Bruder Franz Richard

Höflichkeit

Unzeitgemäße Tugenden

Danke aus Kinderhand. Bild von Rainer Sturm / pixelio.de
Danke aus Kinderhand. Bild von Rainer Sturm / pixelio.de

„Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, so lautet – grammatikalisch unsauber – ein Sprichwort. Es hebt ab auf die Erfahrung, dass Höflichkeit im Konkurrenzkampf des Lebens das Vorankommen behindert. Doch ist dies eigentlich ein guter Rat?

Höflichkeit ist eine Tugend, die die Menschlichkeit im Umgang miteinander fördert. Dort, wo die Sorge um den Nächsten an die Belastungsgrenze führen kann, ermöglicht Höflichkeit kleine, aber spürbar wohltuende Schritte im Umgang miteinander. Grüßen und einen Gruß erwidern, sich verabschieden und nicht einfach wortlos verschwinden, an die Tür anklopfen – auch beim eigenen Kind –, vor Privaträumen und Büros Respekt haben, einen anderen nicht in Verlegenheit bringen, es ihm ersparen, dass er blamiert wird oder sich schämen muss, dem anderen den Vortritt lassen, einem Fremden mit Achtung begegnen und nicht sofort mit dem Verdacht, er sei möglicherweise ein Krimineller oder einer, der auf Kosten unseres Landes leben will – im Grunde durchzieht die Höflichkeit unseren Alltag, angefangen vom einfachen »Bitte« und »Danke« bis dahin, im anderen ein Ebenbild Gottes zu sehen.

Höflichkeit ist das Gegenteil von Rücksichtslosigkeit, von vulgären und ungehemmten Umgangsformen, von Verletzung der Diskretion oder Schädigung des guten Rufes. Sie ist mehr als nur das korrekte Einhalten von Benimmregeln, die manchmal auf Skepsis stoßen, weil sie aus einer anderen, aus einer »höflichen« Gesellschaft stammen. Sie kann formal sein und in Scheinhöflichkeit, Förmlichkeit, Unaufrichtigkeit abgleiten. Aber dann handelt es sich gerade nicht mehr um Höflichkeit, sondern nur noch darum, so zu tun als ob.

Höflichkeit ist gekonnte Zuwendung und kennt keine Hintergedanken. Sie bewirkt Entkrampfung dort, wo im täglichen Miteinander das Gefühl von Enge entsteht: in der kleinen Mietwohnung, im Großraumbüro, beim Stau auf der Autobahn, vor der Kasse im Supermarkt. Man reibt sich aneinander, die anderen gehen einem auf die Nerven.

Höflichkeit ist die Kraft, dem anderen Raum zu lassen, Rücksicht auf ihn zu nehmen, sich nicht auf Kosten der anderen vorzudrängen und durchzusetzen. Romano Guardini hat einmal von der Höflichkeit Gottes gesprochen und damit gemeint: Gott gönnt uns täglich unseren Lebensraum. Er engt uns nicht ein, übt keinen Zwang und keinen Druck aus. Gott ist höflich. Dann wäre unsere menschliche Höflichkeit der gute Stil, dem anderen Entfaltungsraum zu lassen, ohne ihn akustisch, gestisch, verbal oder wie auch immer zu bedrängen.

Höflichkeit schützt diesen Raum, sie achtet und ehrt die private Sphäre, die jede und jeder um sich hat; sie weiß um diese Verwundbarkeit und Fragilität der und des anderen und fügt nicht unbedacht Schmerzen zu. So ist sie das, als was sie gern bezeichnet wird: „die kleine Schwester der Nächstenliebe“.

Tugend kommt von „taugen“ im Sinne einer allgemeinen Tauglichkeit. Darunter versteht man eine Fähigkeit und eine innere Haltung, das Gute leicht und mit Freude zu tun.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Herbst 2010


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