Bruder Cornelius Bohl

Ich glaube an den Heiligen Geist

Gedanken zum Glaubensbekenntnis

Wer an den Geist Gottes glaubt, tut etwas. Er lässt sich senden.
Wer an den Geist Gottes glaubt, tut etwas. Er lässt sich senden.

Sowohl als auch. Das klingt nach Unentschiedenheit oder Opportunismus. Dann doch lieber „entweder oder“. Darin steckt Entschlossenheit und der Mut zur klaren Position, der Fronten klärt.

Ich finde das interessant: Derselbe Geist Gottes steht für ganz Unterschiedliches, das sich auszuschließen scheint. Er schenkt persönliche Charismen – und ist doch Garant einer alle umfassenden Einheit. Er bewirkt dynamische Veränderung – bewahrt aber zugleich in der Gemeinschaft mit Christus. Er bindet bleibend an ihn – und ermöglicht gerade so Freiheit. Er erinnert an die Geschichte Jesu – und drängt in eine neue Zukunft. Er schafft Kirche – weht aber dort, wo er will (nicht nur in der Kirche!), und erneuert das Angesicht der Erde. Er ist also sowohl progressiv als auch konservativ, bindet und befreit, verankert in der Vergangenheit und eröffnet Zukunft, garantiert Individualität und Einheit, lässt Kirche Jesu Christi entstehen und schafft zugleich eine universale Ökumene, die über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg Reich Gottes erfahrbar macht.

Das klingt sehr theoretisch. Ist es aber nicht. Die praktischen Konsequenzen drängen sich auf: Wer an Gottes Geist glaubt, braucht gerade in der Kirche keine Angst zu haben vor einem offenen Dialog, denn die Wahrheit liegt nicht genau in der Mitte, sondern offenbart sich im Aushalten von Spannungen. Individualität und Freiheit gefährden die Einheit nicht, sondern ermöglichen sie. Bindung an Geschichte, Freiheit und der stetige Überstieg in eine bisher noch undenkbare Zukunft sind keine Alternativen, sie bedingen einander. Konservatives Bewahren und progressiver Neuentwurf schließen sich nicht aus, sind vielmehr zwei Seiten einer Medaille. Darum auch sind Weisheit und Stärke Gaben des Geistes, nicht aber Ängstlichkeit und Enge. Der Glaube an den Heiligen Geist lädt ein zu einem mutigen Sowohl-als-auch, statt sich vorschnell mit einem müden Entweder-oder zu begnügen. Das gibt sich zwar gerne entschlossen, kommt aber oft aus einer tiefen Angst, die Spannungen nicht aushält.

Spannungen sind kreativ und Ausdruck von Leben. Der Creator Spiritus, der Schöpfer-Geist, schafft neue lebendige Wirklichkeit. Durch den Geist bringt Maria den Sohn Gottes zur Welt. Der Auferstandene schenkt den Geist zur Vergebung der Sünden, da wird Leben neu. In der Eucharistie verwandelt der Geist ein Stück Brot in die lebendige Gegenwart Christi. Immer wieder kommt der Geist über Frauen und Männer und macht sie zu Zeugen des Evangeliums. Der Geist durchpulst die Geschichte, um sie Christus entgegenzuführen. Wer an Gottes Geist glaubt, traut der Kreativität Gottes etwas zu. Und wird selbst kreativ.

Natürlich sind Spannungen manchmal mühsam und unangenehm. Der Geist bewahrt uns nicht davor. Er sendet uns in die Spannungen hinein. „Der Geist „tut“ nichts, er gibt uns zu tun“ (Pierre Ganne). Wer an den Geist Gottes glaubt, tut etwas. Er lässt sich senden.

Erstveröffentlichung Zeitschrift „Franziskaner“ Herbst 2013


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