16.07.2021 Bruder Michael Blasek

Abschied tut weh

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Michael Blasek

Letzte Woche wurde bekannt, dass wir Franziskaner uns im Jahr 2025 vom Bildungshaus in Hofheim verabschieden werden. Das hat viele betroffen gemacht. Manche waren schockiert, andere traurig oder wütend. Wieder wird deutlich, dass Klöster eben nicht nur Ordensleute beherbergen, sondern immer auch Heimat für andere Menschen sind. Es war in den letzten Jahren nicht der erste Abschied. Es wird nicht der letzte sein. Solche Abschiede tun weh. Manche sagen: „Abschiede gehören zum Leben.“ Oder: „Jede Tür, die Tür die zufällt, öffnet eine neue.“ Das mag stimmen. Aber das kann ich nicht dem Vater sagen, der gerade seine Familie verlassen musste. Ich scheue mich, damit die Frau zu trösten, die nach einem Unfall nicht mehr gehen kann. Das empfinde ich als geradezu perfide.

Ich kann Abschiede nicht schön reden. Sie reißen Lücken in das individuelle oder gemeinsame Leben. Solche Leerstellen können nicht einfach mit schlauen, wenn auch erprobten Worte gefüllt werden. Wenn etwas zu Ende ist, dann ist es am Ende. Diesem Umstand heißt es zu begegnen. Das tut weh. Das sind radikale Situationen, in denen sich auch der Glaube bewährt oder erschüttert wird. In den extremen Lagen zeigt es sich, ob wir ehrlich beten können: „Dein Wille geschehe!“ Ja, Abschiede bringen uns in mehrerlei Hinsicht an die Grenzen.

Als Franziskus sich von seinem Leben verabschieden muss, sagt er zu seinen Brüdern: „Ich habe das Meinige getan. Was Ihr tun sollt, möge Euch Christus lehren!“ Im Loslassen richtet er den Blick der Brüder auf Christus, der nicht verharrend zurückblickt, sondern in eine Zukunft weist. Das macht mir den Abschied nicht leichter. Aber es gibt mir eine Aussicht auf irgendwann; eine Hoffnung, die Dietrich Bonhoeffer in die vertrauenden Worte fasste: „Gott, ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich!“


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


Ein Kommentar zu “Abschied tut weh

  1. In der Meditation oder Kontemplation wird immer gesagt, dass man mindestens einmal im Jahr eine Intensivzeit nehmen sollte, um seine Spiritualität zu vertiefen und sich neu auszurichten. Dafür braucht es u.a. Exerzitienhäuser. Wenn ich jedoch an christlichen Klöstern, die zu einer Einkehr für Einzelgäste einladen, anfrage, ist es mir bisher schon öfter passiert, dass mein Name in der ersten Antwort absichtlich falsch geschrieben wird, um Ablehnung zu signalisieren. Es ist mehr als ernüchternd, wenn Mönche und Nonnen offenbar gar keine Vorstellung von einer konkreten religiösen Praxis haben, so dass nicht einmal rückgefragt wird, was man denn all die Tage vorhat zu tun. Auch bei den sogenannten kontemplativen Orden sehe ich seltsamerweise keine offene Tür.
    Andererseits, es gibt doch dieses „franziskanische“ Meditationshaus in Dietfurt, das völlig überlaufen wirkt, alle Kurse zeigen eine Warteliste. Doch dieses Gefälle scheint noch niemanden aufgeschreckt zu haben. Gerade Franziskaner schließen ein Kloster nach dem anderen, doch wenn man in Dokumentationen die Reaktionen von den das Haus verlassenden Brüdern sieht, dann zeigt sich eine Art Luftikus-Gesinnung wie: „das macht uns nichts, wir sind ja in der Welt nicht zu Hause, und Aufs und Abs gabs immer schon, der liebe Gott wirds schon wissen“…
    Nun, ich weiß es ja nicht, aber wenn in einer modernen Gesellschaft, in der alles Notwendige, was äußerlich getan werden kann, bereits getan wurde, auf Innerlichkeit abzielende klösterliche Orte an Privatleute verkauft oder für Tourismus mit Stuck und Spabereich umgewandelt werden, dann erscheint mir das eher einen dramatischen Niedergang anzudeuten als den Wille Gottes.
    Ein treffendes Buch darüber ist „Die Verwaltung des Untergangs“. Das Fazit des Kappuzinerpaters Kreppold teile ich uneingeschränkt: der Weg hinaus aus der Krise ist der Weg nach innen. Das muss nicht Zen-Meditation sein. Es gibt substanzielle kontemplative Strömungen, intensive Schweigeexerzitien (nein, nicht Vortragsexerzitien) wie sie beispielsweise im Haus Gries angeboten werden, doch haben diese tragischerweise nie die traditionelle Kirche oder Klöster erreicht.
    Man lese aus diesen Zeilen nicht den Willen zur Kritik, sondern aufrichtige Betroffenheit darüber, dass Infrastruktur für innere Entwicklung, aufgebaut im Laufe der Jahrhunderte, keine innerliche Trägerschaft mehr hat.

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