Bruder Cornelius Bohl

gerechtfertigt…

Das Heil kommt nicht durch die Werke des Gesetzes

Darstellung des "Jüngsten Gerichtes" über dem Portal des Domes San Rufino in Assisi.
Darstellung des „Jüngsten Gerichtes“ über dem Portal des Domes San Rufino in Assisi.

Zur Vorbereitung auf die Taufe wollte ich einem kleinen Jungen die Symbolik des Taufwassers erklären: „So wie eine Blume Wasser braucht, so brauchen wir Gott. „Die Antwort kam spontan: „Ich brauche Gott nicht. Ich brauche meinen Papa!“

Brauchen wir Gott? Wozu? Um Sinn zu erfahren? Um Werte zu begründen? Um gegen Absurdität und grausames Leid hoffen zu dürfen, dass es doch Gerechtigkeit gibt und mit dem Tod nicht alles aus ist? Man kann diese Fragen mit Gott beantworten, muss es aber nicht. Viele Menschen brauchen Gott nicht.

Wo sich Gott vor dem Menschen rechtfertigen muss („Wozu kann ich dich brauchen?“), ist die jahrhundertelang heiß diskutierte Frage der Rechtfertigung des Menschen vor Gott unverständlich und bedeutungslos. Diese geht von anderen Voraussetzungen aus: Weil der Mensch von Gott kommt und zu ihm geht, wird sein Leben nur in Beziehung zu diesem Gott richtig. Das aber geschieht nicht von selbst. Denn der Mensch verschließt sich vor Gott, lebt ohne ihn. Das meint „Sünde“. Dadurch läuft vieles schief. Der Mensch, der nur um sich kreist, lebt an sich vorbei. Individueller Egoismus zerstört Beziehungen. Kollektiver Egoismus zerstört die Erde. Die Sünde führt zum Tod.

Wie kommt der Mensch da raus? Wie wird sein Leben wieder richtig? Wie wird der Sünder vor Gott gerecht, und das heißt: Wie erfährt der Mensch „Erlösung“ und „Heil“? Das Neue Testament ist eindeutig: Das schafft er nicht aus eigener Kraft. Das macht Gott, indem er in Christus auf uns zukommt und uns befreit. Es ist ein Geschenk, das ich nicht einfordern kann.

Völlig unverdient. Eben „Gnade“, gratia, gratis. Das hört sich gut an. Und doch weckt es Widerspruch: Nimmt mir das nicht meine Autonomie, meine Freiheit? Und gerade der fromme Mensch wird fragen: Muss ich nicht doch etwas tun? Mich anstrengen, umkehren, lieben?

An neuralgischen Punkten der Kirchengeschichte taucht diese Frage verstärkt auf. Als der Jude Paulus das Evangelium zu den Nichtjuden bringt, wird ihm klar: Das Heil kommt nicht durch die Werke des Gesetzes, sondern allein durch die Beziehung zu Christus, durch den Glauben. Gut drei Jahrhunderte später löst Pelagius heftige Diskussionen aus, weil er behauptet, der Mensch könne mit seinem eigenen Willen das Gute tun und somit letztlich selbst sein Heil bewirken. Und gegen die leistungsorientierte Frömmigkeit des Spätmittelalters („Werkerei“) und die käufliche Zuwendung Gottes im Ablasshandel betont Luther neu das „sola fide“ – der Mensch wird allein durch den Glauben gerecht

Ist es dann egal, was ich tue, wie ich lebe? Wirklicher Glaube ist mehr als eine intellektuelle Zustimmung zu einer Wahrheit. Glaube ist lebendige Beziehung zu Christus. Diese Beziehung macht etwas mit mir, verändert mich. Weil ich beschenkt bin, wird mein Leben anders. Die lutherisch-katholische „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (1999) stellt fest, dass die unterschiedlichen Akzentuierungen in der Rechtfertigungslehre nicht mehr kirchentrennend sind.


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