13.11.2020 Bruder Martin Lütticke

Martin, Donald und die Demut

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Martin Lütticke

Kurz nach der Bekanntgabe seines Wahlsieges sagte Joe Biden: „Ich bin geehrt und bin demütig über das Vertrauen, das das amerikanische Volk in mich setzt.“ Das erinnerte mich an den Satz von Angela Merkel, als sie 2005 zur Kanzlerkandidatin ernannt wurde: „Ich will Deutschland dienen.“ Die Worte ‚demütig‘ und ‚dienen‘ gehören eher nicht zum Wortschatz des bisherigen amerikanischen Präsidenten.

Als ich US-amerikanischen Mitbrüdern zum Wahlsieg des neuen Präsidenten gratulierte, lauteten die Reaktionen „Es gibt eine große Erleichterung im Land“ und „Er wird dem Land Frieden und Heilung bringen.“ und ich wurde gefragt, ob auch in Deutschland der Wahlsieg gefeiert wird. Wird er, die Erleichterung war auch hier zu spüren…

Natürlich habe ich auf einen Sieg von Biden gehofft. Den Politikstil von Trump finde ich unerträglich. Sein „America first“, das sich immer mehr als ein „Trump first“ herausstellte, steht gegen jedes im Wortsinn „katholische“ Verständnis einer Zusammengehörigkeit der Menschheitsfamilie. Und gleichzeitig bin ich irritiert, dass die Hälfte der US-Amerikaner um all dies wissend, ihn wiedergewählt hat. Es gibt nicht nur die deutsche oder europäische Brille, durch die er wahrgenommen wird. Ich möchte nicht 50 % der Amerikaner ihren gesunden Menschenverstand absprechen. Dennoch bleibt die Sorge vor dem, was man mittlerweile „Trumpismus“ nennt, ob in Amerika, in Europa oder in Deutschland.

In dieser Woche haben wir das Fest des Heiligen Martin von Tours gefeiert, eines der populärsten Heiligen des Kirchenjahres. Einer der bekanntesten Abschnitte aus seiner Lebensbeschreibung erzählt, wie die Menschen in Tours den äußerst beliebten Martin zum Bischof haben wollten, gegen seinen eigenen Willen. Die Worte ‚demütig‘ und ‚dienen‘ waren ihm sehr vertraut. Da schien das Bischofsamt nicht zu passen.

Die Geschichte hat es anders gefügt. Er wurde Bischof.

Im Mittelalter entstand die Legende, dass Martin sich in einem Gänsestall versteckt hat, um aus Bescheidenheit dem Bischofsamt zu entgehen, aber die Gänse ihn durch ihr Geschnatter verraten haben. Nicht immer sind die Lautesten die Passendsten für ein Amt. Und manchmal lässt lautes Geschnatter einen anderen in den Vordergrund rücken.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


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