02.10.2018 Von Cornelius Bohl OFM

Gott ist für Franziskus bunt

Buntheit ist nicht Beliebigkeit. Gedanken zum Franziskusfest

„Gegen eine gefährliche Vereinfachung der Welt, die alles in Schwarz-Weiß sieht“
Bild, Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

 

Individualisierung ist ganz sicher ein Zeichen unserer Zeit: Den eigenen Lebensstil pflegen, unverwechselbar sein, auf dem Hintergrund der eigenen Geschichte individuell persönliche Entscheidungen treffen, das war wohl noch nie so angesagt wie heute. Da wird eine Gesellschaft bunt! Als Folge davon tritt das gemeinsam Verbindende leicht zurück. Die Bereitschaft, sich solidarisch in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, ist längst nicht mehr selbstverständlich, der schöne alte Begriff vom „Gemein-Wohl“ klingt in vielen Ohren nicht nur sprachlich antiquiert.

Gleichzeitig gibt es aber auch einen gerade gegenläufigen Trend: Unterschiede werden als anstrengend, wenn nicht gar bedrohlich empfunden. Die Angst vor dem Anderen, dem Fremden nimmt zu. Statt differenzierter Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven locken einfache Antworten. Klare Ansagen in Schwarz-Weiß sind bequemer als immer neue Orientierung in verwirrender Buntheit und Vielstimmigkeit. Die „Vereindeutigung der Welt“ hat das jemand genannt.

Wie hielt es Franziskus mit Schwarz-Weiß und Bunt?

Die Geschichte ist bekannt: Franziskus hat sich einmal gefragt, wie der ideale Minderbruder aussieht. Da erwarten wir heute ein eindeutiges Profil als Ausweis einer corporate idendity. Franziskus tut genau das Gegenteil. Uniformität ist seine Sache nicht. Er liebt es bunt: Ein guter Bruder habe „den Glauben von Bruder Bernhard, die Einfalt von Bruder Leo, die Höflichkeit von Bruder Angelus, die Geduld von Bruder Juniperus, die körperliche Kraft von Bruder Johannes, die Unruhe von Bruder Lucidus“ (vgl. SP 85). So bunt ist die Bruderschaft.

Auch Gott ist für Franziskus bunt. Das weiß schon sein erster Biograph: „Er stellte sich den höchst Einfachen in vielfacher Gestalt vor Augen.“ Beim Beten „stand er Rede und Antwort seinem Richter, dort flehte er zum Vater, besprach sich mit dem Freund, spielte mit dem Bräutigam“ (2 C 95). Gott ist immer neu und überraschend. Franz erlebt ihn als den „Höchsten“ und „die Demut“, allmächtig und geduldig, stark und sanft (vgl. LobGott). Gott ist ganz verschieden und alles zugleich.

Buntheit – das assoziiert flower power, Regenbogen und Konfetti, das Leben als Party. Als junger Mann hat es Francesco tatsächlich bunt getrieben, trägt „farbenfrohe Kleider“ (Gef 20) und näht, um aufzufallen, „am gleichen Kleid einen teuren Stoff mit einem ganz wertlosen zusammen“ (Gef 2). Aber Buntheit ist mehr als gefällige Abwechslung. Es ist der Mut zum Ganzen, der nichts ausblendet. Zu solchem Buntsein gehört auch das Dunkle. Als Franziskus im Sonnengesang die Schöpfung besingt, quälen ihn Schmerzen. Fast blind, kann er die „bunten Blumen und Kräuter“ kaum noch sehen und muss seine entzündeten Augen vor Schwester Sonne schützen. Und er lobt Gott nicht nur für heiteres, sondern für „jegliches Wetter“, also auch für feuchten Nebel, der nasskalt in die Knochen kriecht. Am Ende besingt er dann das Verzeihen, das Ertragen von „Krankheit und Drangsal“, die Annahme des Todes.

Die Welt ist bunt. Die Menschen sind bunt. Gott ist bunt. Schön hört sich das an. Und einfach. Alles easy? Ich denke nicht! In einer Welt in Schwarz-Weiß, die fein säuberlich in Gut und Böse sortiert, lebt es sich bequemer. Eine bunte Spiritualität akzeptiert, dass der andere anders ist und anders lebt und auch anders glaubt als ich. An den burnout-gefährdeten Minister schreibt Franziskus: „Wer immer dir Schwierigkeiten machen mag, Brüder oder andere, auch wenn sie dich schlagen sollten, alles darfst du für Gnade halten“ (Min 2). Das ist ein Plädoyer für bunte Verschiedenheit. Darum kann Franziskus ohne Angst dem Wolf von Gubbio und dem muslimischen Sultan begegnen und die Brüder auffordern, gerne mit verachteten Menschen zu leben (vgl. NbR 9) und auch Diebe und Räuber gütig aufzunehmen (vgl. NbR 7).

Buntheit ist nicht Beliebigkeit. Sie steht für ein leidenschaftliches Ja zur ganzen Wirklichkeit. Sie ist ein Nein zu jeder Form von Ausgrenzung. Sie zielt auf Integration und Versöhnung. Der Respekt vor dem einzelnen mit seiner persönlichen Berufung lässt das Gemeinsame nicht auseinanderfallen, sondern stärkt es, weil wie bei einem Puzzle erst durch die vielen bunten Einzelteile das große gemeinsame Bild entsteht.

Ich weiß, das schreibt und liest sich einfacher, als es in Wirklichkeit ist. Dennoch höre ich an diesem Franziskusfest von unserem kleinen Bruder aus Assisi eine doppelte Einladung: Gegen eine gefährliche Vereinfachung der Welt, die alles in Schwarz-Weiß sieht, die Menschen in Freund und Feind einteilt und das Fremde grundsätzlich als Bedrohung empfindet, provoziert er dazu, Respekt zu haben vor dem einzelnen mit seiner persönlichen Geschichte. Weil aber das Fremde mich nicht bedroht, sondern ergänzt, und nicht ich allein, sondern nur wir alle zusammen das Ganze bilden, mahnt er dazu, uns nicht eigenbrötlerisch ins Private zurückzuziehen, sondern aufeinander zuzugehen, Interesse füreinander zu haben und einander mitzutragen. Das bleibt spannend!


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