „Institutionsgewinnler“ (222) fast durchweg schlecht weg und wird als Totengräber der Intention des Franziskus dargestellt. Dramatisch ist die Auseinandersetzung in den Jahrzehnten und Jahrhunderten nach dem Tod des schnell heiliggesprochenen Franziskus zwischen Spiritualen und Konventua-len, später dann zwischen Observanten und Kapuzinern. Wie viele Brüder der Inquisition (oft durch eigene Mitbrüder) zum Opfer fielen, dürfte Geheimnis der Geschichte bleiben. Erschreckend und beschämend ist das Vorgehen auf jeden Fall. „Die Franziskaner, eine Kriminalgeschichte?“ (40). Das Fragezeichen darf wohl getrost durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden. „Da wird die Ordensgeschichte zum Kriminalfall…“ (63).

Dass der Autor kein Ordensfachmann ist, merkt man an wenigen fehlerhaften Angaben eines ansonsten gut recherchierten Werkes, etwa den Sitz des Generalministers in die Schweiz zu verlegen (408). Auch gibt er die Zahl der Brüder der drei Zweige des Ersten Ordens mit weltweit „vierzehntausend“ an (38). Allein die Franziskaner OFM haben aber ca. 13.500 Brüder. Auch scheint es unausrottbar, dass auf dem rückseitigen Umschlag wieder einmal von „Mönch“ die Rede ist und das auf einem Buch, das gerade den „Bruder“ herausstellt und das Neue, das seine Lebensform bedeutet.

Die Diskussion um die Vereinnahmung des Ordens durch die Amtskirche wird Dauerthema bleiben. Eine Bewertung der Einschätzung Gunnar Deckers will ich getrost den Experten überlassen. Ein Ordenshistoriker wird vermutlich einen anderen Ansatzpunkt einer Rezension wählen wie ich ihn hier wähle. Für den franziskanisch inspirierten Menschen lautet die Frage: Was bleibt für heute? Franziskus hat die Utopie eines unentfremdeten Lebens und herrschaftsfreien brüderlichen Miteinanders verteidigt (vgl. 355). „Ist die Utopie vom franziskanischen Leben dem Prinzip Egoismus damit für immer unterlegen und Franz von Assisi und sein Erbe nicht mehr als eine ferne Erinnerung, die mit unserer Gegenwart nichts mehr zu tun hat? Oder ist der franziskanische Mensch vielleicht längst ein über die Grenzen des Kapitalismus hinausgehendes Symbol für einen künftigen Menschen geworden, einen Menschen, der den Anspruch nichtentfremdeten Lebens inmitten eines krisenhaften selbstzerstörerischen Endzeitkapitalismus in sich trägt? Eine nicht nur religiöse, mehr noch: eine kulturelle Zukunftsvision?“ (38/39). Was braucht es also? „Gefordert ist eine „neue Synthese“, die sich des ursprünglichen Ideals erinnert, ohne die geschichtlichen Erfahrungen bei den Versuchen, es zu verwirklichen, dabei zu verdrängen. Das Ideal, das unvermittelt auf eine praktische Lebenswirklichkeit trifft, wird schnell terroristisch. Dennoch ist es ein notwendiger Stachel gerade in einer herrschenden Konsenskultur, die jeden echten Widerspruch sofort mittels einer Kommunikationsflut zum Verstummen bringt“ (405/406).

Wozu schon wieder eine neue Franziskusbiografie? Als Erstlektüre zur Gestalt des Franz von Assisi stellt sie m.E. eine Überforderung dar. Wer sich aber bereits näher mit dem kleinen Bruder und den Auswirkungen seines Ideals und seiner Lebensform befasst hat, findet reiche Denkanstöße. „Mit den Lebensaltern wechseln auch die Lesarten.“ In der Tat! So ist es spannend, mit und in der eigenen Lebenssituation, mit und trotz allem Vorwissen den letztlich uner-schöpflichen Franz von Assisi auf´s Neue zu betrachten, seinen Idealen nachzuspüren und dem, was daraus geworden ist. Um nichts haben die Franziskaner so sehr gestritten wie um die Armut. Diese „Noviziatsweisheit“ mag [gerade im Jahr des 500-jährigen Trennungsgedenkens von Konventualen und Observanten 1517] dennoch dazu ermutigen, unseren Lebensstil heute kritisch zu hinterfragen und dem utopischen Überschuss nachzuspüren, den Franziskus in der radikalen Christusnachfolge der Kirche in Form von Armut und Demut / Mindersein eingeimpft hat.

„Der Traum vom einfachen Leben“ ist in diesen Zeiten des Turbokapitalismus so aktuell wie zur Zeit der beginnenden Geldwirtschaft des 13. Jahrhunderts. Franz von Assisi lebte zu einer Zeit, als es in Italien rund 150 kirchliche Feiertage im Jahr gab. Das Leben stand im Dienste Gottes. Mit der aufkommenden Geldwirtschaft steht es zunehmend im Dienste der Arbeit. Franziskus schafft es, die neue „vita activa“ mit der „vita contemplativa“ zu verbinden. Seine spirituelle Lebensweise „offenbart den Grundzug seiner Religiosität, die zum Zeugnis eines veränderten kulturellen Weltverständnisses des Einzelnen wird“ (37). Angesichts der vielfältigen ökologischen und sozialen Krisen lohnt es sich auf jeden Fall, intensiver über das „Symbol für einen künftigen Menschen“ nachzudenken, „der den Anspruch nichtentfremdeten Lebens inmitten eines krisenhaften selbstzerstörerischen Endzeitkapitalismus in sich trägt“. Das könnte der bleibende „franziskanische“ Auftrag für diese Welt und Zeit sein.

Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: Siedler Verlag (26. September 2016)
  • ISBN-10: 3827500613
  • ISBN-13: 978-3827500618
  • Preis: 26,99 Euro

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