13.07.2020 Bruder Stefan Federbusch OFM

Gibt es eine christliche Wirtschaftsweise?

Wirtschaftliches Handeln im Sinne der Menschenwürde

Der Geldwechsler und seine Frau.
Gemälde von Quentin Massys. Bild von wikimedia.org.

Na, geht doch! Corona macht´s möglich. Plötzlich bekommen die sozialen und medizinischen Berufe die Aufmerksamkeit und (vielleicht auch finanzielle) Anerkennung, die sie verdienen. Plötzlich wird die Erkenntnis geäußert, dass es doch nicht so klug ist, die Medikamentenproduktion komplett in Billiglohnländer wie China und Indien zu verlagern. Plötzlich wird mit größerem Nachdruck verfolgt, was seit Langem bekannt war: die Missstände in deutschen Schlachtbetrieben zu beheben, indem Leiharbeit verboten wird und die Arbeiter aus Osteuropa menschenwürdig untergebracht werden. Klar, auch all diese Maßnahmen sind keineswegs selbstlos, sondern dienen unserem eigenen Interesse, weil die Berufe „systemrelevant“ sind, die Medikamente dringend benötigt werden und die Fleischindustrie ein wesentlicher Faktor der deutschen Landwirtschaft ist. Nichtsdestotrotz wird deutlich, dass die bestehenden Verhältnisse nicht vom Himmel gefallen und unabänderlich sind, sondern es sich um wirtschaftspolitische Entscheidungen handelt, zu denen es durchaus Alternativen gibt.

Hinter jedem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen System stehen letztlich Werte. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist mir sympathisch, da sie auf Werten beruht, die ich teile. Sie basiert auf den Verfassungswerten Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Transparenz und Demokratie. Sie setzt auf Kooperation statt auf Konkurrenz und damit einen bewussten Kontrapunkt zu den kapitalistischen Werten von Gier und Egoismus. In unserem aktuellen Wirtschaftssystem wird sozusagen das Falsche belohnt: Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit. Die Grundfrage ist allzu berechtigt, warum wir ausgerechnet in der Wirtschaft andere Werte verfolgen als die, die wir sonst für wichtig und richtig halten. Ein solidarisches Modell beinhaltet, dass alle Menschen tatsächlich die gleichen Rechte, Freiheiten und Chancen erhalten. Es wertet die Sorgearbeit auf, die bislang völlig unterbezahlt wird. Die Gemeinwohl-Ökonomie möchte die menschlichen Tugenden und Beziehungswerte wie Ehrlichkeit, Respekt, Vertrauen, Zusammenarbeit und Teilen belohnen.

Christliche Soziallehre als Handlungsorientierung

Die hier genannten Werte finde ich in der christlichen Soziallehre als Suche nach dem guten Leben wieder. Es sind vor allem Personalität, Solidarität und Subsidiarität als die klassischen Säulen, aber auch Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und die Option für die Armen werden hier entfaltet. Als Faustregeln der Verantwortung sollen diese Prinzipien Orientierung für mein eigenes Handeln bieten; und dies immer mit Blick auf das Gemeinwohl. Es verwundert daher nicht, dass Christen es stets als ihren Auftrag gesehen haben, diakonisch-caritativ tätig zu sein. Der Dienst an den Tischen wurde neben der Verkündigung als gleichwertiger Auftrag angesehen. Der solidarische Ausgleich der (Einkommens-) Unterschiede bildete ein Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde: „Sie hatten alles gemeinsam.“ Ob dies durchgängig praktiziert wurde oder mehr eine idealtypische Schilderung ist, lässt sich schwer beurteilen. Aus den Briefen des Paulus geht klar hervor, dass es in der Gemeinde in Korinth zu Spannungen kam, weil die Reichen bei den Zusammenkünften bereits alles weggefuttert hatten, bis die Armen kamen, die noch ihren Sklavendienst zu verrichten hatten. Ein eigenes Wirtschaftskonzept haben die frühen Christen deshalb nicht entwickelt, da sie in der Naherwartung der Wiederkehr Christi lebten und sich zum anderen als Minderheit in einer Situation der Verfolgung und Unterdrückung befanden. Von daher gibt es nicht das christliche Wirtschaftssystem.

Die katholische Soziallehre hat stets „nur“ Prinzipien für eine gemeinwohlorientierte Wirtschaftsordnung genannt, ohne ein ganz konkretes Modell vorzugeben. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si’“ festgehalten, dass es für eine ökologisch-nachhaltige Wirtschaftsweise eines neuen Systems bedarf – jenseits von Kapitalismus und Kommunismus. Der real existierende Sozialismus ist in seiner konkreten Praxis gescheitert. Der Kapitalismus führt uns durch den übermäßigen Ressourcenverbrauch an Überlastungsgrenzen und Kipppunkte, die das Leben und Überleben nicht nur der Menschheit auf das Massivste gefährden. Durch die zunehmende Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich verschärfen sich soziale Spannungen. „Diese Wirtschaft tötet“, so Papst Franziskus.

Ein „Systemumbau“ ist nötig

Hier setzt meine persönliche Frage an. Im Unterschied zur kapitalistischen und auf Wettbewerb basierenden Marktwirtschaft versteht sich die Gemeinwohl-Ökonomie als ethische und kooperative Marktwirtschaft im Sinne der Weiterentwicklung der Idee der Sozialen und auch Ökosozialen Marktwirtschaft. Sie verbleibt damit letztlich im bisherigen System. Ihr Ansatz besteht darin, das „kapitalistische“ Denken zu überwinden. Da uns dieses Denken und Handeln aber derart in Fleisch und Blut übergegangen ist – auch uns Christen (!) –, dass uns eine Alternative kaum vorstellbar erscheint, habe ich Zweifel, ob eine Veränderung innerhalb des Systems möglich ist.

Die Corona-Krise könnte hier eine Chance bieten: Einerseits lösen ihre wirtschaftlichen Folgen für viele nicht zu Unrecht große Existenzängste aus, und es gibt den Wunsch, möglichst rasch zu wirtschaftlichem Wachstum zurückzukehren; andererseits sollte die Wirtschaft gerade jetzt noch weitaus konsequenter auf Nachhaltigkeit umgestellt werden. Es wäre abstrus, erst angesichts des Klimawandels zum Konsumverzicht aufzurufen, um dann angesichts von Corona zum Konsumieren zu animieren. Appelle, die auf eine rein individualistische Entscheidung einer Konsumreduktion und eines einfacheren Lebensstils setzen, werden nicht reichen. Es braucht gleichzeitig den Systemumbau, der nur durch politische Rahmensetzungen in Richtung Umsteuerung gelingen kann. Die Frage nach dem „guten Leben“ haben wir bereits gestellt (vgl. FRANZISKANER 4/2015). Sie stellt sich angesichts des Klimawandels heute umso drängender und verlangt gleichermaßen nach persönlichen wie strukturellen Antworten.

Die Gemeinwohl-Ökonomie hat den Vorteil, dass sie kein bloßes theoretisches Konzept ist, sondern bereits in kleinerem Maßstab als Alternative real existiert. Der Punkt wird sein, ob es ihr gelingt, so zu wachsen, dass sie nicht nur ein Nischendasein für einige Gutwillige führt. Sie ist mir auch dadurch sympathisch, dass sie nicht beansprucht, das System und die Lösung schlechthin zu sein, sondern eine Variante, die durch andere Komponenten ergänzt werden kann. Durch ihre Gemeinwohlorientierung ist sie ein Konzept, bei dem ich als Christ gut mitgehen kann.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Sommer 2020


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