20.11.2020 Bruder Stefan Federbusch

Querdenker

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Stefan Federbusch

Der Begriff „Querdenker“ ist für mich positiv besetzt. Er steht für mich für einen kreativen Prozess. Das konventionelle – also herkömmliche – Denken wird durchbrochen und es kann etwas Neues entstehen. Eine Querdenkerin, ein Querdenker, ist jemand, die / der eine andere Perspektive einnimmt, um ein Problem anders anzugehen wie sonst üblich, auch mal um die Ecke denkt und so eine Idee präsentiert, wo ich sage: „Hey wow, wäre ich gar nicht draufgekommen“.

Jesus war in meinen Augen solch ein Mensch, ein Andersdenker und Andersmacher, der die in uns sitzenden Muster auch religiöser Vorstellungen durchbrochen hat. Jesus war ein Querdenker, der Gottes neue Welt sichtbar gemacht hat. So hieß es in der Ausschreibung zu unseren Kar- und Ostertagen 2020. Da sie in diesem Jahr coronabedingt nicht stattfinden konnten, haben wir sie für 2021 wieder unter demselben Titel ins Programm genommen. Rückfrage unserer Agentur: ob wir den Begriff „Querdenker“ nicht besser durch einen anderen ersetzen wollten, der sei doch durch die Corona-Leugner zu sehr belastet.

In der Tat haben wir hier das Phänomen, wie ein Begriff von einer Bewegung „gekapert“ und „okkupiert“ wird. Der bislang vielfältig nutzbare Begriff wird nun einseitig mit den Anliegen dieser Bewegung in Verbindung gebracht, so dass ich ihn nicht mehr unbedarft nutzen kann, ohne selbst mit bestimmten Meinungen identifiziert zu werden.

Theologisch-biblisch gesehen ist dies dem Begriff „Heil“ passiert, der durch den Missbrauch der Nazis dermaßen in Misskredit geraten ist, dass sein positiver Gehalt kirchlich nur noch schwer zu vermitteln ist. Ähnliches droht nun dem Begriff „Querdenker“. Ich persönlich möchte mir diesen Begriff nicht nehmen lassen. Ich möchte weiter querdenken und mich über Menschen freuen, die dies tun. Gerade in der Kirche brauchen wir Querdenkerinnen und Querdenker, die die Botschaft Jesu den Menschen von heute auf kreative und zeitgemäße Weise kundtun, ohne ihr etwas von ihrer Sperrigkeit und Anstößigkeit zu nehmen. Christsein beinhaltet für mich Querdenkerin / Querdenker zu sein – allerdings a la Christus, nicht a la Coronaleugnung. In diesem Sinn bleibt der Begriff „Querdenker“ für mich als Christ positiv besetzt.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.