29.04.2022 Bruder René Walke

Aufgewachsen im Frieden?

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder René Walke

Bis vor einigen Jahren habe ich in Friedenszeiten gelebt. Bis wann war eigentlich Frieden? Wenn ich genauer hinsehe, finde ich keine kriegsfreie Zeit: Ich bin groß geworden in einer Zeit von Kaltem Krieg, doch der hat mich selbst kaltgelassen. Als dann mal ein Atomkraftwerk explodierte, durfte ich nicht nach draußen zum Spielen – und den Salat haben wir weggeworfen. Doch alles blieb für mich friedlich. Obwohl: Es kamen in meine Stadt Kinder aus Afghanistan – dort war meine ganze Kindheit über Krieg. Aber der war weit weg. Terror war weit weg – außer die RAF. Wir hatten Palästinenserschals um – während der ersten Intifada – ich wusste gar nicht, was das ist. Auf dem Schulhof erzählte man uns, dass Saddam Hussein ganz brutal sei und daher auch deutsche Soldaten Golf-Krieg machen mussten. Eigentlich war der Krieg immer präsent, wenn ich darüber nachdenke. Mit den Freunden überlegten wir: Bundeswehr oder Zivildienst? Wir haben gestritten: Warum willst du freiwillig nach Jugoslawien? Einige waren dort – und wir haben uns Sorgen gemacht – erinnert ihr euch an Srebrenica? Massaker unter den Augen der Blauhelme. Etwa eintausend Menschen wurden ermordet. Später wurden alle Männer ab 16 Jahren gefangen – 8.000 wurden entführt und ermordet. In Europa. Wann war eigentlich Frieden?

Es ist Krieg – von Anfang an. Zwischen Israeliten und Kanaanitern. Zwischen Männern und Frauen. Zwischen Religionen. Es ist Krieg – zwischen Gott und Mensch.

Es herrscht Krieg im Inneren einer jeden und eines jeden von uns. Warum sonst suchen wir oft Orte des Friedens? Weil er fehlt. Weil ich ihn ersehne, bewusst oder unbewusst.
Und was macht Gott eigentlich?

Elie Wiesel hat Auschwitz überlebt; wie kann er als Jude nach dem Holocaust an Gott glauben? Er berichtet: „Die SS erhängte zwei jüdische Männer und einen Jungen vor der versammelten Lagermannschaft. Die Männer starben rasch, der Todeskampf des Jungen dauerte eine halbe Stunde. ‚Wo ist Gott? Wo ist er?‘, fragte einer hinter mir. Als nach langer Zeit der Junge sich immer noch am Strick quälte, hörte ich den Mann wieder rufen: ‚Wo ist Gott jetzt?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo ist er? Da ist er … Er hängt dort am Galgen …‘“

Wo ist Gott – in unserer Zeit? In Butscha, in Mariupol, in Aleppo, in Mali, in Gaza – und in meinem Leben. Wir leben nicht in Friedenszeiten, wir leben in einer Zeit zum Frieden stiften.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.