Eine Buchempfehlung der Brüder Johannes-Baptist Freyer und Peter Fobes

Gelobte Armut

Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie

Gelobte Armut
Gelobte Armut

Am 13. März 2013 wurde Jorge Mario Kardinal Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, zum Nachfolger Papst Benedikts XVI. gewählt, der als zweiter Papst seit Cölestin V. (1294) sein Amt niedergelegt hatte. Nicht nur die Tatsache, dass zum ersten Mal in der nunmehr 2000-jährigen Geschichte des Christentums ein Lateinamerikaner Oberhaupt der Katholischen Kirche ist, erregte weltweit größtes Aufsehen, sondern auch der Name, den sich der neue Papst gegeben hat: Franziskus. Der Symbolgehalt ist zugleich Programm des neuen Pontifikats, denn mit dem klaren Bezug zu Franz von Assisi (1182-1226) setzte der neue Pontifex Maximus ein deutliches Bekenntnis zum Inhalt seines Amtes: das Eintreten für die Armen und damit die Errichtung einer „armen Kirche für die Armen“, wie er in seinem ersten Angelus am Passions-Sonntag, den 17. März 2013, öffentlich verkündete.

Mit dem Namen Franziskus ist ein neues spirituelles Programm verbunden, das es in der Kirchen- und Papstgeschichte immer wieder gegeben hat. Neben den großen Bettelorden der Minoriten, Dominikaner, Augustiner-Eremiten, Karmeliten sowie den Beginengemeinschaften waren bereits seit dem 11. Jahrhundert zahlreiche kirchliche Reformbewegungen hervorgetreten, die Protest an der wachsenden Macht und am Wohlstand der Kirche übten. Die Armutsbewegung war jedoch kein neuer Gedanke, sondern von Anfang an in der Botschaft Jesu Christi begründet, sich der Armen, Waisen und Witwen anzunehmen.

Es ist daher schon eine treffliche Koinzidenz, dass gerade in diesen bewegten Tagen der 2012 erschienene Band hier anzuzeigen ist. Er ist das herausragende und voluminöse Produkt der Konferenz „Gelobte Armut. Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie zwischen Ideal und Wirklichkeit vom Mittelalter bis in die Gegenwart“, die auf Initiative der Professur für Geschichte des Mittelalters der Universität Potsdam und in Kooperation mit der Fachstelle Franziskanische Forschung in Münster sowie dem Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn vom 17.-19. Februar 2011 in Paderborn stattgefunden hat. Die Herausgeber machten es sich zum Anliegen, „eine Kulturgeschichte über den ‚Reichtum‘ der Armut [zu] schreiben“ (S. XI), was ihnen in vorzüglicher Weise gelungen ist, zumal bisherige Untersuchungen des Franziskanertums „sich bislang durch die Erhebung ordens-, konvents- und provinzgeschichtlicher Überlieferung sowie in Fortführung der ‚Franziskanischen Frage‘ durch kritische Bereitstellung und Analyse vor allem seiner Quellen aus den mittelalterlichen Jahrhunderten“ auszeichneten (S. XII). Auf eine detaillierte Inhaltsangabe dieses notwendigerweise interdisziplinär angelegten und souverän gemeisterten, in sechs Sektionen gegliederten, mit sehr hilfreichen Abbildungen sowie Personen- und Ortsregister versehenen Kompendiums muss hier verzichtet, dafür ein kurzer Überblick über die einzelnen Kapitel gegeben werden: Die Beiträge fragen nach der Bedeutung des Prinzips des „einfachen Lebens“ und „wieweit die Gemeinschaften vom ‚Reichtum‘ ihres Armseins herausgefordert waren“ (S. XV). Sie können „durchaus mit Bezug auf den weiten Horizont aktueller sozial- und kulturgeschichtlicher Diskurse der Wahrnehmung der Armut und der Armen, der Armenfürsorge, der Mildtätigkeit und auch der innergesellschaftlichen Solidarität gelesen werden und zugleich durch die Zeiten als Spuren einer Wirkungsgeschichte ‚gelobter Armut‘ im franziskanischen Verständnis.“ (S. XV) In einer ersten Sektion (2 Beiträge) geht es um (unfreiwillige und freiwillige) Armut in der mittelalterlichen Gesellschaft im Allgemeinen, wohingegen die zweite Sektion (5 Beiträge) speziell die franziskanische Armutsfrage von den Anfängen bei Franziskus und Klara von Assisi bis hin zur volkssprachlichen Dichtung bei David von Augsburg, Berthold von Regensburg und Marquard von Lindau in den Blick nimmt. Die dritte Sektion (4 Beiträge) behandelt den franziskanischen Orden im Spannungsfeld von Bildung und Armutsideal, Sektion IV in insgesamt 5 Beiträgen den Armutsstreit in Theorie und Praxis. Die Armut im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit wird in der fünften Sektion (7 Beiträge) untersucht. Den Abschluss bildet die Betrachtung der franziskanischen Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert in Sektion VI (4 Beiträge).

Das vorzügliche Sammelwerk wird sich als das Standardwerk zum Thema erweisen; es ist Pflichtlektüre für jeden, der sich mit den Armutskonzepten der franziskanischen Ordensfamilie beschäftigen will.
(Auszug: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte – Rezensiert von Daniela Baumgartner)

Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
  • Verlag: Schöningh; Auflage: 1.
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3506772597
  • ISBN-13: 978-3506772596
  • Preis: 70.00 €

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