23.12.2016 Bruder Herbert Schneider

Johannes-Duns-Scotus und Martin Luther

Dialog mit der Reformation

Glasfenster im Franziskanerkloster in Paris. In der Mitte, unten, Darstellung des Seligen Johannes-Duns-Scotus mit Schreibfeder und Buch. Bild von commons.wikimedia.org
Glasfenster im Franziskanerkloster in Paris. In der Mitte, unten, Darstellung des Seligen Johannes-Duns-Scotus mit Schreibfeder und Buch. Bild von commons.wikimedia.org

Johannes Duns Scotus wurde im Jahr 1266 in dem Städtchen Duns in Schottland geboren. Duns ist wohl auch sein Familienname. Da es noch andere Duns gab, hieß er eben: Duns, der Schotte. Er trat wohl vor 1291 in den Franziskanerorden ein, vermutlich durch Vermittlung seines Onkels, der Franziskaner war. Belegt ist, dass er im Jahre 1291 in Northhampton die Priesterweihe erhielt.

Seine auffallend hohe Begabung ließ den jungen Franziskanerbruder schon sehr früh Professor der Theologie und Philosophie in Cambridge und Oxford werden, wo er, wie damals üblich, über den Sentenzenkommentar des Petrus Lombardus Vorlesungen hielt. Von 1302 an war er Professor an der damals berühmtesten Universität, nämlich zu Paris. Dort galt er schon als der „Doctor Subtilis“, das heißt als der „scharfsinnige Lehrer“.

Da Johannes Duns Scotus in der damaligen Auseinandersetzung des Königs Philipp des Schönen von Frankreich mit Papst Bonifaz Vlll. sich weigerte, ein Schreiben des Königs für ein allgemeines Konzil gegen den Papst zu unterschreiben, wurde er vom König des Landes verwiesen. Der Generalminister des Ordens empfahl ihm, nach Köln zu gehen. Sogleich machte sich Duns Scotus auf den Weg und wurde in Köln im Jahr 1307 freundlich empfangen. Nach einem Jahr starb er am 8. November 1308 in Köln und wurde dort in der Minoritenkirche begraben, wo bis heute sein Grab ist.

In Köln schrieb Johannes Duns Scotus sein letztes Werk „De Primo Principio“ („Über das Erste Prinzip“), in welchem er die Absolutheit und Universalität des Handelns Gottes darlegte. Damit gab er noch einmal seinem Hauptanliegen Ausdruck: Gott in der Freiheit seines Handelns und damit der Erschaffung der Welt und des Menschen.

Hier schon behandelte Duns Scotus ein zentrales Thema, das gut 300 Jahre später für Martin Luther zentral wurde: die absolute Freiheit des Willens Gottes. Während Gottes Wille in sich absolut frei ist, ist dieser Wille zur Schöpfung hin kontingent: Gott kann die Schöpfung wollen und schaffen und auch nicht wollen und schaffen. Bekannt ist der Wille als Wahlfreiheit, nämlich etwas zu wollen oder auch nicht zu wollen; er ist zugleich Aktfreiheit, nämlich im selben Moment der Entscheidung auch nicht zu entscheiden. Hier können wir mit Luther in seinem Ringen um einen gnädigen Gott, der absolut frei ist, ihm gnädig zu sein oder nicht, ins Gespräch kommen. Nun aber hat Duns Scotus darauf hingewiesen, dass Gottes Freiheit des Willens keine Willkürfreiheit ist, wie oft behauptet wird, vielmehr Vollzug des jetzt erkannten Gutseins. Scotus sagt, dass Gott auf das Vernünftigste und Geordnetste will und dabei aus höchster Liebe (Ord. 32, q.un. n.6). Daher betet Duns Scotus in seinem genannten Werk „Über das Erste Prinzip“: „Du allein, o Gott, bist ohne Grenzen gut! Du allein, o Gott, teilst deine Güte freigebig mit!“ (Über das Erste Prinzip, Nr. 92). Gottes Freigebigkeit besteht also gemäß seiner Güte.

Dieses freie Handeln des Willens Gottes ist ein personales Handeln, denn es ist ein Handeln personaler Liebe. Dieser Gedanke des Duns Scotus kommt gut mit dem Denken Martin Luthers überein, dass Gott ihm gnädig, also liebend, entgegenkommt. Aber Duns Scotus betont und dies ist für das Gespräch mit der Reformation wichtig, dass der Mensch von Gott einen geschöpflichen Willen zur Mitwirkung mit dem Willen Gottes hat, also Gott nicht absolut allein handelt. Und dass der Mensch natürlich auf Gott hin veranlagt ist, aber die Erfüllung von Gott her erhält. Gott und Mensch stehen hier bei Duns Scotus in personaler Begegnung, wobei Gott der Erfüllende ist.

Hier begegnen wir einem zentralen Denken des Johannes Duns Scotus, das für das Gespräch mit der Reformation bedeutsam ist und wird: Der Mensch ist von Gott zur Mit-Liebe erwählt. Luther wie Duns Scotus betonen, dass Gott zuhöchst Freiheit der Liebe in sich selbst ist, ohne von außen angeregt zu sein. Gott hat aber eine schenkend barmherzige Liebe, was auch Duns Scotus annimmt.

Duns Scotus bedenkt diese Liebe Gottes und stellt fest, dass Gott freudvollste Liebe ist und sich vollkommen freudig selbst liebt, wie er deutlich im vierten Kapitel seines Werkes „Über das Erste Prinzip“ herausstellt. Und ihm wird deutlich: Freude ist mitteilsam. Gott teilt seine Freude vollkommen in seinem Sohn mit. Dieser Sohn ist Mensch geworden und so der Gott-Mensch. Als Gott-Mensch hält er unter uns Menschen den Primat der Liebe als Mit-Liebe. Alle Menschen sind zur Mit-Liebe berufen.

Der Mensch ist also nicht zuerst auf Erden, um Gott zu lieben und dadurch in den Himmel zu kommen, sondern mehr: um in Partnerschaft Mit-Liebender Gottes zu sein. Dies ist auch die franziskanische Spiritualität: jedem einzelnen Menschen ein Begleiter als Mit-Liebender in der Heiligkeit von Gottes Liebe zu sein, und zwar in den Bewährungen der Welt. Hier ist in der Mit-Liebe ein personal-dialogischer Weg des Menschen zu und mit Gott aufgezeigt, vollkommen im Gott-Menschen Jesus Christus. Das Leben Jesu Christi, das er mit uns führt, zeigt uns, dass es den persönlichen Gott gibt, der den Menschen anspricht und zur Mit-Liebe einlädt, sodass der Mensch würdig, frei und schön ist und als solcher die Antwort der Liebe als Mit-Liebe gibt. Hier wird uns ein sehr ermutigendes Verständnis von Leben und Wirken des Menschen gezeigt. Der Mensch kann hier auf Erden seine konkrete Geschichte positiv mit Gott in die Hand nehmen, eben in den menschlichen Begegnungen als Mit-Liebe.

Auch für die persönliche Lebenshaltung ist es hilfreich, nun in der Intimität seiner Seele die Liebe Gottes wahrzunehmen, willkommen zu heißen und mit ihm zu lieben. Der Mensch darf die Liebe Gottes in seiner Seele lieben und so liebend in der Liebe Gottes leben. Das gilt für beide: für Duns Scotus und für Luther.

Bild des Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus im Gestus eines Gelehrten. Als Theologe trägt er die Doktorenmütze und stützt sich auf das Evangelienbuch. Quelle: wikimediaDunsScotus
Bild des Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus im Gestus eines Gelehrten. Als Theologe trägt er die Doktorenmütze und stützt sich auf das Evangelienbuch. Quelle: wikimediaDunsScotus

Darin ist jeder Mensch einzig. Jeder Mensch ist in Einzigkeit von Gott erwählt und kann gerade in der Einzigkeit seiner von Gott geschenkten Liebe sich öffnen und Gott sowie die Mitmenschen lieben, eben in Mit-Liebe. Einzigkeit und Liebe gehören zusammen. Nur wer sich einzig selbst in Liebe annimmt, kann sich öffnen und in Begegnung mit den anderen in Liebe treten. Duns Scotus nennt es: incommunicabilis existentia: Selbststand im Hervortreten, das heißt in Begegnung, und dies gerade in der Mit-Liebe, eben als Mit-Bruder und Mit-Schwester und so auch in einer geschwisterlichen Kirche. Der Mensch ist sich gegeben (incommunicabilis) und zugleich aufgegeben (existentia) zum Du hin. Nur wer sich besitzt, kann sich mitteilen.

Daher gibt es nach Johannes Duns Scotus keine Verzerrung als „Lust an der Selbstauslöschung“ im Sinne von: Wo ich nichts bin, kann Gott alles sein. Aufgeben meiner selbst, damit Gott allein erhaben ist. Diese Auffassung steht gegen die Mit-Liebe. Echte Mystik ist nach Duns Scotus liebende Begegnung, in der wir immer tiefer in das Liebesverhältnis von Gott und Mensch eingehen, wobei Gott der sich kundtuende und einladende ist. Das ist die Herrlichkeit (doxa) seiner Liebe, von welcher der heilige Paulus spricht (1 Kor 3,18), die mehr ist als der Mensch ersinnen und erdenken kann, aber so ihn erhebt und erfüllt. Dann gilt: Das Entscheidende muss der Mensch von Gott empfangen, wie Luther mit Scotus übereinstimmt, aber zugleich darf der Mensch dankend mit-lieben mit dem sich schenkenden Gott. Es ist also eine Liebe als Vereinigung personal von Ich des Menschen und Du Gottes. Die Erfahrung der Vereinigung ist die fruitio, das selige Genießen und Ruhen in Gott, eben dieses Erfreuen der Liebe, die auch Freundschaftsliebe genannt wird.

Diese Liebe ist in sich das Gute. Daher gilt für Duns Scotus der Satz: Gott will etwas nicht, weil es gut ist, denn dann wäre das Gute außerhalb von Gott, sondern etwas ist gut, weil Gott es will, denn sein Wille ist in sich gut. Das Gute ist darum gut, weil Gott, der gut ist, es will. Gott entscheidet und handelt gemäß seinem Gutsein, das er stets erkennt. Daher gilt das Wort vom ordo amoris, von der Ordnung der Liebe. Die Liebe bringt mit sich das Gutsein.

Dies ist im Gespräch mit der Reformation wichtig. Ich kann zutiefst vertrauen auf das Gutsein und Gutwollen der Liebe Gottes, ohne Misstrauen und Angst, ob Gott mir, dem Sünder, wohl gut sein werde. Gott kann nichts Übles machen, vielmehr repräsentiert alles Seiende Gottes Wesen und Güte, wogegen der Mensch sich allerdings verfehlen kann, da er in Freiheit dieses Gutsein annehmen soll. Im eigenen Akt der Liebe vereinigt sich der Wille des Menschen mit Gott, der ihm seine Liebe schenkt.

Gott kann, so Johannes Duns Scotus, nicht wollen, dass wir ihn nicht lieben, denn oberstes Prinzip ist: Gott ist zu lieben Deus diligendus est. Der Mensch realisiert es in der Mit-Liebe. Je mehr die Menschen zusammen sich vereinigen, desto mehr findet jeder Mensch zu sich selbst; je mehr sich ein Mensch personalisiert, umso mehr vereinigt er sich. So lebt er konkret ganz gemäß der Liebe Gottes. Die Berufung des Menschen besteht darin, sich in Mit-Liebe mit dem göttlichen Lieben und dem göttlichen Werk der Vollendung des Menschen zu vereinigen, wie es Jesus Christus vollkommen und vollendet getan hat.

In dieser Berufung können sich nicht nur Johannes Duns Scotus und Martin Luther, sondern wir alle vereinigen und eine menschliche Zukunft gestalten.

Pater Dr. Herbert Schneider OFM (78), ehemaliger Provinzial der Kölner Franziskanerprovinz, ist Leiter der Duns-Scotus-Akademie in Mönchengladbach und Herausgeber und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.

 


3 Kommentare zu “Johannes-Duns-Scotus und Martin Luther

  1. Hallo, ich hätte Fragen zum Artikel „Johannes-Duns-Scotus und Martin Luther“ von Pater Dr. Herbert Schneider. Ich bin über das Omnipotenzprinzip (Gott ist in seiner Schöpfung frei und niemandem Rechenschaft schuldig) auf Ihren Artikel auf der Homepage der Franziskaner gestoßen. Zwischen Duns Scotus und Luther schein eine Lücke zu klaffen: Wilhelm von Ockham. Ist letzterer für die Argumentation nicht notwendig, oder wurde er durch Zufall vergessen? Beschäftigt sich bei den Franziskanern in Deutschland jemand mit Wilhelm von Ockham? Gefühlt stammt die meiste Literatur – so mein unvollständiger Stand – aus der Philosophie (z.B. J. P. Beckmann).

    Vielen Dank und viele Grüße,
    Ralph Stömmer

  2. Vielen Dank für Ihre Frage Ralph. Wenn es um die Franziskaner und Luther geht, kann eindeutig geantwortet werden, dass gewiss häufig auch Ockham einbezogen ist. Ich habe nicht alle Literatur präsent, aber kann im Moment nennen:
    • Jürgen Miethke: Wilhelm von Ockham: Dialogus, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992.
    • AlbertMock: Abschied von Luther, Luthe-Verlag, Köln 2008, S. 22 ff.
    • Walter Hoeres: Die verratene Gerechtigkeit, Patrimonium Verlag in der Verlagsgruppe Mainz, Aachen 2015, S. 147 ff.
    • Heinz Schütte: Um die Wiedervereinigung im Glauben, Verlag Fredebeul & Koenen, Essen 1958.

    Neben Ockham gab und gibt es noch viele Franziskaner, die sich mit Luther befassten, z.B.
    • Nikolaus Herborn
    • Johannes Heller von Korbach
    • Friedich Myconius
    • Johannes Hayo
    • Thomas Murner
    • Kaspar Schatzgeyer

    Die von Herbert Schneider geleitete Tagung der Johannes-Duns-Skotus-Akademie im Oktober 2016 in Hofheim hatte zum Thema: „Die Franziskaner und die Reformation“. Die Vorträge werden im Laufe dieses Jahres als Band 36 der Veröffentlichungen der Johannes-Duns-Skotus-Akademie erscheinen.

    1. Hallo Herr Natanael, vielen Dank für die zahlreichen Hinweise! Nach einiger Beschäftigung mit dem Thema scheint es so, als ob die Franziskaner schon vor Jahrhunderten – aus den ureigenen Ordensprinzipien der Eigentumslosigkeit und Beschränkung auf das Notwendigste, auch in der Argumentation, heraus – einen schlüssigen Satz von Prinzipien formuliert haben, mit denen sich jedwede absolutistische Machtansprüche hinterfragen und logisch widerlegen lassen (kein Mensch könne Irrtumsfreiheit für sich reklamieren, und da Gott in seinem Handeln frei ist und alles auch anders hätte kommen können, kann kein Despot den Status Quo als notwendige Konsequenz einer zweifelsfreien Ursache für sich reklamieren). Das ist ja gerade wieder hochaktuell, wenn man schaut, mit welch despotischem Selbstverständnis demokratisch gewählte Staatoberhäupter durch die Werteordnung pflügen.

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