05.02.2018 Stefan Federbusch ofm

Genderperspektiven

Neue Blicke auf Klara von Assisi – Buchreihe Franziskanische Akzente Band 17

Genderperspektiven – Neue Blicke auf Klara von Assisi. Buchreihe Franziskanische Akzente Band 17. Hrgb. Mirjam Schambeck und Helmut Schlegel.

 

Klara von Assisi und Gender – wie passt das zusammen? Eine Heilige des 13. Jahrhunderts mit einem Begriff des 20. Jahrhunderts? Der Titel weckt auf jeden Fall Neugier. „Der vorliegende Band der Franziskanischen Akzente macht den Versuch, im Anschluss an eine Klärung und Differenzierung der Kategorie Gender, Klara mit ihrem Wirken unter Genderperspektive darzustellen. Damit lädt er ein zu einem ungewohnten Blickwinkel, der die Gestalt der Klara mit dem, was sie verwirklicht hat, neu erschließt“ (9). Um es gleich vorwegzunehmen: ich halte diesen Versuch für vollauf gelungen.

Dies liegt vor allem daran, dass es der Autorin Sabine Pemsel-Maier, Professorin für katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, gelingt, in verständlicher, klarer und nüchterner Weise darzulegen, worum es bei der Genderthematik geht. Im Kapitel 1 (11-25) stellt sie in einem Problemaufriss das ambivalente Verhältnis innerhalb der Kirche dar: einerseits der kirchliche Vorwurf der Genderideologie, andererseits die selbstverständliche Etablierung von Gendertheorien in Kirche und Theologie. Sie fragt danach, ob Gender notwendigerweise Ideologie ist und ob nicht die harsche Kritik an der Gendertheorie selbst Ausdruck von Ideologie sei. Von Gegnern der „Gender-Ideologie“ werde suggeriert, dass gender vor allem die beliebige Wahl der Geschlechtsidentität bedeute, die womöglich im Laufe des Lebens mehrfach gewechselt werden kann. Diese Kritik speise sich jedoch aus Fehlinformationen, Zerrbildern und Unterstellungen. Dadurch ist Gender mittlerweile zum kirchlichen Kampfbegriff geworden.

Zunächst werden die Gründe und Argumente der gegenwärtigen Genderkritik angeführt, um dann Gender als Analyseinstrument aufzuzeigen. Im Wesentlichen geht es um die Unterscheidung von biologischem (sex) und sozialem (gender) Geschlecht. „Ist sex als biologisches Geschlecht mit der Geburt gegeben, wird gender durch Sozialisationsprozesse, Rollenzuschreibungen und kulturelle Normen erworben“ (16). Gender verweist darauf, dass Geschlecht keine seinshafte (ontologische) Größe ist, sondern eine kulturelle und soziale Konstruktion. Gender bricht stereotype Rollenmuster auf, da die Genderperspektive Festlegungen auf geschlechtsspezifische typische Merkmale vermeidet. WegbereiterInnen waren die französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir („Das andere Geschlecht“ 1949) und der amerikani-sche Psychoanalytiker Robert Stoller (1968). Breiter diskutiert wurde der Begriff gender erstmals im Kontext der Weltfrauenkonferenz 1985 in Peking.

Zur Fundierung erläutert die Autorin die Begriffe Gendertheorien (Vielzahl von Ansätzen, die die Geschlechterverhältnisse in den Blick nehmen), Genderforschung (die sich der Kategorie Gender als Analyseinstrument bedient), Doing gender (Prozesse, in denen gender konstruiert, produziert, realisiert und in diesem Sinne „getan“ wird) sowie Gender Mainstreaming (als Umsetzung in Politik und Gesellschaft mit dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit).

Unter der Fragestellung „Freie Wahl der Geschlechtsidentität?“ verweist die Autorin darauf, dass die kirchliche Kritik sich einseitig auf die Thesen der amerikanischen Philosophin und Philologin Judith Butler beziehe, die in einem radikalen Konstruktivismus auch das biologische Geschlecht als eine Konstruktion darstelle. Butlers Position wurde zu recht u.a. wegen ihrer Leib- und Subjektvergessenheit kritisiert. Fakt ist jedoch auch, dass es das Phänomen von Transgender gibt: „jedes zweitausendste Kind in Deutschland hat kein eindeutiges Geschlecht“ (25). Kritiker funktionalisierten die Analysekategorie gender und instrumentalisierten sie als Kampfbegriff „zur Wahrung des katholischen Propriums gegen Veränderungen in der Sexualmoral und der Sicht von Familie, gegen die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, in manchen europäischen Ländern auch gegen die Gleichberechtigung der Frauen und die Einführung eines schulischen Sexualkundeunterrichts“ (32).

In einem zweiten Kapitel (27-34) werden die Entwicklungen der Genderforschung in Theologie und Kirche vorgestellt. Als Vorgängerin kann die Feministische Theologie gelten, die die Perspektive von Frauen in die kirchliche Forschung und Lehre eingetragen hat. Kritisiert wurde u.a. die naturrechtlich-biologistische Untermauerung anthropologischer Argumente, die Frauen auf ihre „natürlichen“ Aufgaben, Rollen und Wesenseigenschaften festlegt. Die theologische Ge-schlechterforschung untersucht, „inwieweit der christliche Glaube, die Bibel als seine Grundlage, die Theologie als Glaubensreflexion und kirchliches Handeln an der Herstellung und Verfestigung von Geschlecht und an der Reproduktion des Geschlechterdualismus beteiligt waren und nach wie vor sind“ (33).

Auf diesem Hintergrund geht es im Folgenden darum, Klaras Lebens- und Wirkungsgeschichte gendersensibel dazustellen und ihre Schriften unter der Perspektive von gender zu lesen. Das dritte Kapitel (35-45) steckt dazu den Rahmen ab, indem es die Quellenlage beleuchtet, historische Fakten mit gendersensiblen Deutungen in Frage stellt (beispielsweise die Frage, warum sich Klara zunächst gescheut hat, sich als Leiterin der Gemeinschaft wählen zu lassen – geschlechterstereotype Antwort: aus weiblicher Scheu vor Leitungsverantwortung; aus histori-scher Perspektive möglicherweise, um eine Gleichstellung mit bestehenden Orden zu verhin-dern) und die Stationen der Klaraforschung aufzeigt. Während Klara lange Zeit ausschließlich in Abhängigkeit von Franziskus gesehen wurde, ist seit der bahnbrechenden Dissertation von Martina Kreidler-Kos „Schattenfrau und Lichtgestalt“ aus dem Jahr 2000 die Eigenständigkeit Klaras herausgearbeitet und gewürdigt worden. Aus der Perspektive einer gendersensiblen und gen-dergerechten Kirchen- und Ordensgeschichtsschreibung bedeutet dies bezogen auf Klara: „Das Wirken und die Schriften Klaras sind demnach nicht nur der Zusatz zur franziskanischen Tradition, die im Wesentlichen von Franziskus geprägt wurde, sondern sie haben diese Tradition we-sentlich mitbestimmt“ (45).

Auf dieser Basis kann sich das vierte Kapitel (47-87) nun den Perspektiven auf Klara widmen: Leben, Wirken und Schreiben im Spannungsfeld von Sex und Gender. Die biografischen Fakten sind dabei nicht neu, werden aber stringent mit den Scheinwerfern von sex und gender be-leuchtet. Klara hat in Abgrenzung zu vorgegebenen Geschlechterrollen ihrer adligen Herkunft nach einer Lebens- und Glaubensform gesucht, bei der für sie sex und gender übereinstimmt. In ihrem doing gender grenzte sie sich „sowohl von der sozial vorgegebenen und von den Eltern erwünschten Geschlechtsrolle der Ehefrau und Mutter als auch von der in der damaligen Zeit „konstruierten“ Geschlechtsrolle der Nonne mit bürgerlichem Lebensstil ab und setzte einen anderen, nämlich individuellen Entwurf dagegen“ (49). Der Lebensentwurf, der Klara faszinierte, war zunächst in jeder Hinsicht männlich. Wie Franziskus als besitzlose Predigerin durch die Welt zu ziehen, war ihr jedoch aus verschiedenen Gründen verwehrt (Körperkonstitution, Ketzerverdacht). Sie begegnet damit von Anfang an dem Phänomen, dass kirchliche oder klerikale Vorgaben Frauen „auf der Suche nach für sie stimmigen Formen eines geistlichen und an der Verkündigung des Evangeliums ausgerichteten Lebens Grenzen setzen“ (51).

Auf die familiäre Auseinandersetzung und die allmähliche Bildung der Gemeinschaft (Gender individuell und sozial) folgte die Auseinandersetzung mit den kirchlichen Instanzen (Gender kirchenpolitisch). Die Autorin schildert den spannungsgeladenen Weg zwischen römischen Vorgaben und weiblichem Widerstand. Immer wieder musste Klara ausloten, welche Schritte die richtigen waren, um die Eigenständigkeit ihrer Lebensform zu bewahren. Dazu zählten u.a. die Übernahme der Leitung der Gemeinschaft 1215/16 als Reaktion auf die Beschlüsse des Vierten Laterankonzils, die von Papst Gregor IX. eingeforderte Bestätigung des Armutsprivilegs 1228 anlässlich der Heiligsprechung von Franziskus, die Vernetzung mit anderen Frauenklöstern durch Briefe (etwa an Agnes von Prag) oder entsandte Schwestern sowie ein angedrohter Hungerstreik auf das vom Papst erlassene Verbot, dass Männer Frauenklöster betreten und damit die (seelsorgliche) Versorgung von San Damiano durch die Brüder nicht mehr gesichert war. Klaras Kampf endete erst auf dem Sterbebett, als Papst Innozenz IV. Klara die von ihr selbst geschriebene Ordensregel genehmigte. Die erste von einer Frau geschriebene Ordensregel! „Klara hatte nicht die eine Strategie, mit der sie auf die Auseinandersetzungen antwortete, sondern sie reagierte je nach Situation abwägend auf unterschiedliche Weise: mit ausdrückli-chem Widerstand, mit diplomatischer Nachgiebigkeit, mit List, als letztes Mittel mit dem kör-perlichen Einsatz ihres Lebens“ (65).

Im Blick auf die Biografie Klaras lässt sich ablesen, worum es in der kirchenpolitischen Frage der Geschlechtergerechtigkeit immer geht: „um patriarchale Dominanz und erwartete weibliche Unterordnung, um gewünschtes Verhalten und reale Widerständigkeit, um Kontrolle und Freiheit, um Abhängigkeit und Eigenständigkeit“ (65).

Zwei weitere Dimensionen bringt Sabine Pemsel-Maier noch ein: Gender relational und Gender spirituell. Gender relational greift die Beziehung von Klara und Franziskus auf, die im Laufe der Zeiten und von diversen Autoren höchst unterschiedlich gedeutet wurde. Im Sinne des klassi-schen Geschlechterdualismus als Über-/Unterordnung, als platonische Liebe, als romantische Liebesbeziehung, als einseitige Liebe Klaras, die von Franziskus verschmäht wurde (vgl. 43/44). Pemsel-Maier verweist auf die „liebevolle Sorge und besondere Aufmerksamkeit“, die Franziskus Klara versprochen hat und seine praktische Unterstützung. „Dabei machte er der Gemein-schaft weder konkrete Vorschriften noch setzte er Normen fest, sondern achtete ihre Eigenständigkeit… Später unterstützte er Klara in ihrem Widerstand gegen die Integration in den von der Kurie geplanten Frauenorden“ (68). Klara war somit weder von Franziskus abhängig noch ordnete sie sich ihm unter. Sie suchte bei ihm Rat, wie auch Franziskus bei ihr um Rat bat, als er sich über seinen weiteren Weg (Apostolat oder Einsiedelei) unsicher war. Inwieweit es sich um ein freundschaftliches Verhältnis handelte, muss offen bleiben.

In puncto Gender spirituell betont die Autorin noch einmal, dass es auch in Bezug auf die Spiritualität nicht um eine verallgemeinerbare geschlechterstereotype Frauen- oder Männerspiritualität gehe. Die Spiritualität von Franziskus beispielsweise weist stark weibliche Züge auf (mütterliche Sorge der Brüder füreinander, weibliche Gottesmetaphern, die Lebensordnung der Einsiedelei in Anlehnung an Maria und Martha usw.). Eine genuin weibliche Metaphorik findet sich bei Klara in ihrer Deutung der Beziehung zu Christus als Verhältnis von Braut und Bräutigam. Weitere weibliche Sprachbilder sind die Mutter-Tochter- sowie die Spiegelmetapher. „Ähnlich wie im Bild von Braut und Bräutigam greift Klara hier weiblich-biologische Gegebenheiten und Gebrauchsgegenstände aus der adeligen weiblichen Lebenswelt auf und deutet sie im geistlichen Sinne um“ (73).

In den abschließenden Schlussbemerkungen geht es um „Anstöße für heute – nicht nur für Frauen“. Klara bringt ihr weibliches Selbstbewusstsein u.a. dadurch zum Ausdruck, dass sie in ihren Briefen konsequent die weibliche Sprachform verwendet (Herrinnen, Pilgerinnen, Erbinnen, Königinnen, Helferin). Sie grenzt sich von den geschlechtertypischen Vorgaben und Erwar-tungen ihrer Zeit ab und bricht mit den Geschlechterkonventionen ihrer Zeit. Dies betrifft auch die gängigen Vorstellungen ihrer Zeit von Weiblichkeit. „Sie zeigte Eigenschaften, die die Tradi-tion, die im antiken Geschlechterdualismus gefangen war, als „typisch männlich“ charakterisiert hätte: Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen, Tatkraft und Energie, Innovationsbereitschaft, Mut und Unerschrockenheit, als sie den Sarazenen, die in ihr Kloster eindringen wollten, mit der Monstranz entgegentrat… Die geschlechterspezifische Rollendistanz, die sich bereits in jungen Jahren bei Klara abzeichnete, setzte sich später fort: Sie wies kirchliche Vorschriften über ihre Lebensform zurück und machte ihre eigene Regel geltend… Sie hatte keine Angst vor Autoritäten und scheute nicht den Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit und auch nicht mit dem Papst“ (77).

Klara ist somit das Beispiel eines freien Menschen. Die Autorin lässt ihre Überlegungen daher in ein Zitat von Martina Kreidler-Kos münden: Klara wählte „nicht nur eigenständig eine Lebensform und einen Lebensort, sondern es gelang ihr auch, sich von den Erwartungen zu lösen, die ihre Familie, ihre Gesellschaft und auch die Kirche an sie herangetragen hatten. Dies ist eine Form von Freiheit, die sich gerade Frauen selten nehmen“ (78).

Die Genderperspektive bestätigt somit eindrücklich, was die Klaraforschung der letzten Jahre erbracht hat: Klara war nicht die Schattenfrau in Abhängigkeit von Franziskus, sondern Lichtgestalt einer eigenständigen Persönlichkeit, die ihren Lebensentwurf mit entsprechendem Selbst-bewusstsein, realistischer Einschätzung, großer Beharrlichkeit, diplomatischem Geschick und unerschütterlichem Gottvertrauen zu gestalten wusste.

Klara von Assisi und Gender – wie passt das zusammen? Wie Sabine Pemsel-Maier beweist, sehr gut, denn das Analyseinstrument Gender würdigt die neben Franziskus zweite Gründerge-stalt der franziskanischen Familie und räumt Klara von Assisi den Platz ein, der ihr gebührt.


Die Autorin Sabine Pemsel-Maier arbeitet als Professorin für katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Sie befasst sich besonders mit der theologischen Genderforschung.

Produktinformation

  • Autor: Sabine Pemsel-Maier
  • Gebundene Ausgabe: 88 Seiten
  • Verlag: Echter; Auflage: 1 (29. Januar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342904457X
  • ISBN-13: 978-3429044572
  • Preis: 9.00,- Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.