02.10.2020 Bruder Helmut Schlegel

Trotzdem! Zeichen des Aufbruchs

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche.

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Helmut Schlegel

Das Jammern hierzulande ist groß: Die Mitgliederzahlen sind fast überall rückläufig: in den Sportvereinen, den Musikgruppen, in den Parteien und nicht zuletzt in den Kirchen.

Was meist nicht gesehen wird: Das Bürgerengagement in Deutschland hat nicht ab-, sondern zugenommen. Die Zahl der gemeinnützigen Organisationen wuchs von 460.000 im Jahr 1997 auf 635.000 im Jahr 2017. Die Zahl der ehrenamtlich Engagierten Menschen im selben Zeitraum von 22 auf 31 Millionen. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich vermehrt und zunehmend in Aktions- und Projektgruppen. Gegen alle apokalyptischen Szenarien setzen Menschen – es sind nicht wenige – Zeichen des Aufbruchs. Das ermutigt.

Ich bewundere die junge Menschen, die am vergangenen Wochenende wieder an den Demonstrationen von Fridays for Future und anderen Organisationen für den Klimaschutz und die Energiewende teilgenommen haben. Dass sich der Großteil der Teilnehmenden an Abstandsregeln und Maskenpflicht hielt, spricht für die Seriosität ihrer Aktionen.

Ich bewundere die Menschen (vor allem die Frauen), die in Belarus am letzten Sonntag bereits zum 50. Mal auf die Straßen gingen – trotz abgeschaltetem mobilen Internet und gesperrten Bahnstationen. Ob ihr Kampf für einen demokratischen Wandel in ihrem Land Erfolg haben wird, weiß niemand. Aber das „Trotzdem“ ist eine Kraft, die auch Lukaschenko nicht niederknüppeln kann.

Die modernen Informationstechnologie ermöglicht es, sich durch ein paar Klicks an den Sozial- und Umweltaktionen zivilgesellschaftlicher Internetplattformen wie Attac, Lobby Control, change.org oder Campact zu beteiligen. Manche haben Erfolg. Beispiele: Der Protest gegen die Plastikflut hat inzwischen wichtige Verbündete in der Europäischen Union gefunden. – Die Initiative für Transparenz und Demokratie hat erreicht, dass das Lobbyregister auf der Tagesordnung der Großen Koalition steht. Damit kann die Verfilzung zwischen Politik und Wirtschaft aufgedeckt werden. – Selbst im Supermarkt entdecke ich inzwischen eine ganze Reihe von Produkten aus dem Fairen Handels. – Die nachhaltigen Geldanlagen haben sprunghaft zugenommen.

Die Einstellung der Bürger und ihr Verhalten verändert auch das politisches Handeln. Alles gut? Nein, aber die ermutigenden Zeichen sind mir wichtiger als die dunklen Narrative mancher Zeitgenossen.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


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