08.04.2022 Bruder Markus Fuhrmann

Europäische Erfahrungen: Abschreckung allein bringt keinen Frieden

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Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Markus Fuhrmann

100.000.000.000,- EURO. Eine 1 mit 11 Nullen. Das ist eine Summe, die sich auf den ersten Blick kaum erfassen lässt. In kürzester Zeit veränderten sich durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht nur die Grundkonstanten deutscher Außen- und Sicherheitspolitik, sondern auch die Bereitschaft, einen bislang unvorstellbaren Geldbetrag für die militärische Verteidigungsbereitschaft des Landes zu investieren. Politik und Gesellschaft sind ernüchtert aufgewacht in einer Welt, in der Freiheit massiver als bislang verteidigt und eine neue geostrategische Ordnung erst einmal entwickelt werden muss.

Bedeutet dies, dass alle Bemühungen der vergangenen Jahrzehnte um Frieden und Abrüstung, um politische Annäherung konkurrierender Machtblöcke und Völkerverständigung umsonst oder womöglich ein Irrweg waren? – Ich denke: Nein!

Es mag sein, dass die aktuelle Bedrohungslage im Osten Europas eine strategische Neuausrichtung und eine verbesserte Ausstattung der Bundeswehr erforderlich macht. Doch auf militärischem Wege allein, durch bloße Abschreckung, wird sich der Frieden in Europa und weltweit nicht nachhaltig sichern lassen. Frieden ist nur da möglich, wo Gerechtigkeit und wechselseitiges Vertrauen herrschen. Was also kann helfen, Gerechtigkeit und Vertrauen zwischen Völkern und Nationen aufzubauen? Dazu ein bescheidenes Beispiel aus der franziskanischen Familie.

Ich hatte in den letzten Tagen die Gelegenheit, Bruder René zu begleiten, der gerade für FEE, den neuen franziskanisch europäischen Freiwilligendienst, Projektstellen für junge Erwachsene in Europa erkundet. Es war für mich und für uns eine wunderbare Erfahrung, auf so viel Offenheit, Gastfreundschaft und Unterstützung bei unseren Projektpartnern zu treffen. Das lässt hoffen für den zukünftigen Einsatz der jungen Menschen dort, die ja auch ein wenig franziskanische Botschafterinnen und Botschafter der Solidarität und des Friedens sein sollen. Ein freiwilliges Auslandsjahr kann für junge Menschen eine Lebensschule sein: Der eigene Horizont weitet sich; Vorurteile über andere Völker und Kulturen werden abgebaut. Und zugespitzt formuliert: Wer sich kennt und vertraut, der schießt nicht aufeinander.

Wir können froh darüber sein, welch gute Beziehungen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Maßnahmen der Völkerverständigung gewachsen sind. Ich bin davon überzeugt: Ein starkes, auch finanzielles Engagement im Bereich der internationalen Freiwilligendienste und Austauschprogramme ist die nachhaltigste Friedenssicherung, die man sich denken kann.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
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