02.09.2022 Bruder Damian Bieger

Glasnost

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Damian Bieger

In der vergangenen Woche ist Michail Gorbatschow gestorben. Ein Programmwort seiner Politik hat mich immer fasziniert: Glasnost. Offenbar nicht eins zu eins vom Russischen ins Deutsche übersetzbar. Es hängt aber mit „Stimme“ zusammen. Sinngemäß ging es um die Ermöglichung seine Stimme zu erheben, ohne, dass man Nachteile befürchten musste.

Für mich, einen Menschen, der im Westen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde, ist der Befreiungseffekt dieses Programms vermutlich kaum nachzuvollziehen: Im Sozialismus sind Menschen, die etwas aus- und angesprochen haben, das für alle offensichtlich war, aber nicht sein durfte, ins Gefängnis gekommen oder haben noch Schlimmeres erlebt. Zum Verrücktwerden!

Der von Gorbatschow entfesselte Mut zur Stimme hat dann wohl weitaus mehr bewirkt, als von ihm selber beabsichtigt. Staatliche und gesellschaftlichen Strukturen wurden freigesetzt und haben sich neu geordnet; das hat ihn persönlich selber überrollt.

In der jüngsten Vergangenheit haben aber auch wir lernen müssen, dass nicht jeder, der seine Stimme erhebt, etwas von Bedeutung äußert und/oder automatisch die Wahrheit sagt. Zudem bleibt wahr: Die Stimme wird immer auch zu politischen Zwecken erhoben. In jeder Gesellschaftsform gibt es Stimmungs- und Meinungsmacher. Die Frage bleibt hier offen: Kann man im, ach so liberalen Westen, jede Wahrheit äußern, ohne, dass man sich unversehens im Zentrum eines Shitstorms wiederfindet?

Und dennoch: Im Johannesevangelium steht der wichtige Satz Jesu: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“

Die Wahrheit wird sich immer durchsetzen! Es gibt keine echte Alternative als den Mut zur Stimme.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.


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