21.01.2021 Thomas Kleinveld / Franciscans International

Der vergessene Konflikt

Franciscans International vertritt Rechte der benachteiligten Minderheit in Kamerun

Es war kurz vor Mittag, als am 24. Oktober 2020 bewaffnete Männer in die Mutter-Francisca-Schule im Südwesten Kameruns eindrangen und das Feuer eröffneten. Sieben Kinder, die gerade Französischunterricht hatten, wurden getötet. Dieser Angriff wurde weltweit verurteilt, doch er war nur einer von vielen Gewaltakten in einem Konflikt, der sonst vom Rest der Welt kaum wahrgenommen wird. Mindestens 3.000 Menschen wurden bisher getötet und Hunderttausende vertrieben. Die Konfliktlinie läuft zwischen der englischsprachigen Minderheit und der französischsprachigen Mehrheit des Landes. Seit Jahren fühlt sich die Minderheit im Nordwesten des Landes unterdrückt und benachteiligt, separatistische Gruppen und Regierungstruppen liefern sich einen brutalen Kampf um die Vorherrschaft in den anglophonen Gebieten.

Inmitten der Wirren dieser Auseinandersetzung befinden sich die Tertiärschwestern vom heiligen Franziskus. Sie sind eine von vielen franziskanischen Gemeinschaften, die sich jedes Jahr mit Bitte um Hilfe an Franciscans International wenden. Die Kongregation hatte 1936 ein Krankenhaus in Shisong gegründet, das sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem der besten in der Region entwickelte. Heute ist das Herzzentrum in ganz Westafrika bekannt. Da kleinere Kliniken aufgrund der Kämpfe geschlossen wurden, behandeln die Schwestern auch immer mehr Opfer des „anglophonen Konflikts“. Die Schwestern haben sich verpflichtet, all denen zu helfen, die zu ihnen kommen, unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit. Das hat sie zur Zielscheibe beider Seiten gemacht.

Wie so viele Konflikte in Afrika lassen sich die Verwerfungen, die ihn anheizen, auf die Entscheidungen der europäischen Kolonialmächte zurückführen. Zuerst vom Deutschen Reich kolonisiert, wurde Kamerun am Ende des Ersten Weltkriegs zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Als überall in Afrika die Unabhängigkeit erstritten wurde, fand 1961 ein Referendum über die Zugehörigkeit des bisher britischen Südkamerun statt. Die Bevölkerung konnte entscheiden, ob sie Teil Nigerias oder der neu gegründeten République du Cameroun werden wollte. Vollständige Unabhängigkeit – die beliebteste Option – stand nie zur Wahl.

Die Spannungen zwischen der anglophonen Minderheit und der frankophonen Mehrheit schwelten lange, bis sie 2016 einen Siedepunkt erreichten. Zuerst gingen Anwälte aus Protest auf die Straße, weil ihnen die Regierung die offiziellen englischen Übersetzungen von Gerichtsdokumenten vorenthielt. Einen Monat später schlossen sich ihnen Lehrkräfte und Studierende an. Die Sicherheitskräfte reagierten mit tödlicher Gewalt und schalteten das Internet ab. Diese Reaktion provozierte separatistische Gruppierungen dazu, 2017 ein unabhängiges „Ambazoni“ zu erklären. Seitdem eskaliert die Gewalt.

Regierungstruppen haben wiederholt Razzien im Krankenhaus der Schwestern durchgeführt und die Ordensfrauen und ihre Schützlinge bedroht. 2019 wurden zwei als Ärztinnen tätige Schwestern und elf Novizinnen entführt und von separatistischen Gruppierungen als Geiseln gehalten. Hinzu kommen Anschläge auf die medizinische Infrastruktur. „Erst vor wenigen Wochen geriet unser Klosterbus ins Kreuzfeuer. Das Fahrzeug wurde zerstört, aber wir danken Gott, dass keine Schwestern getötet wurden“, sagt eine der Ordensfrauen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte.

Nach vier konfliktträchtigen Jahren, die von weitverbreiteten Vorwürfen über Folter, unverhältnismäßiger Gewalt, gezielter Verfolgung von Zivilistinnen und Zivilisten sowie anderen Menschenrechtsverletzungen gekennzeichnet waren, gibt es wenig Hoffnung auf eine baldige innerstaatliche Lösung. Nur wenige Fachleute glauben, dass die Regionalwahlen im Dezember, wie kürzlich von Präsident Biya angekündigt, zu einem Ende der Gewalt führen werden.

Franciscans International arbeitet mit Nachdruck daran, die Aufmerksamkeit der UN auf die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in den anglophonen Regionen zu lenken. Leider war bisher wenig Bereitschaft zu erkennen, sich dieser Problematik anzunehmen. Dennoch darf die Welt nicht die Augen vor der Situation in Kamerun verschließen. Bis die internationale Gemeinschaft sinnvolle Maßnahmen ergreift, werden die Franziskanerinnen und Franziskaner dafür sorgen, dass die Stimmen der Opfer in den Hallen der UN in Genf und New York zu Gehör gebracht werden.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Winter 2020


Franciscans International (FI) hat als Nichtregierungsorganisation einen allgemeinen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und Zugang zu allen wichtigen UN-Gremien. FI ist eine gemeinsame Organisation der weltweiten Franziskanischen Familie. Mit Büros in Genf und New York bringt sie als Anwältin für Menschenrechte Anträge ein und unterstützt Angehörige benachteiligter Gruppen, ihre Anliegen direkt vor den zuständigen UN-Gremien zu vertreten.

 


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