Johannes-Baptist Freyer ofm

„Ich arbeite mit meinen Händen und will arbeiten“

Franziskus und die Arbeit

„Und ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und ich will nachdrücklich, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten, die ehrbar ist.“ Weinlese im Kloster Engelberg. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

„Und ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und ich will nachdrücklich, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten, die ehrbar ist. Die es nicht können, sollen es lernen, nicht aus dem Verlangen, Lohn für die Arbeit zu erhalten, sondern um ein Beispiel zu geben und den Müßiggang zu vertreiben. Und wenn uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben würde, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und um Almosen bitten von Tür zu Tür.“

(Aus dem Testament des heiligen Franziskus)

In seinem Testament ruft Franziskus die wichtigsten Elemente der Lebensform der Minderen Brüder in Erinnerung, und dazu zählt die Handarbeit. Mit der Wahl seiner Lebensform in der Nachfolge des armen und demütigen Christus hat Franziskus sich und seine Brüder in die Arbeitswelt seiner Zeit eingeordnet. Denn er wollte, dass seine Brüder arbeiten, und wenn sie es nicht könnten, sollten sie es lernen.

Die Arbeit verortet die Brüder unter den Minderen

Wichtig ist dabei, auf die Wortwahl des Franziskus zu achten, wenn er über die Arbeit spricht. Hauptsächlich benutzte er die Begriffe „laborare, laborent“. Diese Begriffe meinten in der mittelalterlichen Terminologie die Handarbeit. Jene Arbeit, die als beschwerlich und hart angesehen wurde. In den meisten Fällen wurden diese Begriffe benutzt, um die Handarbeit auf dem Feld, Maurerarbeiten und schmutzige Arbeit zu bezeichnen. Normalerweise wurde solche Arbeit von Leibeigenen, Landarbeitern und Dienern verrichtet. Oft handelte es sich auch um die Arbeit der Tagelöhner. Darüber hinaus war diese Arbeit auch aus religiösen Gründen schlecht angesehen. Sie wurde als Strafe für die Sünde betrachtet. Wenn Franziskus nun selbst diese Begriffe wählt, müssen wir davon ausgehen, dass er die ersten Brüder und sich unter diese hart arbeitende Bevölkerungsschicht, die auch religiös verachtet wurde, einordnete. Die Wahl der Arbeit war sozusagen auch mit einer Standeswahl verbunden, eben unter den Minderen. Wie die Minderen sollten die Brüder sich das Lebensnotwendige erarbeiten. Die Brüder arbeiten für das Notwendige, aber sie häufen sich keine Reichtümer an. Nur wenn ihnen das Lebensnotwendige vorenthalten wurde, durften die Brüder „zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen“, das heißt, sie durften wie andere Arme betteln gehen.

Darüber hinaus hat die Arbeit für Franziskus auch eine asketische Seite. Indem die Brüder mit ihrer Arbeit gute Werke verrichten, sollen sie den Müßiggang und die Versuchungen zum Bösen vermeiden. Die Arbeit soll mit einer geistigen Haltung des Gebetes und der Hingabe verbunden werden. Franziskus spricht auch von der Gnade zu arbeiten und vermittelt damit eine positive Einstellung zur Arbeit und vermeidet die theologische Interpretation der Arbeit als Sündenstrafe. Die Brüder sollen folglich auch diese schwere und minderwertige Arbeit mit Hingabe verrichten. Der Geist des Gebetes verbindet sich hier mit dem Willen, gute Arbeit zu verrichten. Die Arbeit hat für Franziskus folglich eine soziale Dimension, das Leben der einfachen Leute und Armen zu teilen, eine pädagogische Ausrichtung der Disziplin und Askese sowie eine religiöse Grundlage in der Verbindung mit dem Gebet und der Ausübung in der Hingabe. Zu arbeiten hat folglich wesentlichen Anteil an der Berufung der Brüder, im konkreten Alltag nach dem Evangelium zu leben.

Arbeit darf den Geist des Gebetes nicht auslöschen

Doch schon sehr bald, noch zu Lebzeiten des Franziskus, gibt es die ersten Veränderungen in der Lebensform der Brüder, die nicht mehr alle Handarbeit verrichten, sondern beginnen, hauptsächlich zu predigen und zu lehren. Angesichts dieser Modifizierungen ruft der sterbende Franziskus in seinem Testament die Bedeutung der Handarbeit in Erinnerung. Doch nach seinem Tode sind diese Veränderungen von einer wandernden Bruderschaft, die sich durch Handarbeit das Lebensnotwendige verdient, zu einem Orden der Prediger und Lehrenden nicht mehr aufzuhalten. Auch die Handarbeit wird nach und nach aufgegeben, oder sie kommt nur noch in der Form der Hausarbeit und Gartenarbeit in größer werdenden Häusern vor. Für diese Arbeit wird dann auch vor allem die spirituelle Seite betont. Sie ist eine Tugend, um den Müßiggang zu vermeiden. Allgemein verschiebt sich das Verständnis der Arbeit. Die pastorale Tätigkeit, wie predigen, unterrichten, Beichte hören usw., sowie die dazu notwendige Vorbereitung und Schulung wird jetzt als die eigentliche Arbeit der Minderbrüder angesehen. In der religiös geprägten Gesellschaft des Mittelalters leisten sie damit einen Beitrag zum Gemeinwohl, und dafür haben sie das Recht, von den Menschen, denen sie pastoral dienen, auch das zum Leben Notwendige zu erhalten. Daher gehen die Minderbrüder auch zum „mendicare“. Dies einfach als betteln anzusehen und von Bettelbrüdern zu sprechen, wie wir dies heute tun, entspricht damit nicht so ohne Weiteres der damaligen Wirklichkeit. Die pastorale Tätigkeit wurde als Arbeitsleistung angesehen, und dafür durften die Minderbrüder sich von den Nutznießern ihres Dienstes Gaben erbitten.

„Mendicare“ war das Erbitten dessen, was einem aufgrund einer pastoralen oder spirituellen Dienstleistung zukam. Dennoch bleibt eine Abhängigkeit vom guten Willen der Spender, es gibt keinen Rechtsanspruch auf Entlohnung. Damit erhielten die Minderbrüder natürlich auch einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Sie erbringen eine religiöse, geistliche Dienstleistung für das Gemeinwohl und werden als Gegenleistung von der Bevölkerung versorgt.

Franziskaner fordern eine gerechte Bezahlung

Das Ernten der Reben erfordert Sorgfalt und ist oft mir mühevollem körperlichen Anstrengungen verbunden.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Trotz dieser Veränderung in der Ausübung von Arbeit ging die von Franziskus beabsichtigte soziale Dimension des Arbeitens nicht ganz verloren, da die Minderbrüder ihre Dienste gerade auch der arbeitenden Schicht der damaligen Zeit zur Verfügung stellten. Dabei unterstützen sie eine Einstellung zur Arbeit als Beitrag zum Gemeinwohl. In ihren Predigten fordern sie eine angemessene Bezahlung der Arbeit. Arbeit erfordert eine der Produktion und dem Handel proportional gerechte Bezahlung, das sogenannte „Brot der Gerechtigkeit“. In der moralischen Beurteilung wird auch die Handarbeit weiterhin grundsätzlich hoch bewertet und muss entsprechend entlohnt werden. Im Zusammenhang mit der Ausarbeitung einer Tugendlehre der freien Marktwirtschaft werden Formen von „Lohndumping“ verurteilt und geächtet.

Wert der Arbeit höher als der des Kapitals

Abschließend kann man zusammenfassen, dass für Franziskus die Arbeit Teil der Nachfolge des armen und demütigen Jesus Christus war. Wie die Lohnarbeiter seiner Zeit sollten die Brüder dabei keinen Anteil an der aufblühenden Geldwirtschaft haben und sich durch ihre Arbeit keine Reichtümer erwirtschaften. So blieben sie, wie Tagelöhner, von der Gutwilligkeit der Arbeitgeber abhängig. Diese Einstellung zur Arbeit verschiebt sich mit der Zeit auf den pastoralen und lehrenden Einsatz der Brüder. Was bleibt, ist die Ablehnung einer festen Entlohnung und von gut bezahlten Stellen. Die Mitglieder des Ordens bleiben von der Spendenfreudigkeit der Wohltäter abhängig. Gleichzeitig entwickeln sie als Seelsorger der Kaufleute, Handwerker, Banker und Regierenden ein sich am Evangelium orientierendes Ethos der Arbeit. Die Arbeit, und damit die Arbeiter, haben denselben, wenn nicht sogar einen höheren Stellenwert in der Markt¬wirtschaft als das Kapital (Geld). Damit hat der Arbeiter ein Anrecht auf einen gerechten Lohn, mit dem er für sich und eine Familie ein würdiges Leben gestalten kann.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Frühjahr 2018


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