19.08.2022 Pater Thomas Ferencik

Priester im Urlaub – ein Emmauserlebnis

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Pater Thomas Ferencik mit Studierenden der KHG Hamburg

Es ist Urlaubszeit und nicht selten geschieht es, dass wir auf unseren Reisen fremde Leute kennenlernen und mit ihnen ins Gespräch kommen. So erlebte ich es an meinem ersten Urlaubstag, als ich Elli und Marian auf einem Campingplatz des Kanu-Vereins Torgau traf. Zunächst tauschten wir uns über das Paddeln auf der Elbe aus und sprachen über dieses und jenes. Und irgendwann kam dann die Frage, was ich beruflich mache.

Alles klar. Es gab Zeiten, da konnte man die Begriffe Priester, Franziskaner oder Hochschulpfarrer locker aufsagen. Aber heute, nach all dem, was vorgefallen ist und vorfällt? All die Missbrauchsfälle und Verletzungen. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf: Wenn du an die gerätst, die wütend auf die Kirche sind, ist der erste Urlaubstag hin. Diese Situation dürften sicherlich auch andere Christen in unterschiedlichen Situationen kennen.

Eigentlich wollte das Paar schon aufbrechen. Doch als sie erfuhren, was ich mache, meinten sie, der Abend wäre ja noch jung, und blieben. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass Elli eine Pastorentochter ist und bei Marian nach der Konfirmation der Kontakt zur Kirche abbrach. Wir sprachen über all das, was wir in der DDR-Zeit erlebt hatten, über unsere Stasi-Erlebnisse und unser kirchliches Engagement, aber auch darüber, warum unsere Kirche in der Krise ist und wie junge Menschen zum Glauben finden können.

Wir führten ein Glaubensgespräch im öffentlichen Raum. Irgendwie kam mir der Gedanke von den Emmausjüngern, nur dass es diesmal drei Jünger waren, denen sich Gott zugesellte. Das Dankeschön der beiden für den schönen Abend sagt mir, dass ich gut daran getan habe, das Wagnis der Offenheit einzugehen.

Emmaus kann jeden Tag passieren – wenn man es zulässt


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.