13.05.2022 Bruder Thomas Abrell

Ex-Post-Triage

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Thomas Abrell

Bundesgesundheitsminister Dr. Karl Lauterbach hat den Entwurf zur „Ex-Post-Triage“ wieder kassiert. Diese kurze Meldung war der Schlusspunkt für einen Gesetzesentwurf, der mit Blick auf das Grundgesetz und die UN-Menschenrechtskonvention eigentlich gar nicht hätte in Umlauf gebracht werden dürfen. „Ex-Post-Triage“ ein sperriges Wort, das nichts anderes bedeutet, als dass eine bereits begonnene medizinische Intensivbehandlung zugunsten eines „vielversprechenderen“ Patienten abgebrochen wird.

Gott sei Dank wurde dieser Entwurf zurückgezogen, denn er hätte Menschen mit Behinderung benachteiligt, die durch ihre Beeinträchtigung nicht nur in vielen Lebensbereichen mit Einschränkungen zu kämpfen haben, sondern manchmal durch ihre Behinderung perspektivisch auch eine niedrigere Lebenserwartung.

Dass im Rahmen der Frage der Triage Menschen mit Beeinträchtigung in den Blick gekommen sind, dazu brauchte es ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das die Rechte dieser Menschen in Erinnerung gerufen hat. Es ist aber sehr bedenklich, wenn die Rechte von Menschen übersehen werden, nur weil sie weder als Wirtschaftsfaktor noch als Leistungsträger oder Wählerstimmengaranten punkten können. Menschen mit Behinderung sind weder für die Wirtschaft noch für die Politik interessant, dabei bieten sie einen großen menschlichen Reichtum. Der erschließt sich aber nur den Menschen, die sich auf diese Menschen einlassen.

Ich erlebe immer wieder bei Studien- oder Besinnungstagen für Menschen mit Behinderung, welchen Reichtum diese Menschen mitbringen, mit ihrer direkten Art in der Begegnung, mit ihren oft sehr besonderen Fähigkeiten. Es ist eine Herausforderung, diesen besonderen Fähigkeiten Raum zu geben, auch wenn damit nicht das Tempo unserer Gesellschaft mitgegangen werden kann. Es wäre auch ein großer Verlust für unsere Gesellschaft, wenn diese Gruppe von Menschen nicht mehr in unseren Reihen zu finden wäre.

Allerdings, diese Erfahrung mache ich auch, ist mancher Zeitgenosse, der sich zur Bildungselite unserer Gesellschaft zählt, schlichtweg überfordert, wenn ein Mensch mit Behinderung einfach auf ihn zugeht und so die Begegnung mit ihm sucht.


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Ein Kommentar zu “Ex-Post-Triage

  1. Lieber Bruder Thomas
    Dass das Bundesverfassungsgericht den Staat darauf aufmerksam machen muss, dass ein geplantes Gesetz die Rechte einer Menschengruppe im Staat massiv benachteiligt (das sehe ich so, wenn die Gesundheit dieser Menschen nicht genau so im Vordergrund steht wie bei allen anderen), dann spricht das meines Erachtens Bände. Europa hat eine christlich geprägte Kultur. Die einzelnen Staaten jedoch verabschieden sich von dieser Kultur immer weiter und sind davon überzeugt, dass ihre Sozialpolitik ein adäquater Ersatz für christliches Handeln darstellt. Bei der Vereidigung von Staatsdienern (und ich betone dieses Wort hier einmal ganz besonders!) darf inzwischen der Eid ohne Bezug auf Gott abgelegt werden. In Klassenzimmern wurden die Kreuze entfernt (und ich hoffe, wir müssen hier nun keine Grundsatzdiskussion zu diesem Thema führen) und Religiosnunterricht wird durch den Ethikunterricht ersetzt. Was am Ende dabei herauskommt, sehen wir nun am Beispiel des Gesetzesentwurfs zur Triage und der Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung.
    Ethik ist das Philosophieren, das Nachdenken über richtig und falsch. Moral ist das Wertesystem, nachdem das Handeln von allen bzw. einer grossen Mehrheit als gerecht, als richtig angesehen wird. Nun frage ich mich, ob vor der Gesetzesformulierung eine Ethikkommission sich Gedanken darüber gemacht hat, ob das Handeln nach diesem Gesetz als moralisch richtig betrachtet werden darf. Sollte dies der Fall sein, stelle ich das Wertesystem dieser Kommission in Frage. Aber auch Minister, Staatssekretäre/innen und andere Mithelfer müssen sich die kritische Frage gefallen lassen, wie denn ihr Wertesystem aussieht, auf was sich dieses gründet. Hätten wir noch einen deutschen Staat, der sich an das christliche Denken, das auf Jesus vorgelebte Wertesystem beruft, dann hätte es niemals einen solchen Gesetzesentwurf geben dürfen.
    Letztlich belegt meiner Meinung nach die Diskriminierung von Minderheiten die Zahlen zum Thema Religionszugehörigkeit in Europa: Nur noch rund 50% der Einwohner zählen sich als zu einer der christlichen Kirchen zugehörig. Christliches Denken und Handeln findet sich nicht in der Wirtschaftswelt, zumindest nicht in den grossen DAX-Unternehmen. Ellenbogenmentalität, Gier und das Streben nach dem eigenen Vorteil hat schon lange die Liebe zum Nächsten verdrängt. Und ich befürchte, wir sind noch nicht am – moralischen – Tiefpunkt angelangt.

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