Bruder Cornelius Bohl

Gnade

Die Gaben des Geistes und die Aufgaben der Kirche

Der sich auf die Pflanzen senkende Morgentau ist ein Bild der Bibel für die Gnade Gottes. Meine Lehre ströme wie Regen, / wie Tau sollen meine Worte fallen, / wie Regentropfen auf das Gras, / wie ein Guss auf welkes Kraut. (5.Mo 32:2)
Der sich auf die Pflanzen senkende Morgentau ist ein Bild der Bibel für die Gnade Gottes.
Meine Lehre ströme wie Regen, / wie Tau sollen meine Worte fallen, / wie Regentropfen auf das Gras, / wie ein Guss auf welkes Kraut. (5.Mo 32:2)

Der Begriff scheint merkwürdig leer. Für viele gehört er auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Wörter: Gnade. Und doch steckt noch im „Gnadengesuch“ oder im „Gnadenbrot“ irgendwie etwas Verheißungsvolles. Da bekommt ein Mensch etwas geschenkt, was er selbst nicht machen und auch nicht kaufen kann. Er hat es nicht verdient. Es ist umsonst, gratis. „Gratia“, das ist übrigens das lateinische Wort für Gnade.

Vielleicht stirbt das Wort von der Gnade aus, weil wir das, was damit gemeint ist, immer weniger erfahren. Das Trimmen auf Leistung beginnt inzwischen ja nicht erst im Kindergarten, sondern schon vor der Geburt. Jeder Erfolg muss hart erarbeitet oder bezahlt werden. Was nichts kostet, taugt nichts. Wer nichts kann, fliegt raus. Gerade religiöse Menschen übertragen dann tief internalisierte Kindheitsmuster auch auf die Beziehung zu Gott: Wer folgsam und brav ist, wird belohnt. Ungehorsam wird mit Liebesentzug bestraft.

Christlicher Glaube stellt das alles radikal und provozierend auf den Kopf: Gott liebt uns, weil er uns liebt! Einfach so! Seine Zuwendung zu uns ist bedingungslos, er knüpft sie nicht an Voraussetzungen oder Vorleistungen. Im Gegenteil: Er bleibt uns auch dann treu, wenn wir von ihm nichts wissen wollen. „Aus Gnade seid ihr gerettet, nicht aus eigener Kraft“ (Eph 2, 8).

„Sola gratia“ – „Allein aus Gnade“, und nicht durch Werke, wird Luther später einhämmern. Inzwischen ist dies kein trennender Streit mehr zwischen evangelischen und katholischen Christen. Wir alle wissen, dass Jesus uns zur Umkehr ruft. Es ist nicht egal, wie ich mit mir, meinen Mitmenschen und der Schöpfung umgehe. Und dennoch gilt: Vor Gott sind wir nie Macher, sondern immer Beschenkte!

Jahrhundertelang haben sich Theologen darüber den Kopf zerbrochen: Was kommt zuerst – die Gnade Gottes oder das Tun des Menschen? Die Frage scheint unlösbar. Wenn am Anfang die Gnade steht, warum findet dann der eine Gott und die andere findet ihn nicht? Behandelt Gott uns ungleich? Ruft er also nicht nur ins Heil, sondern programmiert er auch das Unheil von Menschen vor? Wenn aber umgekehrt alles mit dem Tun des Menschen beginnt, dann brauchen wir eigentlich Gott nicht wirklich. Dann kann ich letztlich alles auch allein schaffen! Theoretisch ist das kaum zu klären. Die Praxis eines geistlichen Lebens aber hat ihre eigene Logik. Da erfahre ich: Ich kann mich nicht wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ich brauche Gott. Er beschenkt mich. Zugleich muss ich durchaus etwas tun und mich entscheiden. Es kommt auf Gott an. Und es kommt auf mich an. Beides stimmt.

Gott schenkt uns nicht in erster Linie „etwas“ – Kraft oder Hoffnung oder Verzeihung. Vor allem schenkt er sich selbst. „Du bist voll der Gnade“, sagt der Engel zu Maria, „der Herr ist mit dir!“ Das heißt: „Du bist wertvoll. Gott hat Freude an dir. Mehr noch: Du lebst aus der Gegenwart Gottes. In deinem Leben kommt Gott vor. So bescheiden dein Alltag auch ist, in ihm glänzt etwas vom Geheimnis Gottes“.  Das gilt für Maria. Und das gilt für jeden von uns.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Frühjahr 2014


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