04.02.2022 Bruder Stefan Federbusch

Im Zeichen der Ringe

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Stefan Federbusch

Die Olympiade ist eine der bedeutsamsten Sportveranstaltung der Welt. Die 24. Olympischen Winterspiele werden heute in Peking eröffnet und sollen die Völker der Erde verbinden – eigentlich. Angesichts von Corona ist dies nur medial und virtuell der Fall. China hat die Athleten sorgsam isoliert, Zuschauer aus anderen Ländern nicht zugelassen. Der große Lebenstraum aller Sportlerinnen und Sportler könnte sich als Alptraum erweisen.

Zudem ist mit China ein Land als Ausrichter betraut worden, dessen Machthaber ein völlig anderes Verständnis von Menschenrechten haben als weite Teile der Welt. Bei allem Wohlwollen für andere kulturelle Zugänge und einer stärkeren Betonung von Kollektiv, Volk und Staat vor der einzelnen Person ist mit der Olympischen Charta von der jedem einzelnen Menschen zustehenden Würde nicht abzurücken. Die Umerziehungslager für Uiguren in der Provinz Xinjang, die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong, das Auslöschen der tibetischen Kultur oder das Vorgehen gegen Einzelpersonen wie der Tennisspielerin Peng Shuai sind unübersehbare Verletzungen der individuellen Menschenrechte.

Sportereignisse dieser weltweiten Größenordnung sind immer politisch und in der Gefahr, für ideologische Zwecke instrumentalisiert zu werden. Nun kann Sport nicht die Versäumnisse der Politik ausbügeln. Dennoch liegt die Verantwortung beim Internationalen Olympischen Komitee, die olympische Idee auch in der Auswahl der Austragungsorte stärker zu verwirklichen. Die Olympiaden sind jedoch gigantische Wirtschafts- und Werbeunternehmen und somit zählt letztlich – auch für das IOC – das Geld und dass die Kasse klingelt.

Bereits bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking gab es die Forderung nach einem Boykott. Wie so häufig, gibt es auch hier kein absolutes Richtig oder Falsch. Ein Boykott wäre einerseits ein starkes Zeichen, andererseits aber eine Blockade internationaler Begegnungen auf Kosten der sportlich Aktiven. Die Chance liegt darin, sich nicht nur von den Inszenierungen des Gastgebers blenden zu lassen, sondern das Scheinwerferlicht deutlich auf die Schattenseiten zu richten und Menschenrechtsverletzungen explizit zu benennen. Damit der Sport zu seinem Recht kommt, aber ebenso die von Menschenrechtsverletzungen Betroffenen.

Wenn heute die Fahne mit den olympischen Ringen gehisst wird, die 1913 von Pierre de Coubertin entworfen wurde, dann erinnert sie – auch den Gastgeber selbst – daran, dass ihre sechs Farben denen sämtlicher Nationalflaggen der heutigen Welt entsprechen und für die Verbundenheit aller Menschen miteinander stehen – mit gleicher Würde – ohne Ausnahme.


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